Sekundarschulreform
Neue Sek I überzeugt die Lehrer/-innen noch nicht

Drei Jahre nach dem Start zeigen eine Umfrage und ein Podium erhebliche Vorbehalte im Bezug auf die Sekundarschulreform – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Christian von Arx
Merken
Drucken
Teilen
Sek-I-Podium (v.l.): Beat Strähl (Sek E und P), Claudio Bellabarba (Sek B), Martin Ramseier (Sek B, Spezielle Förderung), Moderatorin Andrea Affolter, Yolanda Klaus, stv. Chefin Volksschulamt, Steffi Ingold, Schulleiterin Sek I Solothurn.

Sek-I-Podium (v.l.): Beat Strähl (Sek E und P), Claudio Bellabarba (Sek B), Martin Ramseier (Sek B, Spezielle Förderung), Moderatorin Andrea Affolter, Yolanda Klaus, stv. Chefin Volksschulamt, Steffi Ingold, Schulleiterin Sek I Solothurn.

Bruno Kissling

Drei Jahre nach dem Start: wo stimmts und wo fehlts bei der Sekundarstufe? Dieser Frage widmete sich am Kantonalen Lehrertag ein Podium an der Fraktionsversammlung der Sekundarlehrpersonen. Erste Resultate einer Umfrage vom Mai/Juni, präsentiert von Fraktionspräsident Hannes Lehmann, liessen aufhorchen: Fast die Hälfte (!) der an der Sek E unterrichtenden Teilnehmenden antworteten, seit der Sek-I-Reform sei es unmöglich, die Schüler(innen) gleich gut auf anspruchsvolle Berufslehren vorzubereiten wie vor der Reform; ebenfalls knapp 50 Prozent antworteten «Ja, mit Abstrichen».

Besser sieht es an der Sek B aus: Dort antwortete ein Viertel, sie könnten ihre Klassen ebenso gut wie früher an der Oberschule auf einfache Berufslehren vorbereiten, und rund die Hälfte sagte «Ja, mit Abstrichen». Aber immer noch über 20 Prozent finden, dies sei mit der heutigen Sek B unmöglich.

Klar verfehlt scheint das Ziel der Sek-I-Reform, die frühere Oberschule vom Stempel der «Restschule» zu befreien: 62 Prozent der teilnehmenden Sek-B-Lehrer(innen) sind der Ansicht, dieses Negativimage bestehe weiterhin für die Sek B. – Die vollständigen Ergebnisse folgen im nächsten Schulblatt.

«Qualitätsverlust an der Sek E»

Für die Skepsis in einem Teil der Sekundarlehrerschaft gibt es unterschiedliche Gründe, wie am Podium die Antworten auf die Fragen von Andrea Affolter (Radio SRF) zeigten. Die schlechteste Note (3) gab Beat Strähl der Reform in Bezug auf die Sek E: «Es gab einen enormen Qualitätsverlust, die Kinder können weniger.» Strähl testete dies mit einer Französisch-Probe, bei der eine frühere Bez-Klasse einen Schnitt von 32 von 40 möglichen Punkten erreichte, die heutige Sek-E-Klasse nur 22 Punkte. Eine Erklärung lieferte er selbst: «Alle Eltern wollen, dass ihre Kinder in die Sek P kommen – darum ist an der Sek E das allgemeine Niveau tiefer.» Für ihn sei es schwierig geworden, mit Sek-E-Schülern die nötige Vorbereitung auf eine Berufsmittelschule oder Fachmittelschule zu erreichen.

Ebenfalls ungenügend (3–4) benotete Claudio Bellabarba die Reform, wobei er die Sek B im Auge hatte. Die Klassen seien zu gross, und die Lehrer hätten zu wenig Zeit und Freiraum, um die Reform gut umzusetzen. Auch sei die Idee der integrativen Schulung nicht zu Ende gedacht: Die spezielle Förderung führe dazu, dass gute Schüler mit guten lernten, schwache mit schwachen – dabei läge der grösste Gewinn darin, dass gute mit schwachen zusammen lernten. Applaus erhielt Bellabarba für die Feststellung, heute würden Schüler in die Sek P gedrängt, die gar nicht den gymnasialen Weg gehen wollten.

Stunde der Wahrheit folgt erst

Die andern Podiumsteilnehmer beurteilten die Sek-I-Reform positiver. Note 4–5 oder 5 gab ihr die Schulleiterin Steffi Ingold. Viele der vor drei Jahren vorhandenen Befürchtungen seien geschwunden. Vielleicht hätten nicht alle Unzufriedenheitsbekundungen mit der Reform zu tun. Ingold räumte aber ein, dass die Sek E anfänglich mit dem Bez-Lehrplan startete und dass sich dessen Ziele als nicht erreichbar erwiesen, sodass der Massstab tiefer gesetzt werden musste. Dank der guten Wirtschaftslage hätten die ersten Sek-E-Abgänger Lehrstellen in guten Berufen gefunden – «ob sie dort aber reüssieren, wissen wir dann erst beim Lehrabschluss».

Sogar Note 5 erteilte Martin Ramseier der neuen Sek-I-Stufe. Es gebe mehr Positives als Negatives, vor allem das neue Fach Berufsvorbereitung. Einen «Qualitätsverlust» gebe es nur aus der Sicht ehemaliger Bez- und Sek-Lehrer; Tatsache sei das breitere Spektrum der Klassen. Oberschullehrer hätten diese Flexibilität schon immer aufbringen müssen, nun sei sie von allen gefordert.

Die stellvertretende Amtschefin Yolanda Klaus verzichtete auf eine eigene Note, hielt aber fest, die Ziele, die man dem Volk versprochen habe, seien alle umgesetzt. Sie gab aber zu, dass ihr die in der Umfrage zutage tretende Polarisierung der Sek-Lehrerschaft zu denken gebe: 20 Prozent Unzufriedene seien mehr als sie erwartet habe. Auch würde sie sich für die Reform eine Note 5–6 wünschen und nicht nur eine 4: «Das wäre für mich schlecht.»