Hausarztmedizin

Nach sieben Schliessungen im Aargau: Das «MeinArzt»-Debakel trifft auch die Region Solothurn

Hausärzte finden für ihre Praxen oft keine Nachfolge und lassen sich auf Investorengruppen ein.

Hausärzte finden für ihre Praxen oft keine Nachfolge und lassen sich auf Investorengruppen ein.

Die Praxis-Kette «MeinArzt» steckt in grösseren Schwierigkeiten wegen finanzieller Probleme des Besitzers. Sieben Hausarztpraxen im Aargau wurden deshalb geschlossen. Im Kanton Solothurn droht zwei Praxen das Aus.

Patienten, die vor geschlossenen Türen standen und ein Betreibungsamt, das kurzfristig Hunderte von Patientenakten verwalten musste: Die plötzliche Schliessung von sieben Hausarztpraxen im Aargau sorgte letzte Woche im Nachbarkanton für Schlagzeilen.

Die fraglichen Praxen gehörten der Kette «MeinArzt» an. Diese war in finanzielle Probleme geraten, der Gründer der Kette wurde wegen Verdachts auf Vermögensdelikte verhaftet. Ob und wann die Praxen wieder eröffnet werden ist noch unklar.

Auch im Solothurnischen gibt es zwei Hausarztpraxen, die zu der Kette «MeinArzt» gehören. Eine davon in Günsberg, die andere in Oensingen. Jene in Günsberg ist vorerst noch geöffnet, wie ein Anruf in der Praxis zeigt. Wie lange das noch so ist, bleibt aber offen – man wisse nicht genau, wie es weitergehe, so die Auskunft. Die Praxis in Oensingen war bis Redaktionsschluss nicht erreichbar, ein Anrufbeantworter weist auf die aktuellen Öffnungszeiten hin.

Noch keine Hinweise auf eine bevorstehende Schliessung sind beim kantonalen Gesundheitsamt eingegangen: «Unsererseits gibt es aktuell keine Anhaltspunkte dafür, dass diese Praxen geschlossen wären», schreibt Heinrich Schwarz, der Chef des Gesundheitsamts.

Investoren als letzte Lösung für Hausärzte

Überzeugt davon, dass die beiden Praxen im Kanton zumindest vorübergehend geschlossen werden müssen, ist dagegen Lukas Meier. Der pensionierte Chirurg ist Co-Präsident der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Kantons Solothurn. Er hat sich intensiv mit nicht-ärztlich organisierten Investorenpraxen befasst, und ist von deren Konzept nicht überzeugt.

Ketten wie «MeinArzt» funktionieren so, dass ein Investor eine Arztpraxis plus das gesamte Inventar kauft. Meistens von Hausärzten, die vor der Pensionierung stehen und keine Nachfolge für ihre Praxis finden. Anschliessend stellen die Investoren einen Arzt an, der für sie in der Praxis arbeitet. Um eine Praxis nach dem Aus der Kette weiter betreiben zu können, müssten die Ärzte das Inventar und die Praxis kaufen. Etwas, dass sich die wenigsten leisten können. 

Ärzte müssen hohen Umsatz erwirtschaften

Meier fürchtet, dass nach «MeinArzt» in Zukunft auch andere Ketten in Schwierigkeiten geraten könnten. Grund für seine Befürchtungen ist der hohe Umsatz, den die Ärzte in so einem Anstellungsverhältnis erwirtschaften müssen.

«Diese Investoren kommen meistens nicht aus dem medizinischen Bereich und fordern von den Praxen hohe Umsätze. Die Angestellten stehen unter einem unglaublichen Druck», so Meier. Häufig sei es nicht möglich, die geforderten Gewinne zu erwirtschaften.

Das zeige sich unter anderem daran, dass viele Ärzte in solchen Arbeitsverhältnissen ihre Stelle bereits nach kurzer Zeit wieder künden, und dass vor allem Ärzte aus dem Ausland angestellt würden. «Ärztinnen und Ärzte aus der Schweiz lassen sich auf diese Anstellungsbedingungen gar nicht erst ein», sagt Meier.

«Verzweifelte» Situation der Hausärzte

Diese würden sich eher in Gemeinschaftspraxen zusammenschliessen. Dass Investorenketten wie «MeinArzt» überhaupt Praxen in der Schweiz übernehmen können, liegt laut Meier häufig an der «verzweifelten» Situation der Hausärzte in der Schweiz. «Viele schaffen es trotz langer Suche nicht, eine Nachfolge für ihre Praxis zu finden. Als letzte Lösung vertrauen sie dann einem Investor, der ihnen verspricht, die Praxis einem Berufskollegen zu übergeben», fasst Meier zusammen.

Ein Beispiel dafür ist die Praxis in Günsberg, deren Zukunft momentan ungewiss ist. 35 Jahre lang gehörte diese dem heute pensionierten Hausarzt Reto Dicht. Während vier Jahren suchte er für seine Praxis eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger, schaltete Inserate, zog Praxisvermittlungsstellen hinzu, wie er im vergangenen Jahr gegenüber dieser Zeitung erzählte. Trotzdem meldete sich niemand, und schliesslich übernahm die Kette «MeinArzt» die Praxis.

Für die Gemeinde wäre der Verlust der Arztpraxis im Dorf schmerzhaft, sagt Gemeindepräsident Rolf Sterki. «Wir würden es sehr bedauern, wenn diese geschlossen werden würde», so Sterki. «Wir würden die Praxis auch gerne unterstützen, und dabei helfen, eine Nachfolgelösung zu organisieren. Aber das scheint sehr schwierig zu sein».

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Autor

Rebekka Balzarini

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