S. holt für ihre Geschichte aus: Vor etwas mehr als drei Jahren, im August 2011, besuchte sie ihre alleinlebende Mutter in ihrem Heimatdorf in Serbien. Sie nahm ihren damals 15-jährigen Sohn zu diesem Besuch mit. Kurz nach ihrer Ankunft bekam sie dort Besuch von ihrem Ex-Freund und dem Vater ihres Sohnes. Dieser nahm ihr Auto und wollte es nicht mehr zurückgeben. Es kam zu einem Streit. S. meldete sich bei der örtlichen Polizei, um eine Anzeige zu machen. Am folgenden Tag seien 13 Polizisten bei ihrer Mutter aufgetaucht und sie wurde auf den Polizeiposten mitgenommen. «Dort wurde ich misshandelt, sodass ich das Bewusstsein verlor. Man brachte mich ins Spital und schliesslich wurde ich mit dem Notfallwagen ins Untersuchungsgefängnis einer grösseren Stadt gefahren.» Sie kam in Untersuchungshaft. Warum, wusste sie nicht.

In der Zwischenzeit holte der Ex-Freund seinen Sohn bei der Mutter von S. ab und brachte ihn zurück in die Schweiz. Dort lebte der Junge einige Tage allein in der Solothurner Wohnung seiner Mutter, seinem Zuhause. Das Solothurner Sozialamt habe sich beim Jungen gemeldet und ihn vor die Wahl gestellt: «Willst du zum Vater, der in einer anderen Schweizer Stadt lebt, oder in ein Heim?» Der Junge entschied sich für den Vater. S. blieb sechseinhalb Monate in Untersuchungshaft und kam danach für einen Monat in ein Gefängnis. Es habe nie eine ordentliche Gerichtsverhandlung in Serbien stattgefunden, erzählt sie.

Sie weist darauf hin, dass sie verschiedene Solothurner Behörden schon Jahre vorher informiert habe, dass sie befürchte, dass es einmal zu einer gröberen Eskalation mit ihrem Ex-Freund kommen könne. Ihre Befürchtungen seien aber immer ignoriert worden, sagt sie, im Gegenteil: «Man hat mich überall schlechtgemacht und gesagt, ich leide wohl an einer psychischen Störung.»

Überraschend wurde sie dann im April 2012 aus dem Gefängnis entlassen. Sofort fuhr sie zurück in die Schweiz. Sie wollte ihren Sohn treffen, doch sie fand ihn nicht. Was während ihres Gefängnisaufenthalts in der Schweiz vor sich ging, habe sie erst bei der Rückkehr nach und nach erfahren. Ihr Schock war gross, als sie erfuhr, dass auch ihre Wohnung inzwischen geräumt sei. Ihre ganze Habe sei in einem Lagerhaus bei Bern eingestellt worden.

Wer die Räumung veranlasst hatte, weiss sie bis heute nicht. Auch ihre gesamten Dokumente, ungeöffnete Briefe und Rechnungen waren dort eingelagert worden. Wo ihre Wertgegenstände, persönliche Dokumente und der Schmuck geblieben seien, habe ihr niemand sagen können. «Es war sehr schlimm. Ich lebte ein paar Wochen auf der Strasse, da ich keine Unterkunft fand.»

Das Sozialamt habe ihr Vorschläge für Wohnungen gemacht, doch diese Mieten konnte sie nicht aufbringen. Glücklicherweise fand sie eine temporäre Anstellung bei ihrem früheren Arbeitgeber, und endlich fand sie im September 2012 ein möbliertes Zimmer, jedoch ohne Wasch- und Kochgelegenheit.

Sie versuchte, mit ihrem Sohn Kontakt aufzunehmen. Nach mehreren Versuchen kam endlich ein Besuchstermin zustande. Doch: «Zum vereinbarten Termin kam statt meines Sohnes die Polizei zu mir und begann, alles zu untersuchen.» Sie verstand die Welt nicht mehr. Im September 2013 konnte S. eine kleine, bezahlbare Zwei-Zimmer-Wohnung mieten.

Von ihrem sauer verdienten Einkommen, welches sie im Stundenlohn erarbeitet, sieht sie heute fast nichts mehr. Seit mehr als einem Jahr läuft eine Lohnpfändung. Die Schulden, die sie plagen, hätten ihren Ursprung in der Zeit im Gefängnis, sagt sie. «Warum hat niemand den Wohnungsvermieter, Telefon, Krankenkasse und Steueramt informiert, als ich im Gefängnis war? Und warum musste ich bis zum 18. Geburtstag meines Sohnes in diesem August Alimente an meinen Ex-Mann bezahlen? Meinen Sohn hat man entführt. Ich habe nie eine Einwilligung gegeben, dass er nicht mehr bei mir leben soll.»

Man habe ihren Sohn damals zu seinem Vater geschickt, obwohl Akten vorliegen, die beweisen, dass er nie gerne dorthin ging. Sie habe als Mutter schliesslich das alleinige Sorgerecht gehabt. Das Schicksal ihres Sohnes ängstigt sie sehr. «Er lebt bei seinem Vater und unter dessen Einfluss. Durch Bekannte habe ich erfahren, dass er keine Lehre macht. Hin und wieder soll er auf dem Bau arbeiten. Das soll zum Wohl meines Kindes sein, wie man mir immer wieder begründete?»

Anfang dieses Jahres wurde ihr Leben noch dramatischer. Sie musste ihre betagte, schwer krebskranke Mutter bei sich aufnehmen. Das war ihre Pflicht als einzige Tochter. Da sie ausgebildete Krankenpflegerin ist, konnte sie den schweren Pflege-Dienst neben ihrer Schichtarbeit leisten. «Meiner Mutter ging es sehr schlecht. Die ganzen Umstände haben auch sie krank gemacht», ist sie überzeugt.

Ende August ist die alte Frau gestorben. Die Rechnungen für Medizin, Spitalaufenthalte und Überführung der Toten nach Serbien belasten S. jetzt zusätzlich. Und wieder gab es Probleme mit den Behörden: Das Amt für Migration hatte sich während des Aufenthalts ihrer Mutter schwer mit der Bewilligung getan, diese zunächst abgelehnt.

Schuld an all diesen Problemen gibt S. dem «Behörden-Filz» in Solothurn. «Ich habe immer gearbeitet, um mein Leben zu finanzieren, und nie bei der Sozialhilfe die hohle Hand gemacht. Doch weil die Behörden schlecht über mich urteilten und allen weitermeldeten, ich sei einfach nur ein Psycho-Fall, stecke ich in dieser Misere.»

Mittlerweile hat sie einen Anwalt in Olten gefunden, der nun versucht, Schicht um Schicht ihrer Probleme abzutragen. «Ich hoffe, es geht jetzt etwas. Dieser Anwalt ist nicht mit den Solothurner Behörden verbandelt wie die Juristen, die ich bisher konsultiert habe.» Die Weihnachtstage verbringt sie alleine. Der Arbeitgeber macht zwei Wochen Betriebsferien, und daher kann S. auch kein Geld verdienen.

Wie sie diese Tage überstehen wird, weiss sie nicht. «Eine Kollegin hat mir hundert Franken geliehen, dass ich mir etwas zu essen kaufen kann. Meinen Wochenlohn mit dem gesamten 13. hat das Betreibungsamt eingezogen.» Mit dem Grundbedarf für diesen Monat hat sie bereits andere Rechnungen begleichen müssen.