Arbeitsmarkt
Nach 22 Monaten ohne Arbeit: Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben

Reto Ryf aus Solothurn ist beruflich hoch qualifiziert mit langer Berufserfahrung – trotzdem findet er seit zwei Jahren keinen Job. Die Bürde: sein Alter, denn Ryf ist 58-jährig.

Franz Schaible
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Reto Ryf bewirbt sich seit fast zwei Jahren fünf bis sieben Mal pro Monat um einen Arbeitsplatz.

Reto Ryf bewirbt sich seit fast zwei Jahren fünf bis sieben Mal pro Monat um einen Arbeitsplatz.

Hans Ulrich Mülchi

Seit 22 Monaten ist Reto Ryf arbeitslos. In zwei Monaten wird er ausgesteuert. Ruhig und sachlich erzählt er, am Stubentisch im Haus an der Baselstrasse in Solothurn sitzend, über seine Jobsuche. Die Hoffnung, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, hat Ryf noch nicht aufgegeben. «Ich mache offenbar bei der Jobsuche nicht alles falsch. Meistens werde ich zu Erstgesprächen eingeladen», sagt er und lächelt. Bislang hat es ihm wenig genutzt. «Ich komme auf keinen grünen Zweig.»

Reto Ryf ist einer von 3359 Männern und Frauen – Stand Ende August –, die im Kanton Solothurn offiziell als arbeitslos registriert sind. Hinter den nackten Zahlen stecken genau so viele Einzelschicksale. Auch Ryf hat eine Bürde zu tragen, nämlich sein Alter. Er ist 58-jährig. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit rapide, wieder einen neuen Arbeitsplatz zu finden. 26 Prozent aller Arbeitslosen sind über 50 Jahre alt. Das sind 866 Betroffene. Sie sind deutlich länger auf Stellensuche als Jüngere, wie die Zahlen des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit zeigen. Die 15- bis 24-Jährigen sind demnach durchschnittlich 127 Tage arbeitslos, die 25- bis 49-Jährigen 223 Tage und die über 50-Jährigen 293 Tage.

Eigentlich sollte Reto Ryf schon lange einen neuen Job gefunden haben. «Ich verfüge über eine profunde technische Ausbildung und fühle mich auf dem neuesten Stand in der schnelllebigen Telekommunikationsbranche.» Wie zum Beweis holt Ryf seinen Lebenslauf und legt ihn auf den Tisch. In Neuenburg schliesst er sein HTL-Studium in der Fachrichtung Elektrotechnik ab. Danach folgt ein Nachdiplomstudium in Informatik.

Sein beruflicher Weg sieht sehr solide aus. Zehn Jahre arbeitete er als Entwicklungsingenieur bei der Autophon/Ascom in Solothurn, neun Jahre als Systemingenieur bei der damaligen Datrac in Laupen und fünf Jahre als Verkaufsingenieur bei der Infonet in Bern, einer heutigen Tochter von British Telecom. Die letzten neun Jahre vor seiner Arbeitslosigkeit war er beim Stadtberner Versorger Energie Wasser Bern als Product Manager für Verkauf und Beratung des Glasfasernetzes verantwortlich. Hinzu kommt seine Sprachkompetenz. Bilingue aufgewachsen beherrscht er Deutsch und Französisch perfekt. «Und Englisch ist meine dritte Muttersprache.» Zudem kommuniziere er gut in spanischer und in italienischer Sprache.

Und trotz dieser fachlichen Qualifikation findet er keine Festanstellung. «Ich habe mich inzwischen fünf bis sieben Mal pro Monat um eine Stelle beworben, also inzwischen über 150 Bewerbungen verschickt.» Den Hauptgrund ortet Ryf im Alter, obwohl es in den Absagen nie explizit thematisiert werde. «Aber ich spüre das. Wenn ich im telefonischen Vorgespräch oder beim ersten Vorstellungsgespräch mein Alter nenne, ändert sich die Tonalität meines Gegenübers schlagartig.» Dabei würde er es sehr schätzen, wenn offen über das Thema Alter gesprochen würde. Dasselbe gelte auch für sein «zweites Handicap», welches wohl seine Chancen zusätzlich mindere. Bei seiner letzten Anstellung habe er unter einem Burnout gelitten und den Job auch deshalb verloren. Er erhalte Absagen, die mit Standardfloskeln begründet seien. «Wir haben jemanden gefunden, der noch besser qualifiziert ist.» Oder: «Sie sind für diese Stelle überqualifiziert.» Nur gerade in zehn Prozent der Fälle werde ein abschlägiger Bescheid plausibel begründet.

Andere Argumente wie zu hoher Lohn oder zu wenig Flexibilität seien in seinem Fall nicht stichhaltig. «Meine anfänglichen – zwar berechtigten – Lohnforderungen habe ich inzwischen nach unten angepasst», sagt Ryf. Konkret: Er wäre auch bereit, zu einem tieferen Lohn als beim letzten Job zu arbeiten. Und «anpassungsfähig» sei er auch. Er bewerbe sich auf Stellen zwischen Biel, Bern und Zürich, obwohl sein Lebensmittelpunkt klar in Solothurn liege.
Er habe in der Vergangenheit auch bewiesen, wissensmässig immer dabei gewesen zu sein. «Und ich bin lernfähig, selbst in meinem Alter», hält er selbstbewusst fest. So besuche er zurzeit wöchentlich einen Kurs, um die chinesische Sprache mit gutem Erfolg zu erlernen.

Frustriert ist er trotz aller Absagen nicht. Eher manchmal wütend, weil er ab und zu die Welt nicht mehr versteht. Da werde seit Jahren über einen Fachkräftemangel geklagt und die berufliche Erfahrung in den Himmel gelobt. «Das sind nur Worthülsen. In der Realität sieht es nämlich anders aus.» In ein ähnliches Kapitel teilt er die Einwanderungspolitik ein. Zwar sei im Nachgang zur Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative versprochen worden, die Anstellung von inländischen Fachkräften zu fördern. Das Gegenteil sei der Fall. «Unverändert bleibt die Zahl der aus dem Ausland einwandernden Berufsleute hoch.»

Zurück an die Baselstrasse, wo Reto Ryf zusammen mit seiner Partnerin lebt. Bald wird er ausgesteuert. Wie weiter? Er schmiedet Pläne, etwas Neues in Richtung Selbstständigkeit aufzubauen. Bereits heute verdient er sich mit Nebenjobs ein Zubrot, sei es als Berater für Fernseh- und Internetinstallationen, als Anbieter von Computer- oder Sprachkursen. Zusammen mit «einem bestehenden schmalen finanziellen Fundament» werde er auch ohne Arbeitslosengeld durchkommen. «Das ganze Haus ist aber sehr zerbrechlich. Wenn ein Bein wegfällt, wird es kritisch.» Deshalb wird er seine Suche nach einer Anstellung fortsetzen. Er ist nämlich überzeugt, dass jedem Unternehmen ein personalmässiger Mix gut tut. «Es braucht beides, Erfahrung und Erneuerung. Es braucht junge Berufskräfte ‹frisch ab Presse› und ältere Berufskräfte mit viel Erfahrung.»

Das Aargauer Modell ist in Solothurn kein Thema – «Wir wollen nicht alterssegmentiert vorgehen»

Mit einer raffinierten Kampagne wird im Kanton Aargau auf ein Arbeitsmarkt-Problem aufmerksam gemacht: Ältere Menschen finden trotz bester Qualifikationen und langer Berufserfahrung keinen Job. Kernelement der im Oktober 2013 lancierten Kampagne «Potenzial 50plus – Die Qualifikation zählt, nicht das Alter» sind im ganzen Kanton aufgehängte grossformatige Plakate mit Porträts von Menschen auf Jobsuche. Da heisst es etwa «Franco, 32». Gemeint ist aber nicht das Alter, sondern die Anzahl Jahre Berufserfahrung. Man habe festgestellt, dass ältere Beschäftigte zwar nicht stärker als jüngere von Arbeitslosigkeit betroffen seien. «Aber sie sind trotz bester Qualifikationen massiv länger auf Stellensuche», begründet Urs Schmid, im Aargauer Amt für Wirtschaft und Arbeit zuständiger Projektleiter, die Kampagne. Ziel sei, mit Vorurteilen – ältere Arbeitnehmer seien teuer, zu langsam oder unflexibel – aufzuräumen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Beurteilung zutrifft, sei zwar in der Alterskategorie über 50 höher, stimme aber nicht generell. «Wir wollen die Arbeitgeber und die Öffentlichkeit sensibilisieren, dass das Alter allein ein schlechter Massstab ist.» Schmid spricht – obwohl zahlenmässig nicht direkt messbar – von «einem Erfolg». Man beobachte bei den Arbeitgebern ein Umdenken. «Nicht wenige Betriebe sind wegen der Kampagne bereit, auch ältere Bewerber einzustellen.» Die ersten sechs Botschafter auf den Plakaten hätten alle einen Job gefunden, bei drei weiteren seien die Entscheide noch offen. Eine ähnlich gelagerte Kampagne ist im Kanton Solothurn nicht geplant, wie Jonas Motschi, Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit, erklärt. «Wir wollen bei der Unterstützung von Menschen ohne Arbeitsstelle nicht alterssegmentiert vorgehen.» Dazu sei die Palette der jeweiligen Gründe für die Arbeitslosigkeit viel zu breit, auch innerhalb der Altersgruppe über 50 Jahre. Deshalb versuche man, individuell und gezielt der betroffenen Person Unterstützung bei der Jobsuche zu bieten. Dabei arbeite das AWA auch mit dem kantonalen Gewerbeverband und der Handelskammer zusammen, beispielsweise im Projekt «SO talentiert – Fachkräfte für den Kanton Solothurn», welches im März lanciert worden sei (wir berichteten). Dieses richte sich sowohl an junge wie an ältere Berufsleute. Motschi geht davon aus, dass dieser individuelle Ansatz «mindestens so erfolgreich ist wie die Kampagne im Aargau». Das Thema ist inzwischen auf Bundesebene angelangt. Diese Woche sagte der Ständerat mit 35 zu 6 Stimmen Ja zu einem Postulat von SP-Parlamentarier Paul Rechsteiner. Darin fordert er eine nationale Konferenz unter Einbezug der Sozialpartner zum Thema «Ältere Arbeitnehmende». (FS)