Nach Unfall auf Weissenstein
Mutterkühe sind weder aggressiv noch gefährlich – wenn man sich richtig verhält

2012 ist eine Wanderin schwer verunfallt: Sie wurde von einer Mutterkuh angegriffen und niedergetrampelt. Experten sprechen von Zufall.

Lara Frey
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Heinz Feldmann von der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft stellt den Lernpfad Rindvieh vor.

Heinz Feldmann von der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft stellt den Lernpfad Rindvieh vor.

Hanspeter Bärtschi

An einem sonnigen Julinachmittag 2012 nimmt die Idylle auf dem Weissenstein ein jähes Ende: Eine Wanderin, in Begleitung ihrer zwei Enkelkinder, wird von einer Mutterkuh gerammt und niedergetrampelt. Sie muss, schwer verletzt, mit der Rega ins Inselspital geflogen werden. In den darauffolgenden Tagen untersucht die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) die Kuhherde und kommt zum Schluss, das Unglück sei ein trauriger Zufall und nicht selbst verschuldet gewesen.

Das Thema der «gefährlichen» Mutterkühe ist seitdem jedoch in jeden Wanderers Munde. Kühe auf den Weiden sorgen bei Manchem für ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Aus diesem Grund hat die Beratungsstelle gestern den «Lehrpfad Rindvieh» auf dem Weissenstein vorgestellt. Auf 15 Thementafeln erhalten Wanderer Einblick in das Leben und Verhalten von Rindern. Der Lehrpfad ist ab sofort auf dem Berg begehbar und wird voraussichtlich flächendeckend auch in anderen Schweizer Weide- und Wandergebieten eingeführt.

Informationen statt Verbote

Heinz Feldmann von der Beratungsstelle betont, dass sich die Landwirte bereits grosse Mühe geben würden bei der Unfallprävention. So hielten sie beispielsweise die ganz jungen Kälber nur auf Weiden, über die keine Wanderwege führen, und machten mit offiziellen Mutterkuhwarnschildern auf die Herden aufmerksam. Da der Alptourismus aber stetig zunimmt, träfen sich die Wanderer und Tiere häufiger, was auch zu einem gewissen Konfliktpotenzial führe.

Um weitere Unfälle zu vermeiden, sei es darum wichtig, dass die Bevölkerung gut über das Verhalten und die Instinkte der Mutterkühe informiert sei. Darum habe die Fachstelle sich auch entschieden, Infotafeln statt Verbotsschilder aufzustellen, um die Regeln auf eine positive Art vermitteln zu können und gleichzeitig die Wanderer verstehen zu lassen, wie die Kuh tickt.

Das Wichtigste sei es, stets eine respektvolle Distanz zur Kuhherde zu halten, damit diese sich nicht bedroht fühle. Um die Kuh nicht zu verwirren und so eine Reaktion wie Flucht oder Angriff zu provozieren, sollte man sich ruhig und bedacht bewegen. Auch sollte man vor allem Kälber auf keinen Fall berühren, da die Mutterkühe einen ausgeprägten Mutterinstinkt haben und sie ihr Kalb vor jeder Gefahr beschützen wollen.

Vorsicht Mutterkuh: eine Anleitung

- Immer mindestens 20 Meter Abstand zur Herde halten.

- Junge Kälber nie berühren.

- Sich ruhig verhalten. Schnelle Bewegungen können Rinder schlecht einschätzen, was zu Reflexen wie Flucht oder Angriff führen kann.

- Hunde stets an der Leine führen. Die Kühe assozieren Hunde mit Wölfen und unterscheiden nicht, ob der Hund spielen oder kämpfen will.

- Intensiven Blickkontakt mit den Tieren meiden, damit sie sich nicht provoziert fühlen.

- Die Weiden nur durch vorgesehene Eingänge betreten. Die Herde gewöhnt sich an Wanderer auf den offiziellen Wegen.

- Nicht über die Zäune klettern. Die Herde weiss, dass der Zaun sie vor Eindringlingen schützt.

- Kühe, die auf dem Wanderweg ruhen, aus einer sicheren Distanz umrunden. Die Kühe sind beunruhigt, wenn man mitten durch die Weide geht.

Hunde sollte man zudem immer an der Leine führen, weil Kühe in Hunden deren Vorfahren, den Wolf erkennen. Die Kuh unterscheidet nicht, ob der Hund sie angreift oder bloss spielen will und wird ihre Herde verteidigen wollen. Sobald ein Eindringling aufzutauchen droht, wird die Herde in Alarmbereitschaft versetzt und ist bereit, sich gegen die Bedrohung zu wehren.

Bedrohung oder Hilfe?

30 Mutterkühe und 32 Kälber weiden diesen Sommer auf dem Weissenstein. Innerhalb der Herde habe jede Kuh ihren eigenen Charakter und die Mutterinstinkte seien verschieden stark ausgeprägt, erzählen die Brüder Niederberger, Betreiber des Restaurants Sennhaus und des Landwirtschaftsbetriebs auf dem Weissenstein.

Ausserdem könnten Kühe unterscheiden, ob man ihnen helfen wolle oder nicht. Willy Niederberger schildert eine eindrückliche Geschichte: «Mitten in der Nacht rief mich ein Freund an und bat mich, einer seiner Kühe bei einer schwierigen Geburt zu helfen. Mutterkühe sind während der Geburt sehr nervös und reizbar, da sie eigentlich schutzlos sind. Die Kuh kannte mich aber und wusste, dass ich ihr helfen wollte, darum hat sie mich in ihre Nähe gelassen. Sobald das Kalb aber auf der Welt war, hat sie mich aber vertrieben, wie um zu sagen ‹Jetzt bin wieder ich die Chefin und beschütze mein Kalb selber.›»