Tag der Selbsthilfe

Neue Selbsthilfe-Modelle: Einzelpersonen vernetzen sich

Aus Selbsthilfe-Gruppen werden manchmal echte Freundeskreise, die sich in guten wie auch in schlechten Zeiten unterstützen.

Aus Selbsthilfe-Gruppen werden manchmal echte Freundeskreise, die sich in guten wie auch in schlechten Zeiten unterstützen.

Am Samstag ist Tag der Selbsthilfe. Der Verband Selbsthilfe Schweiz hat ihn mit lokalen Vereinen ins Leben gerufen, um zu zeigen, was Selbsthilfe heute ist. Im Gespräch mit Regina Schmid, Leiterin Kontaktstelle Selbsthilfe Kanton Solothurn.

Frau Schmid, Selbsthilfegruppen kennt man häufig aus Filmszenen, wo Menschen stundenlang im Kreis über ihre Probleme reden. Läuft es in der Realität auch so ab?

Regina Schmid: Dieses Bild ist in vielen Köpfen ganz tief verankert. Die meisten haben das Gefühl, dass in einer Selbsthilfegruppe nur im Kreis geredet wird. Selbsthilfe ist aber weit vielfältiger. Die einen Gruppen treffen sich tatsächlich zum verbalen Austauschen und Diskutieren. Es werden aber nicht nur Probleme besprochen, sondern auch, was guttut, was geholfen hat. Wer erfahren durfte, wie es wirken kann, wenn man unter ähnlich Betroffenen von sich und seinem Thema erzählt, revidiert das Bild der Gruppe, die einen nur runterzieht. Viele schätzen, dass man sich in der Gruppe nicht erklären muss. Man fühlt sich dadurch getragen und nicht alleine. Es gibt auch Gruppen, die sich zu gemeinsamen Aktivitäten treffen, Ausflüge machen, Veranstaltungen besuchen. Dann gibt es Gruppen von Menschen mit seltenen Krankheiten, die ihre Erfahrung mit Fachärzten austauschen und so dazu beitragen, dass die Forschung zu ihrer Krankheit vorangetrieben wird. Die Selbsthilfe hat sich also weiterentwickelt. Sie verändert sich immer noch, da sie geprägt wird von den Menschen, die das Angebot nutzen.

In welche Richtung verändert sich die Selbsthilfe aktuell?

In den letzten Jahren nahm die virtuelle Selbsthilfe immer mehr Raum ein und wird es sicher auch noch weiter tun. Menschen treffen sich in Online-Foren. Diese Foren sind ein gutes Angebot gerade für jüngere Personen. Ich habe gelesen, dass eine virtuelle Gruppe oft der Anfang einer klassischen Gruppe ist, die sich persönlich trifft. Gleichzeitig ergeben sich aktuell auch grundsätzlich andere Selbsthilfe-Modelle, wie zum Beispiel der Peer-Support. Dabei stellt sich ein Betroffener für Auskünfte und Gespräche zur Verfügung und trifft sich mit anderen Betroffenen bei Bedarf auch einzeln. Wir haben es also nicht ausschliesslich mit Gruppen zu tun, sondern auch mit Einzelpersonen, die sich vernetzen, oder mit Selbsthilfeangeboten, die im Internet entstehen.

Ein Todesurteil für Selbsthilfegruppen?

Nein, ich denke nicht, dass die Face-to-face-Treffen jemals ersetzt werden können. Der menschliche Kontakt wirkt einfach anders als die Anonymität des Computers.
Die Kontaktstelle wurde aus finanziellen Gründen in ihrer 20-jährigen Geschichte schon mehrmals von der Schliessung bedroht. Dank grossen Bemühungen der damaligen Geschäftsleitung und durch Spenden wurde sie aber immer wieder knapp gerettet.
Tatsächlich ist noch heute die grösste Herausforderung die finanzielle Situation. Jedes Jahr müssen wir ein grosses Defizit in Kauf nehmen. Das ist natürlich unbefriedigend. Der Vorstand des Vereins Selbsthilfe und wir von der Kontaktstelle wollen dies ändern. Einerseits durch Aktionen auf verschiedenen Ebenen, unter anderem ein fundiertes Fundraising, welches stabile Spenden generieren würde. Anderseits aber auch durch Sensibilisierungsarbeit bei Fachpersonen.

Selbsthilfe wirkt sich auf viele Menschen positiv aus. Wer profitiert auch noch davon?

Die Selbsthilfe stärkt die Gesundheitskompetenz der Menschen. Sie werden wieder selbstbewusster, erleben trotz der Krankheit mehr Freude im Leben. Diese Umstände können dazu führen, dass die Betroffenen oder Angehörigen weniger professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, was schlussendlich entlastend für unser Gesundheits- und Sozialsystem ist.

Welche Themen nehmen in der Selbsthilfe an Bedeutung zu?

Ich stelle fest, dass Themen, die in der Gesellschaft aktuell sind, sich in der Selbsthilfe spiegeln. Anfragen zu Gruppen zum Thema der psychischen Gesundheit wie Angst, Depression, Burnout nehmen zu. Auch die Themen Hochsensibilität und Asperger-Syndrom werden von Anfragenden öfter gesucht als vor ein paar Jahren.

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