Duale Bildung
Neuer «Mister Berufsschule»: «Die Berufsbildung ist und bleibt attraktiv»

Der neue «Mister Berufsschule» der Schweiz, der Direktor des BBZ Olten Georg Berger (Lostorf), sieht im Berufsbildungswesen etliche Herausforderungen, wie er im Interview darlegt.

Beat Nützi
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Die Schweizerische Direktorinnen- und Direktorenkonferenz der Berufsfachschulen wählte am Freitag in Solothurn den Direktor des BBZ Olten, Georg Berger (r.), zum neuen Präsidenten. Vorgänger Claude-Alain Vuille gratuliert.

Die Schweizerische Direktorinnen- und Direktorenkonferenz der Berufsfachschulen wählte am Freitag in Solothurn den Direktor des BBZ Olten, Georg Berger (r.), zum neuen Präsidenten. Vorgänger Claude-Alain Vuille gratuliert.

Hansjörg Sahli

Was hat Sie zur Übernahme des SDK-Präsidiums motiviert?

Georg Berger: Ich bin seit knapp 15 Jahren Mitglied der Schweizerischen Direktorinnen- und Direktorenkonferenz der Berufsfachschulen SDK, davon 7 Jahre als Vizepräsident im Vorstand. In dieser Zeit konnte ich wesentliche Geschäfte und Projekte der Organisation mitprägen, darunter etwa die Übernahme der Geschäftsführung der Interessengemeinschaft für Bekleidungsberufe oder die Validierung der allgemeinbildenden Schullehrpläne. Einerseits bin ich also bestens mit den Aufgaben und Tätigkeiten der Konferenz vertraut, andererseits möchte ich mich für die Weiterentwicklung der Berufsfachschulen in der Schweiz vor dem Hintergrund der Digitalisierung und Globalisierung engagieren. Es gibt zahlreiche Herausforderungen.

Was sind derzeit die grössten Herausforderungen für die Berufsfachschulen in Bezug auf die berufliche Grundausbildung und die Berufsmaturität (Sekundarstufe II)?

Aus bildungspolitischer Sicht sind die Herausforderungen bezüglich der Entwicklung der Berufsbildung riesig. Der Bund bzw. das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI hat diesbezüglich das Projekt «Berufsbildungsstrategie 2030» lanciert. Die Forderung nach einer Modularisierung der Grundbildung ist derzeit in aller Munde. Hier werden die Schulen gefordert sein. Denn es geht darum, die Effektivität der dualen Bildung für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes auch in Zukunft sicherzustellen. Was die Berufsmaturität angeht, sind wir gefordert, die Attraktivität dieses Lehrganges angesichts einer tendenziell steigenden Quote der gymnasialen Maturität mit verschiedenen Massnahmen, zum Beispiel der Entlastung der BM während der Lehre in Schule und Lehrbetrieb, auszubauen. Es genügt ein Blick nach Basel-Stadt. Hier haben sich aktuell 45 Prozent aller Sekundarschüler für das Gymnasium qualifiziert.

Zur Person Georg Berger ist 54-jährig, verheiratet (2 Kinder) und wohnt in Lostorf. Der ausgebildete Berufsschullehrer für allgemeinbildende Fächer ist seit 1990 am Berufsbildungszentrum (BBZ) Olten tätig, seit 2004 als Rektor der Gewerblich-industriellen Berufsschule (GIBS) und seit 2009 als BBZ-Direktor. Er engagiert sich in Olten auch im Kulturbereich, zum Beispiel als Präsident des Buchfestivals. Die Freizeit verbringt er am liebsten mit der Familie oder mit Sport. (bn)

Zur Person Georg Berger ist 54-jährig, verheiratet (2 Kinder) und wohnt in Lostorf. Der ausgebildete Berufsschullehrer für allgemeinbildende Fächer ist seit 1990 am Berufsbildungszentrum (BBZ) Olten tätig, seit 2004 als Rektor der Gewerblich-industriellen Berufsschule (GIBS) und seit 2009 als BBZ-Direktor. Er engagiert sich in Olten auch im Kulturbereich, zum Beispiel als Präsident des Buchfestivals. Die Freizeit verbringt er am liebsten mit der Familie oder mit Sport. (bn)

Bruno Kissling

Und bei der Höheren Berufsbildung (Tertiärstufe)?

Wer in der Schweiz von Tertiärstufe spricht, bezieht sich oft auf die Fachhochschulen und Universitäten. Dass aber neben jährlich 30'000 Bachelorabschlüssen in etwa gleich viel Abschlüsse in Lehrgängen der höheren Berufsbildung oder an Höheren Fachschulen erworben werden, geht dabei vergessen. Die Höhere Berufsbildung mit ihrem ausgeprägten Bezug zum Arbeitsmarkt ist für den Wohlstand und die Prosperität unseres Landes von unverzichtbarem Wert. Neben der Finanzierung müssen wir, ohne aber in die Akademisierungsfalle zu geraten, unbedingt die Berufsabschlüsse bzw. die Berufstitel international verständlicher machen. Diesbezüglich unterstütze ich die Forderung des Schweizerischen Gewerbeverbandes, der die Einführung der Titel Professional Bachelor oder Professional Master postuliert.

Und hinsichtlich der berufsorientierten Weiterbildung?

Gemäss einer Studie von Avenir Suisse fordern 2030 gegen 60 Prozent der neuen Jobs Qualifikationen, über die heute nur 20 Prozent der Belegschaft verfügen. Wir stehen angesichts des teilweise dramatischen Wandels in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft vor unwahrscheinlichen Herausforderungen, was die Qualifizierung des Personals angeht. Es versteht sich von alleine, dass dabei der berufsorientierten Weiterbildung eine sehr grosse Bedeutung zukommt.

Welchen Stellenwert haben an den Berufsfachschulen die Erwachsenen- und die Nachholbildung?

In der Schweiz verfügen über 400'000 Erwerbstätige über keinen Berufsabschluss. Der Bund hat jüngst ein Programm zur Förderung der Grundkompetenzen am Arbeitsplatz im Umfang von 13 Mio. Franken gesprochen. Bei der Bereitstellung entsprechender Angebote stützen sich die Anspruchsgruppen namentlich auf die Expertise von Berufsfachschulen, die sich über sehr grosse Erfahrungen beim Berufsabschluss von Erwachsenen ausweisen können.

Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt tragen zur Finanzierung der Berufsbildung bei – funktioniert das reibungslos?

Grundsätzlich ist das System funktionsfähig. Allerdings hat die Umstellung zur Subjektfinanzierung nach meiner Wahrnehmung in der höheren Berufsbildung zu Unsicherheiten bei den Studierenden und Anbietern geführt. Bei der Finanzierung des Berufsabschlusses für Erwachsenen sind die Hausaufgaben aber noch nicht vollständig gemacht. Zur Erhöhung der Berufsabschlussquote ist es nötig, dass sich die Kantone auf ein Freizügigkeitsabkommen für die lernwilligen Erwachsenen einigen. Dieses steht noch aus.

Die Internationalisierung der Bildungs- und Arbeitswelt stellt die Berufsbildung vor spezielle Herausforderungen. Wie ist diesen zu begegnen, wie kann die duale Berufsbildung auf internationaler Ebene gestärkt werden?

Mit einer Richtlinie zur gezielten Einführung von Elementen der dualen Bildung fördert die Europäische Union den Systemwechsel hin zu einer Berufsbildung nach Schweizer Vorbild. Aus gutem Grund. Sie möchte damit die Zahl der 70 Mio. Niedrigqualifizierten senken und deren Beschäftigungsfähigkeit stärken. Die Schweiz tut also gut daran, darauf zu achten, dass sie ihren Vorsprung in der Berufsbildung nicht preisgibt. Sie sollte zum Beispiel auch internationale Partnerschaften anstreben, um von Innovationen anderer Länder profitieren zu können.

In verschiedenen Branchen können die Lehrstellen nicht mehr besetzt werden – entwickelt sich die Berufslehre zum Auslaufmodell?

Überhaupt nicht. Es ist einfach so, dass die angebotene Anzahl Lehrstellen die Nachfrage um 8000 übersteigt. Während das Lehrstellenangebot stabil geblieben ist, hat sowohl die Lehrstellennachfrage als auch die Anzahl Jugendlicher vor der Ausbildungswahl zugenommen. Die Berufsbildung ist und bleibt attraktiv.

Weshalb sind vor allem handwerkliche Berufe bei den Jungen nicht mehr gefragt?

Gemäss Lehrstellenbarometer haben es infolge eines schwindenden Interesses vor allem technische Berufe schwierig, was die Besetzung der Lehrstellen angeht. Dafür ist der Nachfrageüberhang in Dienstleistungs- und Gesundheitsberufen sehr gross. Generell hat das Image von Handwerksberufen in den letzten Jahren gelitten bei den Jungen. Ich möchte aber einräumen, dass es an den Branchen und ihren Betrieben liegt, hier Gegensteuer zu geben.

Auch Lehrabbrüche häufen sich. Wo sehen Sie die Ursachen?

Die Lehrstellenabbrüche liegen bei rund 10 Prozent. Stark betroffen von Lehrstellenabbrüchen sind Lernende in Gastroberufen und im Friseurgewerbe. Ein statistisch grösseres Risiko für Lehrabbrüche tragen zudem Lernende mit Migrationshintergrund und Lernende in Attestlehren. Die Gründe für die Abbrüche sind vielschichtig und im Grund noch zu wenig erforscht. Neben persönlichen Merkmalen der Lernenden spielen Betriebsstrukturen und Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle beim Auftreten von Lehrabbrüchen. Ganz bestimmt ist es eine wichtige Daueraufgabe der Ausbildungspartner, Lehrabbrüchen vorzubeugen.

Was kann die SDK zu Schulentwicklung und Qualitätsförderung in den Berufsschulen beitragen?

Die SDK ist eine von sieben Schulleiterkonferenzen, die sich unter dem Dach der «Table Ronde Berufsbildender Schulen» für eine ganzheitliche und qualitativ hochstehende duale Bildung einsetzt. Als eigenständige Konferenz sorgt die SDK für den Informations- und Meinungsaustausch innerhalb ihrer Konferenz und auf der Ebene der Table Ronde. Sie ist eine wichtige Anlaufstelle für die Verbundpartner Bund, Kanton und Organisationen der Arbeitswelt und sorgt zusammen mit ihnen dafür, dass sich die Berufsbildung auf die zentralen Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausrichtet. In diesem Sinne ist die SDK ein unverzichtbares Element der nationalen Bildungspolitik.

Welchen Einfluss hat der neue Lehrplan der Volksschule mit der Kompetenzorientierung auf die Berufsschulen?

Die sprachregionalen Lehrpläne, das heisst der Lehrplan 21, der Plan d’études romand und der Piano di studio, sorgen dafür, dass sich die Volksschule an nationalen Bildungsstandards ausrichtet. Für die Berufsbildung ist das ein wesentlicher Fortschritt, da die Homogenität der Lernenden zu Beginn der beruflichen Grundbildung gestärkt wird, zumal die Berufsbildung national koordiniert wird und viele Lernende die Berufsfachschule ausserhalb ihres Kantons besuchen.

Wie stellen sich die Berufsfachschulen auf die Digitalisierung und Roboterisierung der Arbeitswelt ein?

Die Industrie 4.0 macht auch vor der Berufsfachschule nicht Halt. Ganz im Gegenteil. Berufsfachschulen engagieren sich bei der adäquaten Qualifizierung von Fachkräften im Bereich der beruflichen Grund- und Weiterbildung beispielsweise in enger Zusammenarbeit mit Swissmem. Mit Blended Learning sorgen die Berufsfachschulen zudem dafür, dass das schulische Lernen flexibilisiert und auf die Bedürfnisse der Lernenden und Studierenden sowie des Arbeitsmarktes ausgerichtet wird. Berufsfachschulen sind als Wirtschaftsschulen ausgesprochen aktiv hinsichtlich der digitalen Berufs- und Unterrichtsentwicklung.

Wie fördert die SDK die soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit, wie sie es in einem Thesenpapier als Ziel formuliert hat?

Die SDK engagiert sich in nationalen Netzwerken und Arbeitsgruppen wie zum Beispiel Myclimate, Education 21 oder SwissCore. Alle diese Organisationen verpflichten sich in unterschiedlicher Art und Weise sozialen, ökonomischen oder ökologischen Fragestellungen, die die Nachhaltigkeit fördern.

Welchen Stellenwert haben das Berufsbildungswesen und die Berufsschulen im Kanton Solothurn – wo liegen die Stärken und Schwächen?

Die duale Bildung geniesst im Kanton Solothurn grosses Ansehen. Zwei Drittel der Jugendlichen schlagen den berufsbildenden Weg ein. Die organisatorischen und politischen Rahmenbedingungen sind bei uns meines Erachtens ausgezeichnet. Dafür sorgen nicht zuletzt das zuständige Departement für Bildung und Kultur und das Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen. Eine Stärke dürfte wohl im Ausbau der Infrastruktur und der Entwicklung von ICT-Grundlagen liegen. So führen sämtliche Schulen der Sekundarstufe II ab Schuljahr 2018/19 das Konzept von «Bring Your Own Device» ein.

Zu den Schwächen: Aufgrund des anhaltenden Projektstopps können leider keine neuen und wichtigen Entwicklungsprojekte initiiert werden, darunter fällt zum Beispiel die Einführung von bilingualem Unterricht in der beruflichen Grundbildung.

Gibt es etwas, das die Solothurner Berufsschulen speziell auszeichnet?

Solothurner Berufsfachschulen haben interkantonal gesehen in zwei Bereichen die Nase vorne bzw. gehören hier zu den Besten ihres Faches. Was den Berufsabschluss für Erwachsene angeht, führt der Kanton jährlich über 300 Kursteilnehmer zum Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis. Zudem fördern die beiden Erwachsenenbildungszentren in Solothurn und Olten, in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Verband für Erwachsenenbildung und aktiv unterstützt durch den Präsidenten des Industrievereins Solothurn, Josef Maushart, die Grundkompetenzen am Arbeitsplatz und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Fachkräfte in der Industrie. Bezüglich der Kompetenzorientierung belegt die Höhere Fachschule für Pflege in Olten jeweils einen Spitzenplatz im Rahmen des internationalen Projekts «Komet» unter der Federführung von Professor Felix Rauner von der Uni Bremen.

Was würden Sie ändern, wenn Sie dazu die Vollmacht hätten?

Wegen des immer rascher werdenden Wandels in der Berufs- und Arbeitswelt und zur Qualifizierung von Fachkräften sehe ich die Notwendigkeit, dass die Rolle der Berufsfachschulen in der traditionellen Verbundpartnerschaft zwischen Bund (Steuerung), Kantone (Ausführung) und Organisationen der Arbeitswelt (Inhalte) formalisiert, aufgewertet und geschärft werden muss. Berufsfachschulen agieren heute neben ihrem Kerngeschäft, dem Unterricht in der beruflichen Grund- und Weiterbildung, zunehmend als Partner der Betriebe und Branchen in der Personal- und Berufsentwicklung.

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