Untersuchung

Nach Fast-Unfall: Braucht der Flughafen Grenchen einen «Flugzeug-Fänger»?

Flughafen Grenchen

Bei Landung über Pistenende hinaus: Das kann ins Auge gehen (Symbolbild)

Flughafen Grenchen

Ein in Grenchen landendes Flugzeug geriet im September 2018 über das Pistenende und die Archstrasse hinaus: Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle Sust sieht Handlungsbedarf.

Der «schwere Vorfall» vom 28. September 2018 sei «auf ein spätes Aufsetzen des Flugzeuges auf der Piste mit überhöhter Geschwindigkeit zurückführen», heisst es im Bericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust). Und der Vorfall hätte mehr als nur ins Auge gehen können: Der Pilot eines einmotorigen, zweisitzigen Leichtflugzeugs Yak-52 setzte kurz nach Mittag zur Landung auf dem Flughafen Grenchen an.

Das Flugzeug landete mit einer Geschwindigkeit von rund 80 Stundenkilometern, geriet über das Pistenende hinaus, durchquerte den angrenzenden Acker und überrollte schliesslich auch die 110 Meter hinter dem Pistenende liegende, quer zur Pistenachse verlaufende Kantonsstrasse nach Arch.

Dass es beim Unfall keine schlimmeren Folgen und Verletzte gab, ist auch dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass ein Autolenker das nahende Flugzeug erkannte und rechtzeitig anhalten konnte. Der Pilot forderte das Glück anschliessend gleich noch einmal heraus: Er wende die Maschine und rollte, ohne Absprache mit dem Tower, zurück in Richtung Flugplatz, wobei er die Strasse erneut überqueren musste. «Dies war eine unüberlegte, unnötige und riskante Handlung, die erneut ein Risiko für die Strassenverkehrsteilnehmer darstellte», wird dazu im Sust-Bericht wörtlich festgehalten.

Reduktion der Gefährdung bisher ausgeblieben

Nach einem ähnlichen Vorfall in St.Gallen-Altenrhein 2012 hatte die Sust in einer Sicherheitsempfehlung gefordert, dass in einer Gefahrenanalyse aller Schweizer Flughäfen auch die Gefährdung Dritter zu erfassen und zu minimieren seien. Laut Angaben des Bundesamts für Zivilluftfahrt Bazl ist die Gefährdung Dritter auf Schweizer Flugplätzen Bestandteil der Gefahrenbibliothek jedes zertifizierten Flugplatzes. Zu bemerken ist, dass der Bericht zum Unfall in Grenchen gerademal 7 Seiten aufwies, der zum Vorfall in St.Gallen-Altenrhein über 25.

Laut Sust ist im Fall von Grenchen die Archstrasse zwar Bestandteil dieser Gefahrenbibliothek. «Konkrete Massnahmen, die zu einer Verringerung der für die Benutzer dieser Kantonsstrasse herrschenden Gefährdung führen, wurden aber bisher weder vom Bazl noch vom Betreiber des Flugplatzes getroffen», kritisiert die Sust. 

Warnhinweise "ausreichend"

Nach Auffassung des Bazl und des Flugplatzbetreibers seien die an der Strasse angebrachten Warnhinweise ausreichend, schreibt die Sust. Aber: «Diese Einschätzung teilt die Sust nicht, weil durch Gefahrenhinweise alleine keine Minderung der eigentlichen Gefährdung erreicht werden kann.» Wie der jetzt untersuchte schwere Vorfall zeige, habe die Sicherheitsempfehlung der Sust jedenfalls «nichts an Aktualität eingebüsst.»

Im Bericht der Sust wird darauf verwiesen, dass es auf diversen grösseren Flugplätzen Vorkehrungen gebe, «die ein solches Sicherheitsdefizit abschwächen, beispielsweise mit Hilfe eines technisch angelegten Rückhaltesystems (Engineered Materials Arrestor System EMAS). Ein solches könne ein Flugzeug, welches das Pistenende überrollt, ohne Personenverletzung und mit minimalem Flugzeugschaden zu stoppen. Das Problem dabei: Solche Systeme gibt es nach Auskunft von Sachverständigen in der Tat für grössere Flugzeuge und Airliner, nicht aber für Kleinflugzeuge. Ausserdem wäre in Grenchen die dafür erforderliche Distanz zwischen Pistenende und Kantonsstrasse zu klein, das System also nicht praktikabel.

Auf kantonaler politischer Ebene sind in den letzten Jahren Forderungen nach dem Bau eines Strassentunnels unter der Piste gescheitert. Dies nicht zuletzt wegen der hohen Kosten. Der Kanton hat sich auch gegen andere Massnahmen, wie eine Markierung der Strasse im Bereich der An- und Abflugschneise oder eine Lichtsignalanlage ausgesprochen, die von den Flughafenverantwortlichen vorgeschlagen wurden.

Kommt dazu, dass bis vor zwei Jahren die Regelung bestand, dass zwischen Strasse und Flugfeld und Piste keine hohen Gewächse stehen dürfen, welche die Sicht verdecken. Das wurde auf eidgenössischer Ebene geändert. Nun fährt der Automobilist einer grünen Wand aus Mais entlang und hat keine Einsicht auf das, was auf dem Flughafen passiert. Umgekehrt sehen startende Piloten auch nicht, was sich auf der Kantonsstrasse abspielt. 

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Autor

Urs Mathys

Urs Mathys

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