Luterbach

Neuer Alzheimer-Wirkstoff: Biogen überrascht mit einer Spitzkehre

Die hochmoderne neue Produktionsanlage der Biogen. (Archiv)

Die hochmoderne neue Produktionsanlage der Biogen. (Archiv)

Noch im März sah es so aus, als wäre der Alzheimer-Wirkstoff Aducanumab für Biogen vom Tisch. Nun gibt es neue Erkenntnisse – und konkrete Schritte für die Marktzulassung. Das wäre ein veritabler Durchbruch.

Kommt es doch noch zum Durchbruch bei der Zulassung des Alzheimer-Wirkstoffs Aducanumab? Auszuschliessen ist es nicht. Mehr noch: Wenn es nach den jüngsten Verlautbarungen des US-Konzerns Biogen geht, der in Luterbach seine grösste Produktionsstätte baut, steht die erfolgreiche Spitzkehre offenbar unmittelbar bevor. Konkret: Das Biotechunternehmen beantragt bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung für seinen Wirkstoff.

Das ist umso überraschender, als die Biogen-Spitze im März noch verkündet hatte, aufgrund der vorliegenden Studiendaten seien die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einführung von Aducanumab nicht gegeben. Es war ein Schlag für die Patientinnen und Patienten, die auf das Medikament hofften. Es war ein Schlag für das Unternehmen, das in Luterbach gerade eine neue Produktionsstätte für 600 neue Mitarbeitende zum Preis von 1,5 Milliarden Franken baut. Und es war ein Schlag für die Aktionäre, deren Papiere in den Keller sausten. Der Biogen-Kurs brach nach der Ankündigung im Frühling regelrecht ein und erholte sich seither nicht mehr.

Der abgesackte Aktienkurs schnellt in die Höhe

Bis Anfang Woche die Ankündigung von Biogen kam, die Zulassung von Aducanumab entgegen früheren Ankündigungen doch zu beantragen. Und zwar auf ausdrückliche Ermutigung der Medikamenten-Aufsicht selbst, wie das Unternehmen bei der Präsentation seiner Quartalszahlen bekannt gab. Mit entsprechenden Folgen für den Aktienkurs: Zwischenzeitlich schnellte er um 40 Prozent in die Höhe, ehe er sich auf etwas tieferem Niveau einpendelte. Sehr zur Freude der Anlegergemeinde, die mit dem U-Turn nicht mehr gerechnet hatte. Und zudem zur Kenntnis nehmen durfte, dass Biogen die Gewinnziele nach drei Semestern deutlich übertroffen hat.

Allerdings: Die Reaktionen der Analysten fallen unterschiedlich aus. Die einen teilen die Euphorie von Biogen über die jüngsten Studien, die zeigten, dass der Wirkstoff den klinischen Rückgang der Gehirnfunktionen in der frühen Phase von Alzheimer tatsächlich verlangsamen kann. Die andern mahnen angesichts der allzu spektakulär anmutenden Neuigkeiten und der Unwägbarkeiten im bevorstehenden Zulassungsverfahren zur Vorsicht. Beides ist nachvollziehbar: Gelingt die Marktzulassung tatsächlich, wird die Alzheimer-Bekämpfung gleichsam katapultiert; scheitert sie, wird die Geschichte um die bisher erfolglosen Therapieansätze um ein weiteres Kapitel angereichert.

Einer Geschichte, notabene, die beileibe nicht nur von Biogen, das in diesem Jahr so nebenbei auch noch seinen neuen Schweizer Hauptsitz in Baar eingeweiht hat, geschrieben wurde. Erst im Januar hat Roche ebenfalls Studien zum Alzheimer-Wirkstoff Crenezumab gestoppt. Forschungslinien, die in die gleiche Richtung zielen, werden allerdings auch in Basel weitergeführt.

Die Goldader liegt ursprünglich in der Schweiz

Auch wenn der US-Konzern und sein japanischer Forschungspartner Eisai federführend sind bei der Entwicklung des Wirkstoffs, der für die Alzheimer-Forschung ebenso wie für den Biotech-Konzern schiere Zukunft ist: Fakt bleibt, dass Aducanumab vor über zehn Jahren vom Zürcher Spin-off-Unternehmen Neurimmune entdeckt und in der Folge auslizenziert wurde. Eine Marktzulassung würde vor diesem Hintergrund auch in Schlieren Freude machen.

Ebenso wie in Luterbach: Vor Wochen kursierten Gerüchte, Biogen könnte die Produktionsstätte, wiewohl erst errichtet, alsogleich veräussern. Ein Vorgang, den das Unternehmen kategorisch in Abrede stellte. Mit gutem Grund, wie nach den Anfang Woche präsentierten Aducanumab-Erkenntnissen anzunehmen ist. Dies, obwohl der Weg zur Marktzulassung ein Hochseilakt bleiben wird.

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Autor

Balz Bruder

Balz Bruder

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