Natur

Müssen Solothurner bald noch mehr für den Wald bezahlen?

Der Wald gilt vielen als beliebter Freizeitort und als Rückzugsmöglichkeit zur Erholung. Das führt zu Nutzungskonflikten.

Der Wald gilt vielen als beliebter Freizeitort und als Rückzugsmöglichkeit zur Erholung. Das führt zu Nutzungskonflikten.

Mehr und mehr Menschen zieht es in die Wälder. Doch deren Besitzer sind finanziell unter Druck. Der Unterhalt lasse sich kaum mehr sicherstellen, warnen nun Kantonsräte.

Mein Wald, dein Wald, unser Wald. In der Schweiz zieht es jeden zweiten mindestens einmal die Woche in den Schatten der Bäume. Zum Joggen oder Biken. Zum Grillen oder zum Pilzsammeln. Zum Reiten oder zum Gassigehen. Der Eintritt ist kostenlos.

Denn was den Wald angeht, kennt die Schweiz eine Einschränkung der Eigentumsgarantie: das freie Betretungsrecht. «Das Betreten von Wald und Weide und die Aneignung wild wachsender Beeren, Pilze und dergleichen sind in ortsüblichem Umfang jedermann gestattet», heisst es im Zivilgesetzbuch. Und das Waldgesetz verlangt von den Kantonen, dafür zu sorgen, «dass der Wald der Allgemeinheit zugänglich ist».

Das freie Betretungsrecht hat seinen Ursprung im sogenannten Allmendgedanken des 19 Jahrhunderts. Der Wald als öffentliches Gut ist seitdem ein bewährter Pfeiler des Landes.
Dabei ist ein Waldbesuch pro Kopf theoretisch neun Franken wert, wie der Bund berechnet hat. Doch Protesttürme wären gewiss, wenn der Wald nur noch gegen Bares oder mit anderen Einschränkungen zugänglich ist.

Trotzdem lancieren Politiker aus dem Solothurnischen jetzt eine Diskussion über genau solche Ansätze: «Das freie Betretungsrecht schränkt die Waldbesitzer stark ein und hinterlässt im Wald und beim Waldbesitzer seine Spuren», konstatiert der Selzacher Förster und CVP-Kantonsrat Thomas Studer in einem parlamentarischen Vorstoss. Der gesellschaftliche Wandel, der ansteigende Wohlstand und das Bevölkerungswachstum hätten den Wald zur grössten Freizeitarena gemacht. «Für den Waldbesitzer und die Forstbetriebe bedeutet das eine permanente Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Freizeitnutzern.»

Wer am freien Betretungsrecht zweifelt, rüttelt an einem Tabu. Das weiss Studer, der darum vorsichtshalber betont, er wolle das Recht als solches keineswegs infrage stellen. Nichtsdestotrotz fordert er den Regierungsrat in einer Interpellation dazu auf, sich zu der Sache zu positionieren. «Entspricht das freie Betretungsrecht noch der heutigen Entwicklung?», fragt Studer. Gleichzeitig will er wissen, wie sich aus Sicht der Regierung die Eigentumsrechte der Waldbesitzer damit vertragen.

Den kürzlich eingereichten Vorstoss des CVP-Manns haben zwölf weitere Kantonsräte unterzeichnet. Darunter befindet sich mit Georg Nussbaumer, auch er ein Christdemokrat, ein weiterer Förster. Der Hauensteiner präsidiert zudem den kantonalen Forstpersonal-Verband.

Aufpassen beim Baumfällen

Der viel zitierte Dichtestress hat den Wald erreicht. Ob Wanderer, Mountainbiker, Hündeler, Kletterer oder Jäger – wo verschiedene Gruppen zusammenkommen, ist ein Nebeneinander schwierig. Und ein Miteinander erst recht. Als Betriebsleiter des Forstbetriebs Leberberg weiss Studer das nur zu gut.

Die Massnahmen bei der Holzernte müssten heutzutage grösstenteils auf die Waldbesucher abgestimmt sein, kritisiert er in seinem Vorstoss. «Nicht selten kommt es vor, dass beim Fällen eines Baumes zwei bis drei Forstleute zusätzlich aufpassen müssen, dass die Sicherheit gegenüber Dritten gewährleistet ist.»

Weniger Geld aus Kerngeschäft

Das freie Betretungsrecht sorgt beim Solothurner Verband der Waldeigentümer und Bürgergemeinden (BWSO) schon seit Jahren für Argwohn. Dabei geht es letztlich um finanzielle Interessen. Im vergangenen Jahr organisierte der Verband eigens eine Veranstaltung zu dem Thema. Die «intensive Freizeitnutzung» koste die Forstbetriebe viel Geld beim Wegunterhalt, heisst es in einem BWSO-Papier. Die Rede ist von Leistungen zugunsten der Infrastruktur für Erholung und Naturschutz.

Ferner könnten Ertragsausfälle durch Stammverletzungen und stark beanspruchte Böden entstehen. «Mehrkosten und Mindererträge werden in den meisten Fällen durch die Waldeigentümer getragen und in den seltensten Fällen dem Nutzniesser übertragen.» Sinkende Preise und ausländische Konkurrenz machen der heimischen Forstwirtschaft ohnehin zu schaffen. Im Jahr 2016 gingen die Rohholzpreise, die wichtigste Einnahmequelle der Forstbetriebe, erneut um 1,7 Prozent zurück.

Wie bereits im Vorjahr verbuchte die Mehrheit der hiesigen Forstbetriebe ein Defizit bei der Holzproduktion, ihrem Kerngeschäft. Dem BWSO zufolge könnte sich die Lage weiter verschärfen: Man könne nicht mehr auf entsprechende Erträge zählen, um damit andere Waldleistungen zu finanzieren. 

Ein Fünfliber von jedem

Rund 2,4 Millionen Franken überweist die öffentliche Hand derzeit jährlich an die Solothurner Waldbesitzer. Der Kanton entschädigt jede Hektare Wald mit 35 Franken, die Gemeinden überweisen derweil fünf Franken pro Einwohner und Jahr. Der sogenannte «Wald-Fünfliber» ist schweizweit einzigartig. Schon dessen Einführung im Jahr 2003 ging intensive Lobbyarbeit des BWSO voraus.

Am liebsten sähen es die Waldbesitzer, wenn die Nutzer die erbrachten Leistungen noch stärker berappen würden. Ob direkt oder indirekt. Thomas Studer glaubt, für die Waldeigentümer gebe es künftig nur zwei Wege: «Entweder werden sie bei der Erbringung ihrer Leistungen unterstützt oder sie müssen die Leistungen für die Öffentlichkeit reduzieren.»
Konkrete Vorschläge macht der Kantonsrat in seinem Vorstoss keine. Denkbar wäre, dass der «Wald-Fünfliber» zu einem «Wald-Zehnernötli» wird.

Oder dass der Kanton seine Beiträge erhöht. Tatsächlich können gemäss dem Solothurner Waldgesetz bis zu 50 Franken pro Hektare an die Waldbesitzer überwiesen werden. Chancenlos dürften verursachergerechte Gebühren sein – etwa im Sinne einer «Waldvignette» für Biker oder Reiter. 

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Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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