Einkaufstourismus

Neue Zollbestimmungen: Einkaufstouristen beschimpfen Grenzwächter

Schweizer Einkaufstouristen gehen in Scharen nach Deutschland einkaufen – und kennen die neuen Zollrichtlinien nicht (Symbolbild).

Schweizer Einkaufstouristen gehen in Scharen nach Deutschland einkaufen – und kennen die neuen Zollrichtlinien nicht (Symbolbild).

Schweizer Einkaufstouristen gehen in Scharen nach Deutschland einkaufen – und kennen die neuen Zollrichtlinien nicht. Etwa, dass nur noch ein Kilo Fleisch eingekauft werden darf. Die Grenzwächter müssen sich deswegen so einiges anhören.

«Der Mann im Laden hat mir gesagt, ich könne drei Kilo Fleisch über die Grenze nehmen», sagt die Einkaufstouristin im Zollhäuschen. «Dreieinhalb Kilo konnten Sie früher mal. Jetzt ist es nur noch eines.» Dieser Dialog spielte sich am Montagnachmittag am Basler Grenzübergang Hiltalingerstrasse bei Weil am Rhein ab – und er ist typisch. Seit einem Monat gelten die neuen Zollbestimmungen, die der Bundesrat erlassen hat. Wichtigste Änderung: Neu darf man pro Person nur noch ein Kilo unverzolltes Fleisch in die Schweiz einführen – egal welcher Art. Das ist markant weniger als früher, als man nur 500 Gramm Frischfleisch, dafür bis zu drei Kilo verarbeitetes Fleisch mitnehmen durfte. Hat man mehr dabei, wirds teuer: 17 Franken Zoll kostet das Kilo. Die Frau im beschriebenen Beispiel muss 142 Franken nachbezahlen. 

Wie sie gehen Tausende Konsumenten aus der Region Basel – aber auch aus dem Landesinneren – täglich über die Grenze, um den Einkauf zu erledigen. Wirklich informiert über die neuen Zollbestimmungen sind aber längst nicht alle. «Teilweise werden wir als ‹Abzocker› beschimpft», sagt ein erfahrener Grenzwächter. Grund sei immer das Fleisch.

Überraschend: weniger Bier

Ausgerechnet auf den Juli hat der Bundesrat die neuen Bestimmungen eingeführt. Die Sommerferien sind nach der Vorweihnachtszeit die liebste Zeit der Einkaufstouristen. Auch an einem ganz normalen Montagnachmittag pendeln sie in Massen von der Schweiz aus über die Grenze ins Rheincenter und weitere Geschäfte. «Wir wussten, dass es keine einfache Zeit für unsere Leute wird», sagt Grenzwacht-Sprecher Patrick Gantenbein. Es kommt auch vor, dass die Grenzwächter beschimpft werden. «Am meisten entlädt es sich, wenn die Leute erkennen: Jetzt gehts ans Portemonnaie», so Gantenbein.

Weil der Juli kein durchschnittlicher Monat ist, verzichtet die Grenzwache auf eine detaillierte Statistik. Erste überraschende Trends gibt es aber dennoch, seit auf das neue Regime umgestellt wurde: «Es wird weniger Bier über die Grenze genommen», sagt Gantenbein. Das hat einen einfachen Grund: Wenn man früher ein Getränk mit niedrigem Alkoholgehalt nachverzollen musste, kostete das nur ein paar Rappen und fiel kaum ins Gewicht. Neu darf man zwar fünf Liter alkoholische Getränke bis 18 Volumenprozent mitbringen, jeder zusätzliche Liter kostet aber zwei Franken. Bei einem Kasten von 12 Litern Bier wird das schnell teuer. Insbesondere in der Schweiz lebende Deutsche verzichten deshalb zunehmend auf den Gerstensaft aus der Heimat.

Bundesrat will Vereinfachung

Mit den schlecht informierten Einkäufern werden die Beamten noch länger zu kämpfen haben. «In der Grenzregion wissen die Leute grundsätzlich Bescheid», sagt Gantenbein. Aber auch hier besteht Aufklärungsbedarf: «Am schwierigsten zu erreichen sind ausländische Kulturen, die sich nicht regelmässig über Schweizer Medien informieren», sagt der Grenzwacht-Sprecher. Wenn sie dann nichts ahnend drei Kilo Wurst oder Poulet – viele halten Geflügel irrtümlicherweise nicht für Fleisch – in die Schweiz einführen wollen, kostet sie das einen happigen Zusatzzoll, allenfalls auch eine Busse.

Mit den neuen Bestimmungen hat sich der Bundesrat eine Vereinfachung erhofft, insbesondere für die Männer in Uniform an der Grenze, die kontrollieren müssen. «Das wird mittelfristig sicher so sein», sagt Gantenbein. Vorerst ist es für seine Leute aber ein zusätzlicher Stress. Denn obwohl die hohen Zölle den inländischen Markt schützen wollen, steigt die ohnehin schon hohe Zahl an Einkaufstouristen weiter. Gleichzeitig ist die Verlockung gross, gar nichts zu verzollen. Gantenbein macht sich keine Illusionen: «Geschmuggelt wird nach wie vor.»

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