Amtsgericht

Nach Frontallkollision in Kurve: Autolenkerin findet verständnisvolle Richter

10. April 2015: Schwere Kollision bei Schnottwil – nun ein Gerichtsfall. Archiv

10. April 2015: Schwere Kollision bei Schnottwil – nun ein Gerichtsfall. Archiv

Es ist der Albtraum jedes Autofahrers: Plötzlich kommt einem mitten auf der Strasse ein Auto entgegen. Vollbremsung? Ausweichmanöver? Es bleiben nur Bruchteile einer Sekunde, um zu reagieren. Am 10. April 2015 reichte diese Zeit nicht.

Ausserorts, auf der Biezwilerstrasse in Schnottwil, kollidierten damals zwei Autos heftig auf der Beifahrerseite. Beide Lenker wurden erheblich verletzt und mussten in Spitalpflege.

Auf den ersten Blick schien die Sache klar: Die Lenkerin des schwarzen Kleinwagens war in einer leichten Rechtskurve auf die Gegenfahrbahn geraten und sie ist schuld. Sie erhielt von der Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl wegen grober Verkehrsverletzung. Dagegen erhob sie Einspruch.

Es kam für sie noch gröber: Weil sich der Lenker des grauen SUV schwerer verletzt hatte als anfangs angenommen, musste sie sich nun vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt sogar wegen fahrlässiger, schwerer Körperverletzung verantworten. «Ich sah das Auto direkt auf mich zukommen und versuchte, nach links auszuweichen», beschrieb die Angeklagte, die als Chauffeurin im Personentransport arbeitet, den Unfall. «Weil rechts eine Böschung ist, konnte ich dort nicht ins Feld hinaus fahren. Ich wusste, dass bremsen nichts bringen würde. Ich hoffte, dass ich irgendwie auf der linken Seite am anderen Auto vorbei kommen könnte.»

Der Lenker des grauen SUV, der als Nebenkläger auftrat, sagte aus, dass er sich nur noch daran erinnern könne, wie das andere Auto auf ihm zugekommen sei. Aufgrund einer Hirnprellung könne er sich an keine Details mehr erinnern. «Ich habe seither Rückenschmerzen und Kopfweh. Ich bin 50 Prozent krankgeschrieben», beschrieb der Mann die Spätfolgen des Unfalls.

«Das Manöver der Angeklagten war objektiv untauglich. Es war nicht möglich, so dem entgegenkommenden Fahrzeug auszuweichen. Bremsen und nach rechts ausweichen, das wäre die naheliegendste und richtige Reaktion gewesen», erklärte Rechtsanwalt Philipp Gressly, der den Fahrer des SUV vertrat. Er forderte eine Verurteilung, eine angemessene Bestrafung und eine Parteientschädigung.

Aussagekräftige Gutachten

Weil beide Seiten aussagten, das jeweils andere Auto sei zu weit links gefahren, hatte das Gericht zwei Gutachten erstellen lassen und einen Experten als Zeugen vorgeladen. Dessen Schätzungen der Geschwindigkeiten fielen erstaunlich exakt aus: Zwischen 60 und 67 Stundenkilometern sei der dunkle Kleinwagen der Angeklagten gefahren, zwischen 78 und 87 der graue SUV.

«Aufgrund der Schäden an den Fahrzeugen und den Spuren des Auslaufs haben wir mit einer Computersimulation den Unfallhergang berechnet», schilderte der Gutachter. Die Angeklagte habe ein Ausweichmanöver «an der fahrdynamischen Grenze» ausgeführt. Kurz: Wäre sie schneller gefahren oder hätte sie noch heftiger nach links gesteuert, wäre das Fahrzeug ins Rutschen gekommen. Vom grauen SUV habe es dagegen keine Spuren auf der Strasse gegeben, die auf eine Reaktion des Fahrers schliessen liessen.

«Sie wich, so gut es ging, nach links aus», fasste Thomas Fürst, Verteidiger der Beschuldigten, in seinem Plädoyer zusammen. «Meiner Klientin darf man nichts vorwerfen. Das andere Auto kam ihr auf der falschen Fahrbahnseite entgegen. Es war das entgegenkommende Fahrzeug, das die Gefahrensituation hervorrief. Sie wurde durch das rechtswidrige Verhalten des Privatklägers gezwungen, auszuweichen. Sie deshalb zu verurteilen, wäre unerträglich.»

«Ich werde für das Fehlverhalten eines anderen angeklagt. Wäre ich nicht ausgewichen, hätte es eine totale Frontalkollision gegeben und wir wären beide tot», sagte die Lenkerin des Kleinwagens in ihrem Schlusswort.

Richtig reagiert: Freispruch

Das Gericht sah es ähnlich und stellte fest, dass sich aufgrund des Gutachtens der Unfall durchaus so abgespielt haben könnte, wie von der Angeklagten beschrieben. «Ein Mangel an Aufmerksamkeit, wie es in der Anklage vorgeworfen wird, ist nicht auszumachen», erläuterte Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker in der Urteilsbegründung den Freispruch. «Nach rechts auszuweichen und dort ins hohe Bord zu fahren, das hätte schlimme Folgen haben können. Dem entgegenkommenden Fahrzeug nach links auszuweichen, das war nicht abwegig.» Es sei nicht objektiv erstellt, dass es eine bessere Verhaltensweise gegeben hätte.

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