Logistikzentren

Nach Kritik an der Logistikbranche: Handelskammer kontert mit Zahlen

Irritiert ist Christian Hunziker, Vizedirektor der Solothurner Handelskammer, dass gewisse Politiker fehlende Wertschöpfung in der Logistikbranche kritisieren. Der Experte zählte 1200 neue Stellen in zehn Jahren.

Irritiert ist Christian Hunziker, Vizedirektor der Solothurner Handelskammer, dass gewisse Politiker fehlende Wertschöpfung in der Logistikbranche kritisieren. Der Experte zählte 1200 neue Stellen in zehn Jahren.

Sie kam kürzlich unter die Räder, sogar von bürgerlicher Seite: Kantonsräte kritisierten, dass Lagerhäuser dem Kanton wirtschaftlich wenig bringen. Nun widerspricht der Experte und erklärt, was Sache ist.

Es waren für bürgerliche Politiker erstaunliche Aussagen, die kürzlich im Kantonsrat fielen. Vorwiegend Politiker aus dem landwirtschaftlichen Umfeld prangten den Flächenverbrauch der Logistikbranche an, als es um den Landverbrauch für einen Schwerverkehrsparkplatz im Deitinger Schachen ging. «Die Logistikzentren bringen uns nichts», hiess es. Oder: «Wenn man schon wertvollen Boden opfert, dann soll dies auch zu wirtschaftlicher Prosperität führen.» Und: «Im Vergleich zum benötigten Land haben wir zu wenig Wertschöpfung.» Solche Aussagen will Christian Hunziker nicht stehen lassen. Der stellvertretende Direktor der Solothurner Handelskammer hat Zahlen, die eine ganz andere Sprache sprechen.

«Logistikzentren bringen uns nichts», hiess es kürzlich im Kantonsrat, und dies von bürgerlicher Seite. Sie haben dieses Votum kritisiert.

Christian Hunziker: Diese Aussage stimmt einfach nicht. Und sie wird der Bedeutung der Logistikbranche im Kanton nicht gerecht. Mehr als ein Viertel des Beschäftigungsanstieges der letzten zehn Jahre ist auf die Logistikbranche zurückzuführen. Wir hatten einen Anstieg von 1200 Vollzeitstellen. Das ist ein Zuwachs von 44 Prozent. Der Beschäftigungsanstieg verlief zehn mal so schnell wie derjenige der restlichen Wirtschaft. Das ist ein beeindruckender Leistungsausweis, gerade im Kanton Solothurn, der nicht übermässig mit Wachstum gesegnet ist.

Man müsste im Kanton eigentlich froh um die Logistikbranche sein?

Ja. Was mich stört, ist die fehlende Wertschätzung, die man in den Aussagen gespürt hat. Ich bringe das Gegenbeispiel aus dem Baselbiet: Dort gibt es den Logistikcluster Region Basel, in dem die Volkswirtschaftsdirektionen der beiden Kantone vertreten sind. Man ist stolz auf diesen Cluster. Da bin ich erstaunt und irritiert, dass dies bei uns nicht der Fall ist. Man geht immerhin davon aus, dass zwischen 2006 und 2016 die Wertschöpfung in der Solothurner Logistikbranche um rund 50 Prozent zugenommen hat im Vergleich zu 10 Prozent in der übrigen Wirtschaft. Das sind 200 Mio. Franken zusätzliche Wertschöpfung.

Warum ist die öffentliche Wahrnehmung teilweise trotzdem eine andere?

Das hat sicher auch damit zu tun, dass es in diesen Branchen um emotionale Themen wie Verkehr und Bauen geht. Ich glaube auch, dass zu wenig bekannt ist, was hinter den Fassaden passiert und welche positiven Beiträge die Branche leistet.

Zum Beispiel?

Gerade mit der Digitalisierung werden wir immer mehr hochqualifizierte Arbeiten haben. Es gibt die Gefahr, dass Leute abgehängt werden. Deshalb sollten wir froh sein, dass wir auch diese Arbeitsplätze in der Logistik haben. Es ist doch nichts Negatives, dass die Branche auch Tätigkeiten für Menschen anbietet, die es in der Arbeitswelt schwieriger haben.

Anders sah dies Kantonsrat Peter Brotschi. Er sagte, die tiefen Löhne von Logistik-Mitarbeitern müssten wohl noch mit Prämienverbilligungen quersubventioniert werden.

Diese Aussage finde ich völlig deplatziert. Sie war unfair gegenüber Arbeitnehmern und auch Arbeitgebern. Denn die Logistikbranche hat heute Berufsprofile in allen Variationen; von höchstqualifizierten Spezialisten bis hin zu eher einfachen, repetitiven Tätigkeiten wird alles angeboten. Das Bild von früher stimmt nicht mehr. Und nochmals: Es ist ein grosses Verdienst der Logistikbranche, dass sie Menschen eine Beschäftigung gibt und dafür auch faire Löhne bezahlt. Zudem glaube ich auch an die Chancen der Logistik und die Möglichkeiten der Weiterentwicklung.

Was können solche Chancen sein?

Es gibt etwa Logistiker, die nicht nur Ware entgegennehmen, sondern einen Arbeitsschritt tätigen und dann die Ware weitergeben. So werden Velos nicht nur eingelagert, sondern auch zusammengestellt. Solche zusätzlichen Wertschöpfungsschritte sind Chancen.

Fakt ist aber: Die Logistikbranche braucht teure Verkehrsinfrastruktur.

Ja, aber der grösste Teil des Verkehrs ist Freizeitverkehr, dann folgen die Pendler und schliesslich kommt noch der Transport von Waren. Wir alle sind Verkehr. Es gibt ein englisches Sprichwort: «You are not in the traffic, you are the traffic.»

Kritisiert wird auch, dass die Logistikbranche zu wenig Wertschöpfung im Vergleich zum Landverbrauch hergibt.

Da bin ich nicht einverstanden. Es gibt keine Statistik, die Wertschöpfung pro Fläche ausweisen kann. Klar ist es eine raumintensive Branche. Aber das gilt für viele Produktionsbetriebe. Am Ende können wir trotzdem nicht alle im Büro arbeiten. Zudem hat sich die Logistik in den vergangenen Jahren so entwickelt, dass sie mit weniger Fläche auskommt. Das zeigen etwa die neusten Bauten, die sehr stark in die Höhe gehen. Es gibt Hochregallager, die auf einem relativ kleinen Fussabdruck viel Ware lagern.

Für einige Gemeinden aber scheint das Kriterium Wertschöpfung pro Quadratmeter wichtig zu sein. Gerade gab es aus Grenchen/Selzach ein Beispiel, wo eine Firma deswegen kein Land erhielt. Dürfen Gemeinden so wählerisch sein und auf den Prinz warten?

Eine Gemeinde darf letztlich alles... (lacht). Klar: Gemeinden dürfen über Raumplanung einfordern, haushälterisch mit dem Land umzugehen. Wir müssen zum Boden Sorge tragen. Es gilt, in die Höhe zu bauen. Die Frage lautet aber, ob es gut ist für die Gemeinde, wenn man hofft, dass das Wunder kommt. Viele Gemeinden wünschen sich Biogen. Nur kommt Biogen nicht unzählige Male in den Kanton, sondern ein einziges Mal. Das ist ein ausserordentlicher Glücksfall. Zudem klappt es in der Regel nicht, wenn staatliche Institutionen bestimmen wollen, welche Wirtschaft, welche Branchen und Sektoren man haben will.

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