Ziel des Unterrichts besteht darin, die Schülerinnen und Schüler auf ein erfolgreiches Erwerbsleben vorzubereiten. Nur: Wie gut macht die Schule das eigentlich?

Eine Fachtagung in Solothurn an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz (PH FHNW) ging kürzlich dieser Frage nach, indem sie sich mit den Selektionskriterien in der Schule und der Arbeitswelt befasste. Denn: «Bevor Kinder und Jugendliche ins Erwerbsleben eintreten, durchlaufen sie diverse schulische Selektionsverfahren mit dem Ziel, schliesslich im beruflichen Selektionsverfahren zu bestehen», erläutert Markus Neuenschwander, Erziehungswissenschafter an der PH FHNW am Platz Solothurn.

Unterschiedliche Kriterien

Umso erstaunlicher sei es, unterstreicht der Wissenschafter, dass die Selektionskriterien in der Schule und der Arbeitswelt bis jetzt noch nie miteinander in Beziehung gebracht worden sind. An der Tagung in Solothurn präsentierte er jetzt erstmals Forschungsergebnisse in diesem Bereich. Erarbeitet hat er diese im Rahmen eines breit angelegten Forschungsprojekts, das Zusammenhänge zwischen Familie, Schule und Beruf beleuchtet (siehe Kasten).

«In der Schule ist erfolgreich, wer gute Noten und damit die geforderte Leistung erzielt», bringt Neuenschwander die schulischen Selektionsverfahren auf den Punkt. «Alle anderen Aspekte der Schülerpersönlichkeit bleiben untergeordnet.» Der breite Fächer von Eigenschaften, die sich mit den Begriffen Selbstkompetenz und Sozialkompetenz zusammenfassen lassen, werden wenig berücksichtigt. «Es spielt zum Beispiel eine untergeordnete Rolle, ob jemand über eine hohe Motivation verfügt oder ein guter Teamplayer ist.»

Im Kampf um die guten Jobs seien aber, wie Neuenschwander betont, genau solche Qualitäten entscheidend. «Firmen rekrutieren Mitarbeiter, die von ihrer gesamten Persönlichkeit her überzeugen.» Die Personalselektion ziele denn auch auf ein entsprechend breiteres Spektrum als die Selektion in der Schule. «Neben den kognitiven Fähigkeiten ist ganz besonders auch die Motivation entscheidend. Hinzu kommt eine Reihe sozialer Kompetenzen.»

Gute Noten allein sind zu wenig

Aufgrund dieser unterschiedlichen Mechanik der Selektionsverfahren erfolge die «Grobsortierung» in der Schule, so Neuenschwander, anders als in der Arbeitswelt. Das schulische Selektionsverfahren stehe aber trotzdem nicht schief in der Landschaft. «Schüler, welche diese Selektionsverfahren erfolgreich durchlaufen haben und einen hohen Bildungsabschluss erreichen, sind im Berufsleben tendenziell erfolgreicher als andere». Ein Grund: «Gute Schulleistungen korrelieren durchaus mit der entsprechenden Selbst- und Sozialkompetenz.»

Die Gewichtung sei aber in der Schule eine andere als in der Arbeitswelt, betont der Wissenschafter. In der Schule kann jemand gute Leistungen erbringen, ohne entsprechend motiviert zu sein. Man macht, was verlangt wird. Hinter guten Schulleistungen müssen nicht unbedingt die überzeugendsten Persönlichkeiten stecken. In der Arbeitswelt ist aber eben gerade das gefragt.

Deshalb gebe es «eine substanzielle Gruppe, deren Erfolg in der Schule und im Beruf unterschiedlich verläuft», beobachtet Markus Neuenschwander. Konkret: Es gibt gute und auch sehr gute Schüler, die im Berufsleben versagen, und umgekehrt Schulversager, die im Erwerbsleben brillieren. Zu den prominenten Beispielen der zweiten Kategorie gehören Unternehmerpersönlichkeiten wie Bill Gates, dessen Karriere wohl kaum einer seiner Lehrer vorausgesagt hat.

Mit der unterschiedlichen Logik der Selektionsverfahren werden bereits die Lehrabgänger konfrontiert: «Für ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind die Noten in der Lehrabschlussprüfung und auch die Leistungsbeurteilung im Betrieb weniger bedeutsam als ihre Leistungsmotivation.» Wichtig sei für einen erfolgreichen Eintritt in den Arbeitsmarkt indes, dass jemand Schule und Lehre besteht. «Es ist aber für die Chancen auf eine Arbeitsstelle irrelevant, wie gut jemand die Schule oder die Lehre durchläuft», lautet das durchaus provokative Forschungsergebnis.

Schule muss Motivation stärken

Aufgrund solcher Erkenntnisse bedeutet der Eintritt ins Berufsleben gerade für schlechte Schüler eine zweite Chance, schlussfolgert der Wissenschafter. Umgekehrt gilt natürlich auch: Wer in der Schule erfolgreich war, der muss sich in der Arbeitswelt ein zweites Mal durchsetzen. «Ein guter Schüler kann nicht einfach darauf vertrauen, dass er im Beruf erfolgreich bleibt.»

Und was bedeuten solche Forschungsergebnisse für die Schule? Eine Schule gelte landläufig als gut, wenn die Schüler kompetente Rechner und kompetente Leser sind, hält Neuenschwander fest. Auch die zahlreichen Leistungsvergleichstests wie zum Beispiel «Pisa» orientieren sich an diesem Denken. «Eine solche Definition von Schule greift aber zu kurz».

Und: «Die Schule muss vermehrt auf Bildungsinhalten setzen, die die Motivation der Schüler stärkt, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Berufsvorbereitung.» Fataler Befunde vor diesem Hintergrund: «Ab der dritten Klasse sinkt die Leistungsmotivation bis zur neunten Klasse. Zu Beginn der Lehre nimmt sie kurzfristig wieder zu, dann sinkt sie wieder.» Auch wenn die Gründe für diese Kurve noch zu wenig erforscht seien, steht für Neuenschwander fest: «Bildungsinhalte werden zu oft als Selbstzweck wahrgenommen.»