Tierhaltung
Neue Vorgaben für Bauernhöfe: Bald gibts mehr Quadratmeter pro Kuh

Ab September 2013 müssen alle Ställe den neuen Vorgaben entsprechen. Während einer fünfjährigen Übergangsphase blieb den Landwirten Zeit, ihre Betriebe – falls nötig – vorschriftsmässig um zubauen.

Beat Geier
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Ausserhalb von Aetigkofen: Eine WG für Kühe von zwei verschiedenen Bauern.

Ausserhalb von Aetigkofen: Eine WG für Kühe von zwei verschiedenen Bauern.

Beat Geier

Ein Quadratmeter Land verschwindet in der Schweiz pro Sekunde unter Beton und Teer. Neu tragen auch die Rindviecher eine Mitschuld an diesem Missstand. Seit dem 1. Oktober 2008 sind die neuen Vorschriften des Bundesamtes für Veterinärwesen (BVET) über die Haltung von Nutz- und Haustieren in Kraft.

Ab September 2013 müssen alle Ställe den neuen Vorgaben entsprechen. Während einer fünfjährigen Übergangsphase blieb den Landwirten Zeit, ihre Betriebe – falls nötig – vorschriftsgemäss umzubauen. Nach Auskunft von Peter Brügger, Sekretär des Solothurner Bauernverbands, wirtschaften rund 800 Tierhalterbetriebe im Kanton Solothurn. «Zwischen 200 und 300 der Betriebe haben noch Anpassungsbedarf», schätzt er die Zahl jener Bauern, deren Ställe den strengeren Bestimmungen noch nicht entsprechen.

Präzise Vorschriften

Die Verordnung des BVET über die Haltung von Nutz- und Haustieren nimmt es genau: Bei den Kühen haben Jungtiere bis 400 Kilogramm Gewicht Anspruch auf mindestens 2,2 Quadratmeter Platz im Stall. Sind sie schwerer, werden es 2,7 Quadratmeter.

Ebenso bestehen Werte für die Ställe von Schafen, Ziegen und Schweinen. Ein möglichst lückenloser Verordnungstext soll den «baulichen Tierschutz» gewährleisten, erläutert Konrad Ryser, Inspektionsstellenleiter der AgroControll GmbH, die betreffenden Normen. Die AgroControll GmbH hat einen Auftrag der Veterinärdienste der Kantone Basel-Stadt, Baselland und Solothurn. Sie kontrolliert die Einhaltung der Vorschriften und erstellt die Rapporte. Diejenigen Bauern, deren Ställe bis heute nicht den Vorschriften entsprechen, werden entweder weniger Tiere halten, anbauen, oder grössere Ställe errichten müssen.

Droht ein Bauernsterben?

Ist es denn angesichts der knappen Landressourcen möglich, den landwirtschaftlichen Bauten einer Gemeinde mehr Platz zuzuschlagen? «Über kurz oder lang werden die Bauernbetriebe mit Viehwirtschaft aus den Dörfern raus müssen.» Konrad Ryser sagt das nicht ohne Bedauern, denn die Verdrängung der Bauern aus den Dörfern sei auch eine Folge moderner Lebensgewohnheiten: «Auf den Karten des Richtplanamts sieht man um die Höfe die runden Emissionsperimeter.

Passen diese nicht mehr zur Siedlungszone, so fragt niemand danach, ob der Hof zuerst da war.» Dessen ungeachtet seien die Bauern permanent mit einer Flut von Vorschriften konfrontiert. Der verbesserte bauliche Tierschutz steht durchaus in Konkurrenz zum Umweltschutz, denn Tiere mit Auslauf verursachen mehr Emissionen als Tiere in Ställen mit Abluftfiltern. Ryser gibt aber auch zu bedenken, dass keiner von den Vorschriften überrascht wird: «Gebaut wird schon lange nach Standards, welche die neuen Mindestvorschriften erfüllen.

Betroffen sind Ställe, die zwischen den Sechzigern- und den frühen Achtzigerjahren errichtet wurden.» Der Inspektionsstellenleiter sieht denn auch keinen Anlass zu grosser Besorgnis: «Schon die Entfernung eines Drahtes zwischen zwei Standplätzen kann zur Erfüllung der neuen Verordnung genügen.» Ähnlich beurteilt Adrian Rudolf, Berater der landwirtschaftlichen Kreditkasse, die Lage, er geht nicht davon aus, dass Hunderte von Betrieben im Jahr 2013 aufgeben.

Ein minimaler Standard

Otto Maissen, stellvertretender Kantonstierarzt, betont, dass sowohl der Verordnungstext als auch die Übergangsfrist von fünf Jahren in der Vernehmlassung mit den Interessenvertretern vereinbart worden sind: «Es wurde bei der Erarbeitung der eidgenössischen Tierschutzverordnung ausgehandelt, welche Masse für die Branche zumutbar sind.» «Bei Nichterfüllung wird die Situation im Einzelfall genau geprüft und im Rahmen der Tierschutzverordnung nach Lösungen gesucht.»

Die Aufgabe der Veterinärdienste sei die Gewährleistung des Tierwohls. Was das bedeutet, liest sich zwischen den Zeilen: «Die Tierschutzverordnung definiert einen minimalen Standard», präzisiert Otto Maissen. Die Vorschriften seien schon immer eine Interessensabwägung zwischen Wirtschaftlichkeit und Tierwohl gewesen.

Zusammenlegung von Ställen

Bauernsekretär Peter Brügger gibt zu bedenken: «Der Umzug aller Kühe eines Milchbauern in einen grösseren Stall schlägt mit einer bis eineinhalb Millionen Franken zu Buche, das stemmen die wenigsten Landwirte allein.» Eine mögliche Lösung bietet sich in der Zusammenlegung mehrerer Ställe (siehe den Text oben): «Der Bauer denkt meist in einzelbetrieblichen Dimensionen, da braucht es schon Überzeugungsarbeit einen Teil des eigenen Betriebs in der Kommune zu organisieren.»

Während das Vieh also in die WG zieht, bewirtschaften die Bauern ihre Felder weiterhin individuell. Ohne die Viehwirtschaft sei aber kein wirtschaftliches Überleben möglich: «Wir kennen keine Betriebe, die es sich leisten könnten vom Ackerbau allein zu leben», verdeutlicht Peter Brügger.