Gastkolumne

Mord allein macht keinen Krimi

An der Criminale interessieren Leser vor allem eines: Tatorte.

An der Criminale interessieren Leser vor allem eines: Tatorte.

Gastkolumne zum Erfolg von Krimis und Thrillern in Literatur und Film.

In seiner Kolumne in der Ausgabe vom 4. Februar suchte Ludwig Hasler nach einer Erklärung für den fiktiven Massenmord, der täglich in Form von TV-Krimis über die Bildschirme flimmert. Seine Statistik beeindruckt: Über 4500 Menschen jährlich soll das ZDF filmisch ermorden lassen. Eine Zahl, die selbst den Krimi-Schreiber in mir staunen lässt. Ich habe meine literarischen Toten noch nicht gezählt.

Von seinen drei offerierten Hypothesen hat Ludwig Hasler nur diejenige stehen lassen, wonach Leute, die Krimis schauen, krank sein sollen. Eine Ansicht, die ich weder in Bezug auf Leserschaft noch auf die Autoren teilen kann. Ich lade Herrn Hasler gerne ein, einmal bei der «Criminale», dem Kongress deutschsprachiger Krimiautoren, vorbeizuschauen und sich davon zu überzeugen, was für ein harmonisches und lebensfrohes Völkchen einmal jährlich zusammenkommt.

Die Popularität der Krimifiktion existiert nicht nur im Fernsehen. Im deutschsprachigen Raum erscheinen jährlich rund 85'000 neue Buchtitel. Jedes vierte verkaufte Buch ist der Kategorie Spannungsliteratur (Krimi, Thriller, Spionage usw.) zuzurechnen. Die Frage nach dem Grund dieser Faszination für Mordgeschichten ist demnach berechtigt. Basierend auf Rückmeldungen meiner Leser versuche ich, ansatzweise eine Antwort zu formulieren.

Ein Kriminalroman besteht aus drei Komponenten: Plot, Charaktere, Handlungsort. Je besser die Komponenten herausgearbeitet und aufeinander abgestimmt sind, desto erfolgreicher das Buch. Dabei sticht ein Bestandteil hervor: die Charaktere. Das mag mit ein Grund sein, warum es gerade beim Krimi viele Serien gibt. Die Leser/Zuschauer identifizieren sich in erster Linie mit den Protagonisten. Wenn die Menschen in der Handlung gefallen, darf zwischendurch sogar mal der Plot schwächeln, umgekehrt wird es schwieriger. Die böse Tat, das eigentliche Verbrechen, spielt eine eher untergeordnete Rolle, sie ist der Aufhänger. Im Endeffekt interessiert die Leser, wie die Protagonisten mit den Situationen leben und sie meistern.

Gesellschaftlich relevante Themen im Kriminalroman sind ein wichtiger Erfolgsfaktor. Als Pioniere dieser Spielart sind nordische Krimiautoren zu Weltruhm gekommen. Wir alle wünschen, in unserem Alltag nicht mit Verbrechen und Gewalt konfrontiert zu werden. Der Krimi, ob als Buch oder Film, führt den Leser in andere, nicht zwingend bessere Welten. Er hat einen Anfang und ein Ende. Es mag nicht immer glücklich sein oder befriedigen, aber man kann das Problem, oft im Gegensatz zur Realität, zur Seite legen oder abhaken.

Alles, was in Literatur und Filmen je wiedergegeben wurde, basiert auf sieben Basisplots, z. B. «Sieg über den Tyrannen»; «vom Bettler zum Millionär», «Die Suche nach Bestimmung», «Reise und Rückkehr». Mit anderen Worten: Wir erzählen, lesen und sehen seit Jahrtausenden immer wieder dieselben Geschichten von und über Menschen, mit dem Unterschied, dass sie, dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend, jedes Mal anders erzählt werden. Mord allein macht noch keinen Krimi. Der Mensch steht immer im Mittelpunkt.

Meistgesehen

Artboard 1