Balmberg
Nachbarn der Unterkünfte: «Flüchtlinge müssen doch irgendwo wohnen»

Elisabeth Bucheli Ryf und Ernst Ryf leben im Ferienhaus Tannenheim und sind damit Nachbarn der beiden Balmberger Asylunterkünfte. Wie ergeht es ihnen dabei? Wir haben uns mit dem Ehepaar auf einen Kaffee getroffen.

Theodor Eckert
Drucken
Teilen
Das Ehepaar Ryf Bucheli schaut der neuen Situation auf dem Balmberg mit der nötigen Gelassenheit entgegen.

Das Ehepaar Ryf Bucheli schaut der neuen Situation auf dem Balmberg mit der nötigen Gelassenheit entgegen.

Theodor Eckert

In Deutschland herrscht in Sachen Flüchtlinge eine aufgesetzte Willkommenskultur. Tendenz mittlerweile abnehmend. In der Schweiz lösen Asylunterkünfte Abwehrreflexe aus. Nicht zuletzt bei denen, die sich theoretisch betroffen fühlen könnten. In welcher Form auch immer.

Wie muss es dann erst denen ergehen, die in unmittelbarer Nachbarschaft einer Notunterkunft, eines Durchgangsheims, eines Asylzentrums leben? Wir wollten es herausfinden und machten uns auf Richtung Balmberg. Dort oben, auf gut 1000 Metern über Meer, in idyllischer, nebelfreier Lage, befindet sich bereits seit längerer Zeit eine Liegenschaft mit rund 50 Asylsuchenden.

Nun wurde letzte Woche bekannt, dass in Kürze auch das altehrwürdige Kurhaus gleich nebenan genutzt werden soll, um heimatlosen Menschen ein Zuhause zu bieten. Ein majestätischer Bau, aber auch ein verlassener Bau.

Besuch bei den Nachbarn

In den letzten Jahren sind verschiedenste Versuche gescheitert, dem Kurhaus wieder Leben einzuhauchen. Das wird sich nun ändern. Auch für Ernst Ryf und Elisabeth Bucheli Ryf wird sich etwas ändern. Das wissen sie. Sie sind Betroffene. Nicht solche, die zwar in einer Standortgemeinde wohnen, jedoch weit entfernt von der Asylunterkunft. Nein, Ryf/Bucheli wohnen seit über 20 Jahren im Ferienhaus Tannenheim, das einst als Nebenhaus des Kurhauses Balmberg entstanden ist. Zwischen den beiden Liegenschaften liegt kaum ein Steinwurf.

Das Ferienhaus Tannenheim

Das Ferienhaus Tannenheim

Oliver Menge

Die beiden blicken hinüber zum Kurhaus, dort wo gerade ein Tanklastwagen vorgefahren ist. Mehrere Lieferwagen stehen ebenfalls herum, es herrscht geschäftiges Treiben. Die Tannenheimer wissen erst seit wenigen Tagen, dass sie eine neue Nachbarschaft erhalten. Elisabeth Bucheli ist Ersatzgemeinderätin von Balm und hatte daher einen minimalen Wissensvorsprung, «sonst hätten wir es ebenfalls erst aus der Zeitung erfahren», resümiert sie. Sie hat Eimer und Putzlappen beiseitegelegt und offeriert einen Kaffee.

Das Gespräch dreht sich zuerst unverfänglich um ihr Selbstkocherhaus mit seiner reichen Infrastruktur, die vielen unterschiedlichen Gäste, den Skilift, welchen Ernst Ryf mitbegründet hat und natürlich ihre acht Alpakas. Diese anspruchslosen südamerikanischen Tiere, mit denen sie Wanderungen auf den Jurahöhen unternehmen. Ein beliebtes Freizeitangebot für Gross und Klein, das gar unten im Tal Nachahmer gefunden hat, die sich nun ebenfalls auf dem Balmberg tummeln.

Doch allmählich nähern wir uns dem Thema an, das der Grund unseres Besuches ist. Was sie von der veränderten Situation halten, wie sie generell dazu stehen, wollen wir wissen. Man spürt es förmlich, sie sind es gewohnt, im Alltag mit den unterschiedlichsten Menschen umzugehen. Sie sind offen, kommunikativ und auf eine gute Art neugierig. Beide scheinen es recht gelassen zu nehmen.

Im ersten Moment seien sie schon nicht gerade in Begeisterungsstürme ausgebrochen, aber dann hätten sie sich darauf eingestellt. Sie sagt: «Das ist bestimmt eine schreckliche Situation in den Kriegsgebieten, und irgendwo müssen diese Leute bei uns ja auch unterkommen.»

Ihr Mann doppelt nach: «Ob es jetzt wie bisher bloss 50 sind oder dann irgendwann 120, ändert für uns eigentlich nicht viel.» Ryf bezieht sich damit auf die bereits jetzt im ehemaligen Gewerkschafts-Ferienheim lebenden Asylsuchenden. Elisabeth Bucheli erzählt, dass zumindest sie im Tannenheim mit diesen Männern keine Probleme hätten. Es sei spürbar besser geworden, seit dort eine straffere Organisation Einzug gehalten habe.

Familien sind willkommener

Gemäss Kanton sollen im Kurhaus primär Familien untergebracht werden. «Da kann ich mit den Alpakas vielleicht mal dort vorbeigehen und den Kindern eine Freude machen», überlegt die Hausherrin vom Tannenheim. Im Raum steht gegenwärtig ein Vorschlag der Gemeindepräsidentin von Balm, wonach die nicht immer unproblematische Männergesellschaft unterhalb des Kurhauses ebenfalls durch Familien ersetzt werden soll.

Eine gute Idee finden Ryf/Bucheli, was nicht weiter überrascht. Die beiden sind alles andere als blauäugig und machen sich über das Tagesgeschäft hinaus ihre Gedanken. So sorgt er sich etwa, ob seine Liegenschaft wegen der Nachbarschaft an Wert verlieren könnte, zumal es Stimmen gibt, die zu wissen glauben, dass sich der Kanton beim Kurhaus längerfristig engagieren will.

Sie dagegen ist zuversichtlich, dass ihnen die vielen zufriedenen Stammkunden treu bleiben werden. Viele kämen aus Basel und Zürich. Die neuen Nachbarn kommen indes noch von viel weiter her auf den Balmberg. Unterschiedlicher könnten demnach die Reisenden gar nicht sein. Was nicht ausschliesst, dass über der Nebelgrenze alle klarer sehen und sich ganz einfach als Menschen begegnen.

Aktuelle Nachrichten