Kanton Solothurn
Neue Häuser aus Schutt und Abfall: Kanton will Baustoff-Recycling fördern

Recycling ist in. Auf Baustellen geschieht es aber noch zu wenig, findet der Kanton, der als selbsternannter «Pionier» Baustoff-Recycling fördern will. Denn: Auch Häuser und Strassen sind wiederverwertbar.

Noëlle Karpf
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Auf dem Werkhof in Bellach wird Betonschutt gelagert – daraus entsteht Baustoff für neue Häuser.

Auf dem Werkhof in Bellach wird Betonschutt gelagert – daraus entsteht Baustoff für neue Häuser.

Hanspeter Bärtschi

Backsteine, Dachziegel, Asphaltblöcke: Nirgends entsteht so viel Abfall wie auf Baustellen. Im Kanton Solothurn sind das rund 500'000 Tonnen jährlich. Zum Vergleich: Die Kebag verbrennt jährlich rund etwa halb so viel Kehricht. Dieser ganze Bauschutt lässt sich trennen. Wie zu Hause: Anstelle von Kaffee-Kapseln oder Karton schmeissen Bauarbeiter Blech oder Beton in unterschiedliche Tonnen, nachdem sie ein Haus oder eine Brücke abgerissen haben. Um mineralische Baustoffe – wie Beton oder Kies – wiederzuverwerten, aus den Stoffen neue Häuser, Strassen und Brücken zu bauen.

Laut Thilo Arlt, Zuständiger für Abfall beim Amt für Umwelt, soll so auch der Kreislauf der Rohstoffe in der Baubranche geschlossen werden, weniger Abfall entstehen. Dazu hat der Kanton seit rund zwei Jahren eine eigene «Recycling-Strategie». Ein rund 30-seitiges Dokument, in dem verschiedene «Massnahmen zur Förderung von Baustoff-Recycling» festgehalten sind.

Thilo Arlt: «Die Bauherren im Kanton sind noch skeptisch, was Baustoff-Recycling angeht.»

Thilo Arlt: «Die Bauherren im Kanton sind noch skeptisch, was Baustoff-Recycling angeht.»

Zur Verfügung gestellt

Aufgrund dieses «aktiven Angehens» des Themas nennt sich der Kanton Solothurn selbst «Pionier», erklärt Arlt. Die erste Massnahme wirkt recht unscheinbar – laut Arlt ist sie aber effektiv: Eine Broschüre. Diese gab der Kanton zusammen mit dem Kanton Bern heraus. Weil man mit dem Kanton Bern, verschiedenen Abteilungen und Verbänden gearbeitet habe, sei es ein Stück Arbeit gewesen, sie zu erstellen.

Auf zwei Seiten finden Bauherren nun aber Informationen zu verschiedenen Bauteilen und welche recycelten Stoffe sich dafür eignen. Zudem sollen Schulungen für Bauherren stattfinden. Die erste bereits nächste Woche. 50 Vertreter der Baubranchen werden über Recycling-Stoffe informiert. So sollen sie vom Recycling überzeugt werden. Allein der Gedanke, etwas für die Umwelt zu tun, reicht offenbar nicht, um auf Recycling zu setzen.

Recycling lohnt sich zu wenig

«Es muss ein Umdenken stattfinden», ist Arlt überzeugt. Bauherren müssten überzeugt werden, dass sich das Baustoff-Recycling lohnt: «Viele kennen sich damit aber schlicht zu wenig aus, weshalb sie lieber auf Primärbaustoffe setzen. Einige Bauherren sind auch noch skeptisch, was Baustoff-Recycling angeht.»

Zu Unrecht hätten wiederverwertete Materialien einen schlechteren Ruf, was die Qualität angeht. Und auch das Geld spielt eine Rolle. So kostet es einen Bauherren Zeit, Abfälle auf der Baustelle zu trennen und zu lagern. Und Zeit, so der Abteilungsleiter Abfall, sei auch auf Baustellen Geld.

Statt den Abfall für Geld wiederzuverwerten, lohne es sich wirtschaftlich für einige eher, den Schutt einfach auf eine Deponie zu kippen und dann beispielsweise neuen Kies zu kaufen. Die Preise für Primär- und Sekundärbaustoffe liegen nahe beieinander. «Das ist derzeit ein grosses Problem», so Arlt. Und weil Primärbaustoffe weniger Zeit kosten, bauen viele Unternehmer noch darauf.

Immerhin: Rund 80 Prozent der mineralischen Baustoffe werden im Kanton Solothurn wiederverwertet. Damit liegt man im schweizweiten «Mittelfeld» so Arlt. Warum dann der selbst gegebene Titel «Pionier?»

 Der Kanton fordert zwar Baustoff-Recycling. Selber arbeitet aber auch er nicht immer mit wiederverwerteten Materialien. So wurden beim Neubau des Bürgerspitals Solothurn keine recycelten Stoffe verwendet. Denn der Kanton hat auch die Pflicht, auf den Preis zu achten – der Bau mit Primärbaustoffen war in diesem Fall billiger.

Der Kanton fordert zwar Baustoff-Recycling. Selber arbeitet aber auch er nicht immer mit wiederverwerteten Materialien. So wurden beim Neubau des Bürgerspitals Solothurn keine recycelten Stoffe verwendet. Denn der Kanton hat auch die Pflicht, auf den Preis zu achten – der Bau mit Primärbaustoffen war in diesem Fall billiger.

Hanspeter Bärtschi
 Dafür ist die Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten ein Vorzeigeprojekt im Kanton. Dort wurde mit vergleichsweise vielen recycelten Stoffe gearbeitet – so wurde für Treppen, Böden und Wände beispielsweise wiederverwertetes Material verbaut.

Dafür ist die Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten ein Vorzeigeprojekt im Kanton. Dort wurde mit vergleichsweise vielen recycelten Stoffe gearbeitet – so wurde für Treppen, Böden und Wände beispielsweise wiederverwertetes Material verbaut.

Bruno Kissling

Kanton als Vorbild? Nicht immer

Der Kanton Solothurn ist anderen voraus, bestätigt Elisabeth Maret, Informationsbeauftragte des Bundesamts für Umwelt. So sei die Recycling-Strategie «sehr umfassend». Auch was die Beteiligten angeht: So sind nebst dem Amt für Umwelt auch der Regierungsrat und Vertreter der Wirtschaft dabei. «Der Kanton bezeichnet sich darum zu Recht als Vorreiter, andere Kantone sind diesbezüglich noch nicht so weit», erklärt die Informationsbeauftragte.

In der gesamten Schweiz liegt die Recyclingquote von mineralischen Baustoffen bei rund zwei Dritteln. Laut Maret gibt es noch Luft nach oben. So müsste etwa die öffentliche Hand ihre Vorbildfunktion noch mehr einnehmen.

So wie im Kanton Solothurn. Dieser sei kritisiert worden, weil beim Neubau des Bürgerspitals Solothurn keine wiederverwerteten Stoffe verbaut wurden, sagt Arlt. Nun wolle man aber verstärkt die Vorbildfunktion einnehmen.

Dazu sind Grundsätze für Ausschreibungen von Neubauten geändert worden. Dort drin legen sie fest, ob sie für ihr geplantes Haus recycelte Baustoffe oder Primärstoffe wollen. Und vergeben dann den Auftrag an den Unternehmer, der mit dem gewünschten Material baut. So geschehen beim Bau der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten einige wiederverwertete Stoffe benutzt – Glas, Holz und Beton sind Zweitbaustoffe.

In zehn Jahren am Ziel

Diese Öffnung der Ausschreibungen sei «wichtig für den Erfolg der Strategie», heisst es beim Bundesamt für Umwelt weiter. Auch laut Arlt ist man damit und mit der Information der Bauunternehmer schon einen Schritt näher ans Ziel gelangt: eine Recyclingquote von 90 Prozent. Das heisst, im Jahr etwa 50'000 Tonnen Bauschutt mehr verwerten. Weitere Massnahmen sollen über Jahre umgesetzt werden - beispielsweise Kontrollen auf Baustellen, damit Bauabfälle auch sicher sortenrein getrennt werden. Denkbar wären auch weitere Vorschriften wie eine Art Strafgebühr für die, die ihre Bauabfälle auf Deponien kippen und nicht recyceln. Was laut Arlt aber politisch schwer umsetzbar sein dürfte. Weil aus den Empfehlungen zum Recycling dann Zwang werden würde.

10 Jahre sind für das Projekt Baustoff-Recycling geplant, welches 100'000 Franken kostet. Gibt es danach nur noch Brücken und Häuser aus recycelten Stoffen? Dieser Gedanke wäre «utopisch», so Arlt, dazu fehlten derzeit recycelte Stoffe. «Derzeit bauen wir gewaltig viel – viel mehr als wir abreissen».