Auflösung geplant

Nach 333 Jahren soll der letzte Wille des Pfarrers enden

Noch immer – aber wohl nicht mehr lange – wird dieses stattliche Haus in Rodersdorf gemäss Wortlaut eines Testamentes aus dem Jahr 1686 innerhalb einer einzigen Familie weitervererbt.Kenneth Nars

Noch immer – aber wohl nicht mehr lange – wird dieses stattliche Haus in Rodersdorf gemäss Wortlaut eines Testamentes aus dem Jahr 1686 innerhalb einer einzigen Familie weitervererbt.Kenneth Nars

1686 bestimmte der Rodersdorfer Pfarrer Marx Aeschi, was mit seinem Nachlass geschieht. Jetzt will der Kanton das sogenannte Fideikommiss, eine Art Familienstiftung, auflösen. Das stattliche Gehöft, das 333 Jahre in einer Hand war, soll in neuen Besitz.

Sein Erbe hat Jahrhunderte überdauert. 1686 bestimmte der vermögende Rodersdorfer Pfarrer Marx Aeschi, was nach seinem Tod mit seinem stattlichen Vermögen geschehen solle. Der Familie Felzhalb – oder bei ihrem Aussterben den Familien Murer, Hügli und Müller – verlieh er das Recht, sein stattliches Haus im Dorfkern von Rodersdorf sowie zwei Stück Land nutzen zu dürfen.

Um seinem letzten Willen Geltung zu verschaffen, nutzte Pfarrer Aeschi ein Rechtsvehikel, das in Patrizierfamilien des Ancien Régime gebräuchlich war: Er gründete ein sogenanntes Fideikommiss, eine Art Familienstiftung. Damit gestand er jeweils einem Nachfahren (meist der älteste oder jüngste Sohn) der im Testament bedachten Familie das Recht zu, den vererbten Besitz wie die Häuser oder das Land zu nutzen.

Der Nutzer durfte diese Güter aber weder verkaufen noch mit Hypotheken belehnen. Nach dem Tod ging das Nutzungsrecht in derselben Familie auf einen Vertreter der nächsten Generation über. So konnten die Familien ihren Besitz über Generationen zusammenhalten, ohne dass er durch eine Erbteilung zersplittert wurde. Grosse Teile der Familie wurden damit allerdings vom Erbe ausgeschlossen.


Ein einzigartiges Geschäft


Mehr als drei Jahrhunderte hat der Fideikommiss des Rodersdorfer Pfarrers nun Bestand gehabt. Doch jetzt soll er aufgelöst werden. Im Amtsblatt des Kantons Solothurn ist die geplante Aufhebung des Fideikommiss publiziert worden. «Um die historisch wertvollen Gebäude auch in Zukunft erhalten zu können, ersucht der aktuelle Fideikommissar (Nutzniesser) um Aufhebung des Fideikommisses», schreibt der Kanton Solothurn im Amtsblatt. Denn offenbar befindet sich das Haus in einem schlechten Zustand. Und weil es laut Fideikommiss nicht belehnt werden darf – und Banken so kein Geld sprechen – ist eine Renovation kaum möglich.


Für die Aufhebung zuständig ist beim Kanton Solothurn Peter Studer. Der Departementssekretär im zuständigen Volkswirtschaftsdepartement hat damit ein quasi-einzigartiges Geschäft auf dem Tisch. Denn gerade einmal zwei Fideikommiss sind im Kanton Solothurn noch bekannt. Studer, der noch nie ein solches Geschäft zu führen hatte, musste deshalb zuerst einmal abklären, wie ein solches Rechtsvehikel aus dem Ancien Régime respektive der Zeit vor der Französischen Revolution überhaupt aufgelöst wird. «Dies ist nirgends geregelt. Es gibt keine Beispiele.» In Luzern musste zuletzt das Kantonsparlament der Auflösung eines Fideikommiss zustimmen. In Solothurn geht man davon aus, dass die Zustimmung der Kantonsregierung genügt.


Keine Übersicht vorhanden


Wie viele Fideikommiss überhaupt heute noch existieren, ist nicht bekannt. Das Historische Lexikon nennt – Stand 1986 – rund 30 für die ganze Schweiz, davon zehn im Luzernischen, sechs im Kanton Basel-Stadt, vier in Zug und zwei in Solothurn. Seit 1907 dürfen in der Schweiz keine neuen Fideikommiss mehr errichtet werden. Bestehende werden jedoch toleriert – wobei einzelne Kantone bereits vor 1907 das aus ihrer Sicht anti-republikanische Rechtsvehikel verboten hatten.

Fideikommiss haben zwar den Charakter einer Familienstiftung. Offiziell aber sind sie privatrechtlich organisiert und unterstehen nicht der Stiftungsaufsicht. So heisst es denn auch bei der Basel-städtischen Stiftungsaufsicht, dass man keine Ahnung habe, wie viele Fideikommiss heute im Stadtkanton noch existieren. Und auch in Solothurn hatte man vom Fideikommiss des Rodersdorfer Pfarrers gar keine Kenntnis, bis die Bitte um Auflösung beim Kanton eintraf.


Nur noch bei den von Rolls


Ob das Fideikommiss von Marx Aeschi tatsächlich aufgelöst wird, ist noch nicht definitiv entschieden. Zwar haben die möglichen Nutzniesser des Geschlechts Felzhalb auf ihre Ansprüche bereits verzichtet. Nachfahren der damals – in zweiter Linie – bedachten Rodersdorfer Familien Murer, Hügli und Müller könnten sich allerdings noch beim Kanton melden und ihre Ansprüche geltend machen.


Sollte das Fideikommiss Marx Aeschi aufgelöst werden, bliebe im Kanton Solothurn nur noch eines übrig: Das zweite bekannte ist dasjenige der Solothurner Patrizierfamilie von Roll. Ihr Stadthaus mit dem Rittersaal sowie Güter auf dem Land sind bis heute in einem Fideikommiss eingebracht und werden seit Jahrhunderten jeweils dem ältesten Sohn weitervererbt.

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