Gegen Graffiti
Neue Werbeoffensive soll «SO-sprayclean» zum Durchbruch verhelfen

Vor zwei Jahren wurde die Aktion «SO-sprayclean» zur Bekämpfung von Graffiti gestartet. Bislang stiess das Projekt aber auf wenig Echo. Eine neue Werbeoffensive soll der gemeinsamen Aktion von Polizei, Gewerbler und Versicherer mehr Erfolg bescheren.

Franz Schaible
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Was in New York funktioniert, soll auch im Kanton Solothurn Wirkung entfalten. Die Kantonspolizei Solothurn, der Maler- und Gipsermeisterverband, der Kantonal-Solothurnische Gewerbeverband und die Solothurnische Gebäudeversicherung nehmen - in Anlehnung an die «Broken-Windows-Theorie» - einen erneuten Anlauf im Kampf gegen Sprayereien.

Die Theorie besagt, dass am Ursprung der Verwahrlosung eines Stadtquartiers nicht selten ein zerbrochenes Fenster steht. Nicht sofort repariert, sinkt die Hemmschwelle der Menschen, weitere Zerstörungen folgen, Kehricht wird abgelagert und ganze Häuserzeilen werden mit Sprayereien verunreinigt.

Mitte der 90er Jahre nahm der damalige Bürgermeister New Yorks, Rudolph Giuliani, die Theorie in sein Programm «Zero Tolerance» auf. Kleinste Schäden wurden sofort behoben, die Täter hartnäckig verfolgt. Mit Erfolg. Zuvor aufgegebene Quartiere wurden wieder bewohnbar und sicherer.

Für Sprayer frustrierend

Sinngemäss steckt dieser Ansatz hinter der vor zwei Jahren gestarteten Aktion «SO-sprayclean». Die Initianten sind überzeugt, dass ein rasches und vollständiges Entfernen der Graffiti für den Sprayer frustrierend wirkt, und eine gleichzeitige Strafverfolgung längerfristig zu einem Rückgang der Sprayereien führe.

Mit der Aktion wird versprochen, dass Sprayereien, die über eine Gratis-Hotline gemeldet werden, innert 72 Stunden von einem Vertragsmaler entfernt werden, und zwar zu einem «äusserst attraktiven Stundenansatz». Einzige Bedingung ist, dass der Geschädigte bei der Polizei Anzeige erstattet.

21. Oktober 2013: Unbekannte verschmierten auf ihrem Spray-Zug durch Dulliken auch die Römisch-Katholische Kirche.
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Zwischen Dezember 2012 und Februar 2013 wurden in Dornach mehrere Gebäude, Privatstrassen und Verkehrs- und Informationsschilder versprayt. Die Polizei konnte den Täter ermitteln: Ein 14-jähriger Ägypter. Der Schaden belief sich auf mehrere 10'000 Franken.
Dezember 2012: In Zuchwil wird ein Auto versprayt. Der gleiche Täter hinterliess seine Smileys und Schriftzüge auch im Raum Oensingen. Der Sachschaden betrug rund 100'000 Franken. Die Gemeinden Oensingen und Solothurn stellten Mitte Januar 2013 eine Belohnung von insgesamt 1'000 Franken in Aussicht. Der Täter, ein 27-Jähriger, wurde dank Hinweisen gefasst.
November 2012: Unbekannte versprayten in Oensingen Gebäudefassaden, Briefkästen, Garagen, Containern und einen Anhänger
Mai 2012 in Breitenbach: Die Fassade des Kindergartens wurde grossflächig verschmiert. Auch eine Bushaltestelle musste dran glauben.
April 2012: Auf der Ostseite des Schulhaues Breitgarten in Breitenbach wurde gesprayt.
März 2012: Sprayerei beim Schulhaus Schützenmatt in Solothurn
Januar 2012: Rund ums Schulhaus Kleinfeld in Dulliken wurde fleissig mit schwarzer Farbe gesprayt

21. Oktober 2013: Unbekannte verschmierten auf ihrem Spray-Zug durch Dulliken auch die Römisch-Katholische Kirche.

Kapo SO

Doch die Dienstleistung stösst bei den Hauseigentümern kaum auf Echo. «Die Resonanz auf die Aktion ist relativ bescheiden», gesteht Andreas Gasche, Geschäftsführer des Gewerbeverbandes, ein. So sind 2012, im ersten Jahr der Aktion, kantonsweit bloss neun Schadensmeldungen und fünf Informationsanfragen rund um das Thema auf der Hotline eingegangen. Auch im laufenden Jahr bewegen sich die Reaktionen auf tiefem Niveau.

«Dienstleistung zu wenig bekannt»

«Die Dienstleistung ist bei den Hauseigentümern sicher zu wenig bekannt», vermutet Gasche. Auch Alain Rossier, Direktor der Solothurnischen Gebäudeversicherung, betont, dass die Information über die Aktion «SO-sprayclean» noch nicht überall angekommen sei. «Zusätzliche Anstrengungen sind nötig.

Die Gebäudeversicherung würde dazu ihre Kanäle zur Verfügung stellen.» Es sei aber kommunikativ schwierig, eine solche Dienstleistung bekannt zu machen. «Solange man nicht von Sprayereien direkt betroffen ist, fühlt man sich nicht angesprochen, und wenn man plötzlich damit konfrontiert ist, erinnert man sich nicht mehr daran.»

Deshalb startet der Gewerbeverband eine Werbeoffensive, um der Dienstleistung zum Durchbruch zu verhelfen. «Wir haben in einem ersten Schritt im September rund 4000 Gewerbebetriebe mit dem Informationsblatt bedient», erklärt Gasche. Zudem soll über den Verband der Solothurner Einwohnergemeinden versucht werden, die Flyer in allen Gemeinden aufzulegen. Ferner soll auch der Hauseigentümerverband Kanton Solothurner eingeschaltet werden.

Gebäudeversicherung deckt nicht

Einen anderen Grund für das geringe Interesse ortet die Kantonspolizei. Viele Geschädigte würden Sprayereien gar nicht melden, weil deren Entfernung trotz des möglichen Rabattes im Zusammenhang mit «SO-sprayclean» noch immer hohe eigene Kosten verursache. Denn die Schäden seien in der Regel versicherungstechnisch nicht gedeckt (siehe Kasten).

Kriminalstatistik: Die Zahl der Sprayereien nimmt seit 2009 ab

Die Zahl der Fälle von Sprayereien/Graffiti entwickeln sich im Kanton Solothurn rückläufig, wie die kantonale Kriminalstatistik zeigt. So wurden 2009 bei der Polizei 497 Fälle von Sprayereien/Graffiti als Unterform von Sachbeschädigung/Vandalismus angezeigt. In den Folgejahren sank die Zahl auf 227 im 2011. Im vergangenen Jahr waren es dann noch 205 Fälle. Mögliche Gründe sieht die Kantonspolizei Solothurn im Einsatz von zwei Spezialisten, die für Sprayerei-Fälle zuständig seien. Dies führe dann auch zu Erfolgsmeldungen, etwa im vergangenen Januar. Damals konnte die Polizei die Verhaftung eines Täters melden, welcher in Oensingen und Solothurn in über 40 Fällen Sachschaden von rund 100 000 Franken angerichtet hatte. Die beiden Gemeinden setzten eine Belohnung von 1000 Franken aus. Zudem habe sich, so die Polizei weiter, die interkantonale Zusammenarbeit und jene mit dem benachbarten Ausland zum Thema Sprayereien stark verbessert. Wer von solchen Sachbeschädigungen betroffen ist, muss den Schaden in der Regel selbst berappen. Vandalismus – und damit auch Sprayereien – könne bei der Gebäudeversicherung nicht versichert werden, weil es sich nicht um existenzgefährdende Schäden handle, erklärt Alain Rossier, Direktor der Solothurnischen Gebäudeversicherung. Um solche Sachbeschädigungen in die Versicherungsleistungen aufzunehmen, bräuchte es eine Änderung des Gebäudeversicherungsgesetzes. Dagegen bieten teilweise private Versicherer entsprechende Deckungen an. Dabei stelle sich aber die Frage, ob es sich lohne, eine (teure) Versicherung für einen eher seltenen (relativ günstigen) Fall abzuschliessen. (fs)

Eine Nachfrage beim Präsidenten des Maler- und Gipserunternehmerverbandes Solothurn, Urs Weder, zeigt, dass der «äusserst attraktive Stundensatz» zu relativieren ist. Im Flyer wird der Ansatz für die Fachkraft (inklusive Fahrzeug, exklusive Material) mit 100 Franken angegeben. «Der Stundenansatz liegt damit rund 10 Prozent unter dem vergleichbaren ‹normalen› Ansatz», sagt Weder.

Kostenlose Reinigung in Liestal

Auch in anderen Regionen wird in Anlehnung an die «Broken-Windows-Theorie» gegen die Sprayereien angekämpft. In der Stadt Bern beispielsweise sorgt der Verein Casa Blanca für saubere Fassaden innert 48 Stunden nach Meldung. Die Teilnahme am Verein ist für Liegenschaftseigentümer kostenlos, er muss aber bei der kantonalen Gebäudeversicherung eine Zusatzversicherung abschliessen.

Diese deckt Schäden bis 5000 Franken ab. Darüber hinausgehende Kosten werden vom Verein getragen. Die Stadt Solothurn ihrerseits unterstützt Hauseigentümer in der Altstadt und im Vorstadtbereich mit rund zehn Prozent des Schadens. Bedingung ist, dass bei der Polizei Strafanzeige eingereicht wurde. Noch weiter geht Liestal. Dort erfolgt die Entfernung der Sprayereien ganz auf Kosten der Stadt. Auch hier gilt: Die Geschädigten müssen in jedem Fall Anzeige bei der Polizei erstatten.

Trotz der bescheidenen Resultate im Solothurnischen will Andreas Gasche das Projekt weiterführen. Es brauche einen gewissen Bekanntheitsgrad, um seine Wirkung zu entfalten. «Es scheint uns deshalb wichtig, dass die Dienstleistung mindestens drei Jahre aktiv bewirtschaftet wird.»

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