Deitingen
Nationalrat Schläfli: «Ich bin mir bewusst, dass ich ein politischer Nobody bin»

Urs Schläfli-Kocher heisst der weitgehend unbekannte, neue CVP-Nationalrat aus Deitingen. Am Tag nach seiner Wahl erzählt er, wie er feierte und warum er wohl der Gegenpol vom neuen Ständerat Pirmin Bischof ist.

Stefan Frech
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Der frisch gekürte Nationalrat Urs Schläfli (CVP) mit seiner Ehefrau Elisabeth vor ihrem Bauernhaus in Deitingen. Hansjörg Sahli

Der frisch gekürte Nationalrat Urs Schläfli (CVP) mit seiner Ehefrau Elisabeth vor ihrem Bauernhaus in Deitingen. Hansjörg Sahli

Solothurner Zeitung

Urs Schläfli hat am Sonntagabend sein Nachrücken in den Nationalrat gefeiert. Und Ja: Es wurde spät. Aber zu viel getrunken habe er nicht, erzählt der 48-Jährige gestern Morgen am Küchentisch seines Bauernhofs in Deitingen. Aus einem einfachen Grund: «Ich mag weder Bier noch Wein noch andere alkoholische Getränke», erklärt der Meisterlandwirt. «Ich habe mit einem Glas Wein angestossen, aber mehr als zwei Schlucke nehme ich jeweils nicht.» Auch sonst ist Schläfli eine eher nüchterne Person. «Ich bin ein zurückhaltender Mensch.» Er stehe nicht gern im Rampenlicht. «Damit bin ich fast das Gegenteil von Pirmin Bischof, als dessen Nachfolger ich Nationalrat werde», sagt Schläfli lachend. Ohnehin lacht er im Gespräch viel.

Keine Zeit mehr für Nebenerwerb

Urs Schläfli wohnt zusammen mit seiner Ehefrau Elisabeth, seinen zwei 15- und 17-jährigen Töchtern und seinen Eltern in einem Bauernhof in der Nähe des Bahnhofs. Bereits sein Grossvater und sein Vater haben den Hof geführt. «Als ältester Sohn war es klar, dass ich den Landwirtschaftsbetrieb übernehme.» Vor elf Jahren hat Schläfli seine Kühe verkauft und betreibt seither nur noch Ackerbau: Saatkartoffeln, Weizen, Raps, Sonnenblumen, Erbsen und Mais.

«Mit 18 Hektaren führe ich einen kleinen Betrieb. Und zwar allein. Ich habe keine Angestellten.» Weil der kleine Betrieb zu wenig Geld einbringt, arbeitet Schläfli Teilzeit in der Poststelle, die gleich auf der anderen Strassenseite liegt. «Mit meiner Wahl in den Nationalrat gebe ich nun aber diesen Nebenerwerb auf.» Auch seine Frau arbeitet nicht nur im eigenen Betrieb. Elisabeth ist Hochbauzeichnerin und erstellt im Auftrag von Architekturbüros Pläne am Computer.

Schweizweit der zuletzt gekürte Nationalrat

Urs Schläfli will sich im Nationalrat primär für die Landwirtschaft einsetzen. «Insbesondere dafür, dass auch die kleinen und mittleren Bauernbetriebe in der Schweiz überleben können.» Für ihn ist klar, dass Kleinbauern wie er bereit sein müssen, einem Nebenerwerb nachzugehen. «Die Politik des Bundes geht aber dahin, dass selbst mittlere und grosse Betriebe nicht mehr überlebensfähig sind.» Schläfli ist Vorstandsmitglied des Solothurnischen Bauernverbands und des Schweizerischen Getreideproduzentenverbandes. Er interessiert sich aber auch für die Raumplanungs- und die Sozialpolitik.

Im Kantonsrat, dem Urs Schläfli seit zweieinhalb Jahren angehört, ist er Mitglied der Sozial- und Gesundheitskommission. «Ich könnte mir gut vorstellen, auch im Nationalrat in der entsprechenden Kommission Einsitz zu nehmen.» Noch ist aber völlig offen, in welche Kommission es ihn verschlägt. «Ich muss nehmen, was noch frei ist. Ich bin ja schweizweit der zuletzt gekürte Nationalrat.» Urs Schläfli stieg vor rund 20 Jahren in die Politik ein, als er in der Deitinger Bürgergemeinde aktiv wurde. Seit zwei Jahren ist er deren Präsident.

In die CVP sei er hineingerutscht. «Meine Eltern waren bereits in der CVP. Ich habe aber besonders in letzter Zeit als Kantonsrat gemerkt, dass diese Partei mir am besten entspricht.» Der breiten Kantonsbevölkerung ist Urs Schläfli nicht bekannt. Er ist sich selber bewusst, dass er ein «politischer Nobody» ist.

Schläfli positioniert sich «leicht rechts der Mitte». In der Ausländer- oder Europafrage stehe er eher rechts, in der Sozial- und Finanzpolitik in der Mitte. «Mir ist wichtig, dass man in der Politik gemeinsam nach Lösungen sucht. Dem politischen Gegner soll man mit Respekt begegnen.» Dieser fehlt ihm oft in Bundesbern, weshalb er sich dort für einen kollegialen Umgang einsetzen will.

Keine Stimme für FDP-Bundesräte

Bereits nächsten Montag wird Urs Schläfli das erste Mal auf seinem Nationalratssitz Platz nehmen. «Ich freue mich sehr.» Am Mittwoch folgt die mit Spannung erwartete Bundesratswahl. «Ich tendiere dazu, Eveline Widmer-Schlumpf wiederzuwählen», verrät Schläfli. Er respektiere aber auch den Anspruch der SVP auf zwei Sitze. Das heisst? «Dann wäre einer der zwei FDP-Bundesräte überzählig.»