24-Stunden-Dienst

Nach Mitternacht unterwegs: Was die Spitex auf ihrer Nachttour erlebt

Isabel Kamber macht zweimal pro Monat Nachtdienst. «Die Leute sind in der Nacht anders», sagt die auch spätabends aufgeweckte Pflegefachfrau.

Isabel Kamber macht zweimal pro Monat Nachtdienst. «Die Leute sind in der Nacht anders», sagt die auch spätabends aufgeweckte Pflegefachfrau.

Nachts schläft auch die öffentliche Spitex oder kommt nur im Notfall. Einzig in der Region Solothurn gibt es einen 24-Stunden-Dienst. Wenn sonst alle schlafen, braucht es nicht nur aufgewecktes Personal. Ohne Handy geht nichts.

Isabel Kamber legt den ersten Gang ein und fährt los. Angst? Nein, darüber denkt sie nicht nach. «Darf ich auch gar nicht», sagt die 37-jährige Pflegefachfrau. Alleine steuert sie nachts durch Solothurns Quartiere. Ihr Ziel sind Menschen, die auch nach Mitternacht noch Spitex-Dienste benötigen. Immer dabei: Ein schwerer Rucksack mit allem Notwendigen, Schlüssel, damit sie in alle Häuser kommt, ein Döschen Desinfektionsmittel am Gurt und die Taschenlampe. Kamber, an diesem Abend seit 18 Uhr unterwegs, arbeitet bei der Spitex Region Solothurn. Es ist die einzige öffentliche Spitexorganisation im Kanton, die – gemeinsam mit der Spitex Zuchwil – einen 24-Stunden-Nachtdienst anbietet.

Kurz nach halb Zwölf parkiert Isabel Kamber den weissen Spitex-Skoda in einer Quartierstrasse nordwestlich des Stadtzentrums. Sie schaltet die Taschenlampe ein, läuft über alte Steinplatten und vorbei an grünen Büschen zu einem alten Einfamilienhaus. Wird geklingelt oder nicht? «Das wird mit jedem Klienten abgemacht», sagt Kamber, öffnet, ohne zu klingeln, und steigt die Treppe hoch zum Zimmer der schlafenden Klientin.

Jetzt sitzt jeder Handgriff. Kamber weckt die ältere Frau, gibt ihr zu Trinken, nimmt die Sicherheitslatten des Bettes weg und bewegt die Beine der Frau, damit sie später in der Nacht nicht mit Krämpfen aufwacht. Routiniert, rasch und doch persönlich. Kamber ist immer im Gespräch mit der Klientin, die sich beim Trinken stark verschluckt. Zuerst das linke Bein, dann das rechte. Anziehen, seitwärts, den Fuss drehen. «Die Leute sind dankbar, weil wir dafür sorgen, dass sie zu Hause bleiben können», sagt Kamber. Dann deckt sie die alte Dame wieder zu, richtet das Bett, füllt Wasser nach und lässt die Frau weiterschlafen. Zurück im Auto, nimmt sie ihr Handy hervor und trägt ein: «Verschluckt sich mehrmals und stark.» Am nächsten Morgen wird das die Kollegin sehen können.

Ohne Handy geht nichts mehr

Was auch immer die Riedholzerin in dieser Nacht tut: Es wird auf dem Handy nachverfolgbar sein – von der Wegzeit bis zu Auffälligkeiten der Klienten. Ihr Spitex-Handy weiss alles. Der gläserne Patient ist Realität. Kamber hat Zugriff auf die Patientendossiers, sieht Unverträglichkeiten und Patientenverfügungen, weiss dank dem Handy, wo der Schlüssel deponiert ist, und sieht bei Bedarf die Nummer der Kinder oder des Hausarztes. «Man kann einen Einsatz machen, ohne die Kunden persönlich kennen zu müssen», sagt Kathrin Lanz. Die 52-Jährige leitet die Spitex Solothurn. Ohne Handy wäre der Dienst schwieriger, erklärt sie. Denn hier organisieren Zuchwil und die Region Solothurn den Dienst gemeinsam. Es kann sein, dass eine Solothurner Mitarbeiterin nachts nach Zuchwil gerufen wird.

«Nachtdienst braucht ein Stück Mut», sagt Lanz in ihrem Büro. Zwischen zwei und vier Einsätze leisten die Pflegefachfrauen pro Monat. Es hat auch Kündigungen gegeben, als der Dienst eingeführt wurde. Nicht alle waren ganz glücklich. Es gab Mitarbeiterinnen, die zur öffentlichen Spitex gewechselt hatten, weil ihnen der Nachtdienst anderswo zu viel war. Zum Angebot gehört auch, dass Klienten nachts anrufen können, wenn es einen Notfall gibt. «Finden Sie nachts eine Hausnummer», sagt Isabel Kamber. Bis nach Lommiswil und Flumenthal reicht das Gebiet der Spitex Region Solothurn. Nur einmal, da musste sie durch den Schnee zu einer Liegenschaft fahren, bei der sie noch nie war. «Man muss einfach», sagt sie. Wenn ein Notfall kommt, braucht es eine rasche und korrekte Lösung. «Man kann nur einmal entscheiden», sagt Kamber.

«Ich bin froh»

Isabel Kamber schwitzt. Sie ist bereits in der nächsten Wohnung angekommen, die – aus guten Gründen – auch im Sommer geheizt wird. Hier wohnt ein Mann, der gelähmt ist. Die Spitex bringt ihn abends ins Bett. Bis 5 Uhr wird er schlafen, dann wartet er, bis um 7 Uhr wieder die Spitex kommt. «Ich bin froh, dass es diesen Dienst gibt», sagt der Mann. «Es ist schwieriger geworden, Leute aus dem privaten Umfeld zu finden. Sie werden älter.»
Isabel Kamber zieht sich Handschuhe an, hilft dem Mann aus dem Korsett, dann per Hebelift auf die Toilette und dann ins Bett. Er gibt klare Anweisungen. Sie legt seine Hände aufs Knie, zieht die Beine an, bringt die Füsse in die richtige Stellung, legt Kissen zwischen die Beine und deckt den Mann zu. Der Mann kann sich nachher nicht mehr bewegen. Ist jetzt das Ohr, auf dem er liegt, gefaltet, wacht der Mann plötzlich auf und bleibt hilflos. Kamber schwitzt. Es ist trotz Deckenlift harte körperliche Arbeit.

Dienst ist nicht kostendeckend

«Hilfe und Pflege zu Hause» ist auf das dunkelblaue Polo-Shirt von Spitex-Chefin Kathrin Lanz gestickt. Sie bezeichnet sich als «Ur-Spitexerin», die schon dabei war, als die Spitex als gemeinnütziger Vereinsdienst begann. «Heute sind wir ein KMU», sagt Lanz, die Chefin von 70 Mitarbeitenden ist, davon rund 50 100-Prozent-Stellen. Der Spitex-Hauptsitz gleicht tagsüber einem Bienenhaus. Wäsche lagert in Boxen, am Computer planen und koordinieren zwei Frauen Hunderte von Einsätzen. Wer geht wann am besten wohin? Ohne Computer wäre das kaum möglich. Es kann sein, dass am Freitagnachmittag vier neue Einsätze kommen. «Der erste soll schon am Abend sein. Es muss laufen; von der ersten Minute an», sagt Lanz.
Zwei Jahre, noch bis im Mai 2018, dauert das nächtliche Pilotprojekt in der Region Solothurn. «Der Bedarf ist da», sagt Kathrin Lanz. «Die Menschen wollen zu Hause bleiben. Immer häufiger wird der Wunsch genannt, daheim zu sterben.» Auch die Spitalaufenthalte werden kürzer und der Altersheimeintritt hinausgezögert. Trotzdem: Beim Nachtdienst kommt es auf den Goodwill der Gemeinden an. Der Einwohnergemeindeverband will ihn in seiner Mustervereinbarung für Spitex-Organisationen nicht vorsehen. Aus Kostengründen ist höchstens ein Pikettdienst als Option eingetragen. «Es ist bei weitem nicht kostendeckend. Der Dienst belastet unser Betriebsbudget», gibt auch Lanz zu. Möglich, so ist sie überzeugt, ist der Dienst nur in grösseren Verbünden von Spitexorganisationen. «Sonst wäre es völlig unwirtschaftlich.» Der Kunde selbst bezahlt nicht mehr als tagsüber.

Isabel Kamber fährt weiter. Aufgeweckt geht die 37-jährige Pflegefachfrau durch die Nacht. Noch ein stattliches Haus besucht sie an diesem Abend; einen Mann, dessen Frau in den Ferien ist, braucht Hilfe.

Dann, kurz nach 1.30 Uhr, ist Kamber zurück im Spitex-Büro an der Solothurner St. Josefsgasse. Sie legt alle Schlüssel wieder an ihren Platz, zieht sich um und geht nach Hause. Noch bis 7 Uhr hat sie Pikett. Jederzeit kann das Natel klingeln. Um 5 Uhr geschieht es. Isabel Kamber rückt für einen verstopften Dauerkatheter aus.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1