Kanton Solothurn

Neue Anlaufstelle für Opfer: «Rassismus findet versteckt statt»

Im Gegensatz zu 2018 (Bild) können heuer wegen der Koronakrise keine Aktionstage gegen Rassismus stattfinden. Archivbild

Im Gegensatz zu 2018 (Bild) können heuer wegen der Koronakrise keine Aktionstage gegen Rassismus stattfinden. Archivbild

Die Fachstelle frabina ist im Kanton Solothurn neu auch Anlaufstelle für Fragen zu rassistischer Diskriminierung. Sie berät Opfer und Angehörige und hilft, mit der Erfahrung von Diskriminierung wegen Hautfarbe, Religion oder Herkunft umzugehen.

Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche oder Mobbing am Arbeitsplatz: Rassismus oder Xenophobie kann sich im Alltag auf verschiedene Arten zeigen, für Betroffene ist es aber meistens eine schmerzhafte Erfahrung.

Auch im Kanton Solothurn sind es sich Menschen gewohnt, aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Hautfarbe anders, und manchmal schlechter, behandelt zu werden als andere: Im letzten Jahr wurden im Kanton jeweils rund fünf Fälle rassistischer Diskriminierung registriert.

Diese Zahl ist laut Esther Hubacher, Geschäftsleiterin der Fachstelle frabina, aber nicht aussagekräftig. Die Fälle wurden von der Fachstelle Stopp Rassismus in Pratteln erfasst, die in den letzten Jahren mit dem Kanton Solothurn einen Leistungsvertrag abgeschlossen hatte. Allerdings war laut Hub­acher selbst vielen Fachleuten nicht bekannt, dass die Fachstelle in Pratteln Anlaufstelle ist für Rassismusopfer im Solothurnischen – die Dunkelziffer dürfte also deutlich höher liegen.

Neue Anlaufstelle für Opfer von Rassismus

Seit diesem Jahr ist im Kanton die Fachstelle frabina zuständig dafür, Betroffene zu beraten und zu unterstützen. Seit dem Jahr 2011 hat frabina bereits einen Leistungsvertrag mit dem Kanton Solothurn und bietet Mi­grantinnen und Migranten sowie binationalen Paaren und ­Familien rechtliche und psychosoziale Beratung zu den Themen Ausländerrecht, Integration, und Partnerschaft und ­Familie im interkulturellen Kon­text.

Dass sie sich nun auch um Fragen zu Rassismus kümmert, passt laut Geschäftsführerin Esther Hubacher gut: «Wir waren bereits bis anhin mit dem Thema konfrontiert und verfügen deshalb über die entsprechenden Fachkenntnisse», schreibt sie.

Die neue Leistungsvereinbarung mit dem Kanton gilt vorerst für die Jahre 2020 bis 2021 und umfasst 10000 Franken pro Jahr. Die Fachstelle berät und unterstützt in dieser Zeit Betroffene, dokumentiert rassistische Vorfälle in der gesamtschweizerischen Datenbank DoSyRa und ist für die Sensibilisierungs- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Ein wichtiger Teil der Öffentlichkeitsarbeit wären die Aktionstage gegen Rassismus gewesen, die im März stattgefunden hätten. Das Coronavirus hat die Durchführung der geplanten Aktionstage aber unmöglich gemacht. Hubacher bedauert, dass die Veranstaltungen ausfallen mussten: «Es wäre eine gute Möglichkeit gewesen, die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren.»

Denn: «Rassismus ist im Kanton Solothurn, wie in der gesamten Schweiz, nach wie vor ein sehr aktuelles Thema. Neben dem strafrechtlich relevanten Rassismus findet Rassismus häufig versteckt im Alltag statt. Zum Beispiel bei der Stellen- oder Wohnungssuche», schreibt Hubacher.

Allerdings gelange nur ein kleiner Teil der Vorfälle an die Öffentlichkeit, oftmals, weil die Opfer aus Scham oder Betroffenheit schweigen.

Opfer sollen ernst genommen werden

Dabei geht Rassismus oder Xenophobie nicht spurlos an den Betroffenen vorbei: «Rassismus kann auf der persönlichen Ebene beispielsweise Gefühle der Wut, Frustration, Demütigung, Ohnmacht oder Trauer auslösen», so Esther Hubacher.

In den Beratungsgesprächen der Fachstelle frabina gehe es in einem ersten Schritt darum, anzuerkennen, «dass es direkte oder indirekte rassistische Diskriminierung gibt, und zwar auf struktureller, institutioneller wie individueller Ebene. Es gilt, die Verletzung, die Opfer derartiger Diskriminierungen erleiden, die Scham und das Ohnmachtsgefühl anzuerkennen.» In einem zweiten Schritt wird die Situation detailliert analysiert, und gegebenenfalls werden Beweise gesichert.

Danach entscheidet die betroffene Person gemeinsam mit der Fachperson, wie es weitergehen soll: Es besteht etwa die Möglichkeit, mit den Arbeitskollegen oder Mitschülern ein Gespräch zu suchen, um die Situation zu klären. Ein Patentrezept gebe es aber nicht, erklärt Hub­acher: «Jede Situation ist sehr unterschiedlich und benötigt aus diesem Grund auch eine individuelle, auf die Betroffenen zugeschnittene Beratung und Intervention».

Autor

Rebekka Balzarini

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