Amtsgericht
Nach 18 Jahren Therapie: Messerstecher und Würger hat noch immer Gewaltfantasien

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verlängert die stationäre Massnahme für einen Gewaltverbrecher um weitere zwei Jahre.

Ornella Miller
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Rolf K.* würgte eine Bekannte auf offener Strasse und wollte sie vergewaltigen. (Symbolbild)

Rolf K.* würgte eine Bekannte auf offener Strasse und wollte sie vergewaltigen. (Symbolbild)

Oliver Menge

Die Entscheidung war nochmals einfach zu treffen. Es ging am Amtsgericht Solothurn-Lebern darum, ob die stationäre Massnahme von Rolf K.* erneut verlängert werden soll. Die Taten, für die er nun seit 18 Jahren im Massnahmenvollzug steckt, sind lange her. Am 11. Juli 1996 attackierte er auf offener Strasse eine Bekannte und würgte sie. Und sagte, er werde sie töten, aber vorher wolle er noch seinen Spass mit ihr haben. Er versuchte, sie zu vergewaltigen, doch einschreitende Passanten verhinderten dies.

Die zweite Tat geschah am 3. November 1998 bei einer andern Bekannten zu Hause. Er stach ihr mit einem Küchenmesser in die Brust und sagte, er wolle sie umbringen. Er presste auch ein Kissen auf ihren Mund. Die Frau wehrte sich und überlebte. Bezüglich einer von ihm verursachten Feuersbrunst war er freigesprochen worden – wegen Schuldunfähigkeit.

Täter nicht gegen Verlängerung

Verurteilt wurde der Schweizer schliesslich vom Obergericht am 22. Mai 2001 wegen vollendeten Versuchs der vorsätzlichen Tötung, unvollendeten Versuchs der qualifizierten Vergewaltigung und wegen Veruntreuung zu fünf Jahren Zuchthaus und einer stationären Massnahme. Diese stationäre Massnahme wurde schon zweimal um nochmals fünf Jahre verlängert. Am 19. Februar endet die aktuelle Phase, höchste Zeit also, über eine nochmalige Verlängerung zu befinden.

Im Gerichtssaal waren sich alle einig, dass es nochmals eine Verlängerung brauche. Sogar der Täter. Eine Entlassung wäre jetzt «stressig», meinte Rolf K. «Mir geht es nicht darum, möglichst schnell in Freiheit zu gelangen, aber in absehbarer Zeit.» Der heute 46-Jährige wechselte vor einem Jahr vom «Schachen» in eine zwanzig Kilometer entfernte Nachsorgeeinrichtung, wo er in einer Sechser-Gruppe lebt und arbeitet. Er kann teilbegleitet in den Ausgang, wo er etwa seine Familie besucht oder bei Anlässen einer Freikirche mitmacht. Auch geht er teilbegleitet in die Psychotherapie in Bern. Er fährt eigenständig hin und wird von Mitarbeitern der Einrichtung abgeholt.

Liste mit 21 Frauennamen . . .

Während seiner ganzen Haftzeit gab es wiederholt Vorfälle, bei denen er flüchtete oder Alkohol konsumierte, obwohl er einen Entzug macht und Alkohol an seinen Straftaten mitbeteiligt war. Auch in jüngster Zeit, letztes und vorletztes Jahr, gab es solche Vorfälle, einen mit suizidalem Anteil. Amtsgerichtspräsident Yves Derendinger fragte ihn, warum sie geschahen. Rolf K. vermutete, dass es eine Art «Trotzreaktion» gewesen sei, da er nicht wisse wie lange die Zwangsmassnahmen noch dauerten.

Auf Derendingers Frage, warum man nicht mehr von einer Fremdgefährdung ausgehen könne, antwortete er: «Ich lebte damals in einer Phase mit starker Alkoholsucht und Depression, das will ich nie mehr erleben. Auch in Bezug auf Frauen war es mir häufig mehr oder weniger egal, ob sie es will oder nicht. Das hat sich grundlegend geändert.» Rolf K., ein kräftiger Mann in Jeans und schwarzem T-Shirt, spricht redegewandt, doch oft verschränkt er die Arme vor dem Körper oder hält das Kinn in seiner Hand. «Die ganze Zeit im Vollzug hatte ich nie den Gedanken, jemandem etwas anzutun.»

Die stellvertretende Oberstaatsanwältin Sabine Husi betonte mehrmals, dass es «weiterer Arbeit» bedürfe. Rolf K. habe nur ein oberflächliches Bewusstsein von sich selber und keinen Zugang zu seinen Gefühlen. Er müsse noch offener und transparenter werden. Zwar könne auch die Staatsanwaltschaft sich nicht vor seinen Fortschritten verschliessen. Aber auch die beiden jüngeren Vorfälle seien von den Betreuern nicht voraussehbar gewesen.

Fast ein wenig staunend bemerkte sie, dass der Täter auch nach 18 Jahren Behandlung immer noch nicht therapiert sei. Er habe immer noch Gewaltfantasien. Husi erwähnte, dass beim Täter damals eine Liste mit 21 Frauennamen aus seinem Bekanntenkreis gefunden worden sei, dabei stand, wie er sie sexuell missbrauchen und töten wollte – das Opfer von 1998 war ebenfalls verzeichnet. Husi plädierte darauf, die Massnahme um drei Jahre zu verlängern.

Vorerst weitere zwei Jahre

Verteidigerin Eveline Roos sprach sich für zwei Jahre aus. «Das düstere Bild, das die Staatsanwältin gemalt hat, wird ihm nicht gerecht», meinte sie und wies auf die Fortschritte hin. Sie hinterfragte überhaupt, ob eine Verlängerung noch nötig sei, doch die Entlassung brauche vorbereitende Zeit. Psychotherapeutin Corinna Paar, die ein forensisch-psychiatrisches Gutachten erstellt hat, hielt fest, dass eine Fremdgefährdung «sehr, sehr weit weg» sei. Er reagiere bei Problemen zuerst mit sozialem Rückzug, Alkoholkonsum und Selbstaufgabe. Dennoch müsse er bei allen Fortschritten noch lernen, Bescheid zu geben, wenn er Probleme mit sich habe. Vor allem Ablöse- und Trennungssituationen brächten ihn in Schwierigkeiten.
Yves Derendinger, unterstützt durch Amtsrichter Christoph Geiser und Ersatzamtsrichterin Claudia Jäggi-Schaller, fanden zwei Jahre ausreichend für die Resozialisierung. Im Falle von Verzögerungen sei Rolf K. kooperativ und würde dann eine spätere Verlängerung um ein Jahr einsehen, so wie es die Gutachterin vorgängig festgehalten hatte.

*Name geändert

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