Der 54-jährige Gerlafinger Roman Kissling feiert jedes Jahr zweimal Geburtstag. Einmal am 21. Mai, da er an diesem Tag das Licht der Welt erblickte. Und ein zweites Mal am 6. März.

Dieses Datum steht für jenen Tag im Jahr 2013, an dem der Mittfünfziger einen Sturz aus 13 Metern Höhe überlebte. Die einen nennen es Schicksal, die anderen Zufall oder Glück.

Obwohl seit dem Unfall erst wenige Jahre vergangen sind, fällt es Roman Kissling leicht, darüber zu sprechen. Denn was nach dem Unfall folgte, gleicht eher einer Erfolgs- als einer Schicksalgeschichte.

Heute ist er wieder zu 100 Prozent in seinem früheren Beruf als bauleitender Monteur bei der Firma Schneitter AG in Langendorf tätig. Schmerzen oder anderweitige Einschränkungen, die ihn an den Unfall erinnern würden, hat er keine.

Ein Vollcrash für den Körper

Natürlich sah die Situation kurz nach dem Unfall ganz anders aus. Nachdem Kissling vom Fassadengerüst gestürzt war, war er zwar bei Bewusstsein; wenig später aber, als er mit der Rega ins Berner Inselspital geflogen war und mit Schmerzmitteln vollgepumpt wurde, verlor er das Bewusstsein.

Es vergingen 36 Stunden und zahlreiche Beinoperationen, ehe er im Spital wieder zu sich kam. Besonders die ersten Tage seien schwierig gewesen, erzählt er. Kisslings Blutdruck war hoch, der Schock über den Sturz sass noch immer tief.

Für seinen Körper sei der Sturz wie ein «Vollcrash» gewesen. Und doch war Roman Kissling dankbar. Dafür, dass er seine Beine spürte – und dass er lebte. Aber da war auch Ärger.

«Ich war wütend über mich selbst», sagt Kissling. Wütend deshalb, weil er sich an dem Unfalltag wider besseres Wissen stressen liess und zu viele Dinge auf einmal erledigen wollte.

Wütend auch deshalb, weil er auf der Baustelle für die Bausicherheit zuständig war und bis heute nicht ganz genau weiss, wie es zum verheerenden Sturz kam.

Am 29. April 2013, rund 7 Wochen nach dem Unfall, checkte Kissling in die Suva-Rehaklinik Bellikon ein. Ein entscheidender Schritt, wie sich bald zeigen sollte. «Der Physiotherapeut musste mich manchmal richtiggehend bremsen», lacht Roman Kissling.

«Aber ich wollte halt einfach so schnell wie möglich wieder zurück.» Für den Verunfallten war stets klar, dass er wieder in seinen früheren Job zurückkehren will.

Ein Musterbeispiel

Für Gabriela Mülchi, Case Managerin der Suva, handelt es sich beim Fall von Roman Kissling um ein «optimales Beispiel einer erfolgreichen Wiedereingliederung». Das Zusammenspiel zwischen Versichertem, Arbeitgeber, Suva und anderen Involvierten hätte bei diesem Beispiel optimal funktioniert.

Eine wichtige Rolle spielte gemäss Mülchi aber auch Kisslings Frau, die ihren Mann in der schwierigen und anstrengenden Zeit nach dem Unfall stets unterstützte. «Und dann muss unbedingt auch sein Arbeitgeber erwähnt werden», betont Gabriela Mülchi.

Der Betrieb ermöglichte es Kissling, 8 Monate nach dem Unfall zuerst mit einem 30-Prozent-Pensum einzusteigen. Im Laufe der Zeit wurde dieses Pensum stetig, aber ohne Druck erhöht. Zuerst auf 50, dann auf 80, auf 95 – und letztlich auf 100 Prozent.

Dank seinem Chef, den Kissling nicht nur als Vorgesetzten, sondern auch als Freund bezeichnet. Und Roman Kissling weiss: «Eine solche Unterstützung ist nicht selbstverständlich.»

*Daniel Schriber arbeitet in der Suva-Kommunikationsabteilung in Luzern.