Bildung, betonen Politiker gerne, sei der wichtigste Rohstoff der Schweiz. Für die Weiterbildung gilt das ganz besonders: Diese sei nötig, um mit der schnellen Arbeitswelt Schritt zu halten.

Wer sich weiterbildet, zahlt sogar weniger Steuern. Die Kosten von beruflichen Weiterbildungen dürfen nämlich von den Steuern abgezogen werden. Klingt simpel - ist es aber nicht, wie Martin Obrecht* kürzlich erfahren musste.

Handelsdiplom? Brauchts nicht

Obrecht arbeitet in einer Metzgerei im Raum Solothurn. Der junge Metzger will auf dem Laufenden bleiben, den steigenden Anforderungen seines Berufes genügen. Während eines Jahres frischt er an der Handelsschule sein kaufmännisches Wissen auf. «Jeder Metzger muss sich heute mit Administrativem auskennen», erklärt Urs Keller*, Obrechts Chef.

In seiner Steuererklärung macht Obrecht für die Kosten der Handelsschule einen Abzug geltend - und erlebt eine böse Überraschung: Das Steueramt streicht bei der definitiven Veranlagung das Schulgeld.

Die Begründung der zuständigen Sachbearbeiterin: Obrecht benötige für die Ausübung seines Berufes kein Handelsdiplom. Für Metzgermeister Keller ist das völlig unverständlich: «Selbst für die Meisterprüfung ist so ein Diplom Pflicht.» Er berichtet in der Hauszeitung seiner Metzgerei über das Wirrwarr mit dem Steueramt, tut so seinen Unmut kund.

Weiterbildung ja, Ausbildung nein

Dann wendet sich die Sache doch noch zum Guten: Nachdem Urs Keller beim Steueramt vorstellig wurde und begründet hat, weshalb der Schulbesuch seines Mitarbeiters eine notwendige Weiterbildung sei, bekommt dieser seinen Steuerabzug.

«Wahrscheinlich weiss das Steueramt nicht immer auf Anhieb, welche Weiterbildungen in welchem Beruf sinnvoll sind», vermutet Metzgermeister Keller. Er betont: Die Gespräche mit der Behörde seien konstruktiv verlaufen.

Warum hat die Steueramt-Sachbearbeiterin zuerst abschlägig reagiert? Weil der Handelsschulbesuch von Martin Obrecht in ihren Augen keine Weiterbildung, sondern eine Ausbildung war.

Dies ist von entscheidender Bedeutung: Ausbildungskosten sind im Gegensatz zu Weiterbildungskosten nicht absetzbar. Marcel Gehrig, Chef des kantonalen Steueramts, bestätigt: Wo die Grenze zwischen den beiden Kategorien liegt, ist auf den ersten Blick oft kaum ersichtlich.

«Bei der Erstbeurteilung fehlen manchmal Nachweise für eine Weiterbildung, was vorerst zu negativen Entscheiden führen kann.» Schnell landet man im spitzfindigen Paragrafen-Dschungel.

Als Faustregel gilt: Während eine Weiterbildung dazu da ist, um beruflich auf dem Stand zu bleiben, führt eine Ausbildung zu einem anderen Job. Weiterbildungen müssen deshalb auf dem erlernten Beruf aufbauen.

«Der Grund für eine Weiterbildung sollte bereits in der Steuererklärung klar ersichtlich sein», empfiehlt Gehrig. Bei der Höhe der Abzüge wuchert der Kantönligeist: Solothurner haben Glück, Weiterbildungen können im vollen Ausmass abgezogen werden.

Vereinfachung in Sicht

In der Politik sind die Abgrenzungsprobleme bekannt. Die eidgenössischen Räte haben im letzten Jahr einen Systemwechsel eingeläutet. Künftig gilt für Abzüge bei der Bundessteuer eine Obergrenze von 12 000 Franken; dafür können sowohl Weiter- als auch Ausbildungskosten abgezogen werden.

Weiterhin nicht abzugberechtigt sind die Kosten einer Erstausbildung. Die Kantone sind verpflichtet, das neue System auch einzuführen. Allerdings können sie für die Staatssteuern eigene Obergrenzen festlegen.

«Wir werden dem Regierungsrat empfehlen, die Bundesregeln zu übernehmen», kündigt Steueramt-Chef Gehrig bereits an. Diese sorgten für eine Vereinfachung. Auch Metzgermeister Urs Keller ist zufrieden.

Gerade für handwerkliche Berufe sei es wichtig, dass der Staat die Fortbildung fördere. «Nur mit einer Lehre kommt man als Handwerker heute nicht mehr weit», weiss Keller.

*Namen von der Redaktion geändert