Die 16-jährige posiert. Nackt. Sie macht ein Foto von sich, klickt auf Senden. Mit dieser Berührung ihres Smartphones steht fest: Sie ist in die Falle getappt. Ihr Chatpartner hat nur auf diesen Fehler gewartet, ja darauf gehofft. Er weiss, jetzt hat er sie in der Hand. Er schreibt ihr eine Chat-Nachricht, in der er ihr droht, er würde das Nacktbild all ihren Facebook-Freunde verschicken – es sei denn, sie schicke ihm 15 weitere intime Bilder von sich. Von ihren nackten Brüsten. Ihrem nackten Hintern. Ihrer Vagina. Maria (alle Namen geändert) tat, wie ihr geheissen. Und schickte dem Mann, den sie nur über die soziale Medien kannte, die gewünschten Bilder.

Am Dienstag stand der heute 31-jährige Sandro vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. Er habe einen «Seich» gemacht, sagte der arbeitslose Logistiker vor den Richtern. «Es tut mir mega leid. Ich würde es gerne rückgängig machen, das kann ich aber leider nicht.» Und er betonte: «Ich habe mich gebessert.» Wie sein Anwalt Daniel Gehrig schreibt Sandro seine Taten einer «postpubertären Phase» zu. Mehr sagte Sandro nicht. Er habe der Staatsanwaltschaft und der Polizei schon alles mitgeteilt.

15 Nacktbilder hat Maria geschickt, Sandro ist dies aber noch immer nicht genug. Jetzt will er einen 2-minütigen Film. Dieser soll zeigen, wie sie sich selber befriedigt.
Er schreibt ihr per Whatsapp-Chat: «Mach einfach ein versautes Video, wo man was sieht.» Und: «Wenns nicht gut ist, musst du noch mal».
Maria fragt nach: «Und wenn ich es nicht mache!?»
Sandro: «Wäre nicht gut.»
Maria: «Was machst du dann?»
Sandro: «Paar Bilder senden.»

Jüngstes Opfer ist 13 Jahre alt

Maria war nicht Sandros einziges Opfer. Daneben gab es sicher noch Lara (13), Jana (15) und Sabrina (17). Die meisten Vorfälle ereigneten sich im September und Oktober 2013. Lara musste Sandro ein Foto schicken, wie sie mit ihrer Zunge ihre Brustwarze berührt; auch Jana und Sabrina erpresste er. Jana mit Nacktbildern, Sabrina mit einem angeblichen Computervirus, den er ihr ansonsten schicken würde. Doch beide weigerten sich, ihm intime Fotos zu senden. «Er hat immer neue Opfer gesucht», sagte die Staatsanwältin Kerstin von Arx, «vor allem jüngere, wahrscheinlich weil er von ihnen weniger Widerstand erwartete.»

Wie sich die Mädchen unter Druck fühlten, zeigen die Aussagen von Maria, die sie gegenüber der Staatsanwaltschaft machte: «Ich fühlte mich ihm gegenüber völlig ausgeliefert. Die Angst, dass er seine Drohung umsetzt, war zu gross.» Es ging so weit, dass sie Sandro sogar per Nachricht fragte, ob sie jetzt duschen dürfe.

Gemäss dem forensisch-psychiatrischen Gutachten besteht beim 31-jährigen ohne Therapie eine grosse Rückfallgefahr. Und bis jetzt hat der Logistiker kein grosses Interesse an Therapien gezeigt. Denn bereits 2013 wurde er wegen ähnlichen Delikten zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Vorausgesetzt, er beginnt eine Therapie. Dem kam er nicht nach. Und so wurde die Strafe vollzogen.

Bitte um allerletzte Chance

Die lange Verfahrensdauer hätte einen Vorteil, sagte Rechtsanwalt Daniel Gehrig. «Mein Mandant konnte zeigen, dass er nicht rückfällig wird.» Tatsächlich: Seit den Vorfällen 2013 blieb Sandro straffrei. Darum bat sein Anwalt um eine allerletzte Chance für Sandro.
«Das ist nicht einfach eine Bagatelle», machte Gerichtspräsident Rolf von Felten bei der Urteilsverkündung dem Angeklagten klar. Falls er die Drohung wahr gemacht hätte – und die Bilder an all ihre Facebook-Freunde verschickt – «hätte dies für die Mädchen dramatische Folgen haben können». Ihm seien mehrere Fälle bekannt, wo dies zum Selbstmord führte.

Das Gericht verurteilte Sandro zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten, 12 Monate davon unbedingt. Zugunsten einer ambulanten therapeutischen Massnahme werden diese 12 Monate aufgeschoben. Von Felten: «Das Gericht ist überzeugt, irgendetwas stimmt beim Beschuldigten nicht.» Das müsse man jetzt angehen. Zudem muss Sandro zweier seiner Opfer 3000 Franken Genugtuung zahlen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.