Amtsgericht
Nach Messerstecherei bleiben Zweifel: Lasten werden auf Täter und Opfer verteilt

Ein 28-jähriger, eigentlich ausgeschaffter Kosovare stand am Mittwoch vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. Er war wegen seines Sohnes wieder illegal eingereist und stach auf dem Grenchner Howeg-Areal mit dem Messer zu.

Daniela Deck
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In einem Gang in den Katakomben des Howeg-Gebäudes kam es zur Messerstecherei. (Archiv)

In einem Gang in den Katakomben des Howeg-Gebäudes kam es zur Messerstecherei. (Archiv)

zvg

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern hatte sich wieder einmal mit einem Gewaltausbruch in der Ausgehszene rund um das Grenchner Howeg-Gebäude zu befassen. Der Täter: ein 28-jähriger Kosovare, der im Frühling 2015 wegen diverser Delikte vom Amtsgericht Olten-Gösgen ausgeschafft worden war, im Dezember 2015 aber schon wieder hier war.

Das Opfer: ein junger Grenchner mit ausländischen Wurzeln, über den die knapp gehaltene Anklageschrift abgesehen vom Namen keine Angaben macht. Die Tatwaffe: ein Schweizer Armeesackmesser. Die Zeugen: teilweise ihrerseits vom Täter auf räuberische Erpressung verklagt.

Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten konnte eine gewisse Frustration nicht verbergen, als er einleitend zur Urteilsbegründung sagte: «Wie immer, wenn das Gericht Sachen im Howeg-Gebäude zu beurteilen hat, wissen wir sehr wenig über den Tathergang. Das ist nicht die erste Messerstecherei dort. Immerhin handelt es sich diesmal nicht um einen Akt purer Aggression, bei dem jemand auf andere ‹iibrätscht’, wie es in diesem Gebäude schon fast Alltag ist.»

Wollte Opfer den Streit schlichten?

Tatsächlich hätte es schlimmer kommen können. Letztes Jahr, am 8. April, ging der Angeklagte, Burim R.*, ins Howeg-Gebäude in den Ausgang, konsumierte Alkohol und zwei Gramm Kokain. Das, obwohl er hier nach eigenen Angaben eine Woche zuvor von einem Kampfsportler aus dem Freundeskreis seines späteren Opfers zusammengeschlagen worden war. Zu seinem Schutz habe er ein Sackmesser mitgenommen.

In einem engen Gang der Katakomben traf Burim R. etwa um 5 Uhr morgens auf den jungen Schweizer, der ihm, dem illegal anwesenden Kosovaren, gegen Miete zwei Monate lang Unterschlupf geboten hatte. Dabei flammte ein schwelender Streit über gegenseitige Schulden auf. Das Opfer mischte sich in die lautstarke Auseinandersetzung ein, was die Situation eskalieren liess und ihm zwei Messerstiche einbrachte, in den Bauch und die Brust. Beide Stiche waren mit ein bzw. zwei Zentimetern nicht tief und verletzten keine inneren Organe.

Wollte er den Streit schlichten, wie der junge Grenchner unterstützt von zwei Zeugenaussagen geltend machte oder war er der Aggressor, gegen dessen Schläge Burim R. in Notwehr das Sackmesser zückte, wie dessen Verteidiger sagte? Im Bemühen, sich als Aussenseiter gegen eine etablierte Szene zu wehren, hat Burim R. mehrere Personen, darunter einen der beiden Zeugen, inzwischen wegen Erpressung angezeigt.

Zum eigenen Kind

Dass der Angeklagte einige Monate nach der Ausschaffung in die Schweiz zurückkehrte, begründet er damit, dass er seinen kleinen Sohn sehen wollte, den er aus einer geschiedenen Ehe mit einer Frau aus der Region Olten hat. Trotz anderslautendem Gerichtsbescheid verweigere die Kesb bis heute sein Besuchsrecht. Der Fall sei derzeit beim Verwaltungsgericht hängig, erzählte Burim R. Nach der Einreise über die grüne Grenze im Dezember 2015 habe er sich in Grenchen niedergelassen, um der Polizei in der Umgebung von Olten aus dem Weg zu gehen.

In wortgewandtem Hochdeutsch erzählte Burim R. über seine Kindheit, erst geprägt vom Krieg im Kosovo und später in Holland, wo er allein mit der Mutter aufwuchs. Hier lebe die Mutter noch immer, krank und abhängig von der Sozialhilfe. Aufgrund seiner Einreisesperre in den Schengenraum könne er sie nicht auf legalem Weg besuchen. «Ich war ein schwieriges Kind», sagte der Angeklagte von sich. Dass er auch heute nicht einfach im Umgang ist, impulsiv handelt und zu aggressivem Verhalten neigt, beschreibt ein Gutachten, das ihm eine dissoziale Persönlichkeitsstörung attestiert.

Notwehr mit Exzess

Das Opfer hatte bei der Erstversorgung im Bürgerspital Solothurn über zwei Promille Alkohol im Blut. Folglich war sein Erinnerungsvermögen getrübt. Auch die Zeugenaussagen aus dem Dunstkreis von Howeg- und Kampfsport-Milieu hinterliessen einen zwiespältigen Eindruck, und so verteilte das Gericht die Lasten auf beide Beteiligten, Täter und Opfer.

Burim R. wurde für die Messerstecherei, die Verstösse gegen das Ausländer- und Betäubungsmittelgesetz zu einer Busse und 18 Monaten unbedingter Freiheitsstrafe verurteilt, wovon er den grössten Teil im vorzeitigen Strafvollzug bereits abgesessen hat. Damit reduzierte das Gericht die 32-monatige Freiheitsstrafe, die der Staatsanwalt gefordert hatte, auf fast die Hälfte.

Den Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung milderte das Gericht zur einfachen Körperverletzung. Damit folgte es der Argumentation der Verteidigung. Die vom Opfer geforderte Genugtuung von 5000 Franken wurde auf 500 Franken gestutzt, und die Heilungskosten des Opfers müssen sich die beiden hälftig teilen.

Nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» beurteilte das Gericht das Geschehen als Notwehrsituation für Burim R., wobei seine Reaktion allerdings als Notwehr-Exzess zu werten sei.

Name von der Redaktion geändert