Auf einen Kaffee mit...
Monica Gubsers Rollenwechsel für die Liebe: Theaterdarstellerin – Wirtin – Filmstar

Auf einen Kaffee mit... Monica Gubser, 87-jährig und Schauspielerin. An den Solothurner Sommerfilmen war sie im Film «Die letzte Pointe» zu sehen. Ihren späten Durchbruch in der Filmwelt nennt sie ihre «Alterskarriere».

Lara Enggist
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Musste sich an die «Provinzstadt» gewöhnen – heute ist Monica Gubser (87) in Solothurn verwurzelt.

Musste sich an die «Provinzstadt» gewöhnen – heute ist Monica Gubser (87) in Solothurn verwurzelt.

Hanspeter Bärtschi

Unscheinbar sitzt sie da, in der Brasserie in Solothurn, mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Die grosse Bühne braucht Monica Gubser im Alltag nicht. Sie bespielte schon ihr Leben lang lieber die Theaterbühnen in Zürich, Basel und Solothurn.

In Zürich sei sie zwar geboren, doch in Basel habe sie ihre Jugendzeit verbracht. Noch heute erzählt sie viel von der lebendigen Stadt, in welcher sie sich jahrelang zu Hause fühlte. Nach der Schauspielschule ergatterte sie sich ihre ersten kleinen Rollen am dortigen Stadttheater. «Doch es gab damals in Basel nicht viele Rollen für Frauen», erinnert sie sich. Ein bekannter Regisseur schickte sie nach Solothurn, erzählte ihr vom hübschen und kleinen, aber guten Stadttheater. «So kam ich 1950 hierher», sagt sie und blickt zur Parfümerie oberhalb der «Brasserie». «Dort war früher die Bäckerei Zurmühle.»

Ihre Gedanken, als sie das erste Mal nach Solothurn kam? «Jesses Gott, ist das ein verschlafenes Städtchen.» Wieder ihr verschmitztes Lächeln. Damals habe es noch keine Literaturtage oder Filmtage gegeben. «Immer, wenn ich am Morgen durch den Nebel zu den Proben ging, fragte ich mich, ob in Solothurn überhaupt Menschen leben», sagt sie rückblickend. Dennoch war sie vier Jahre beim Stadttheater in Solothurn, erlebte dort eine sehr gute, aber intensive Zeit mit nur zwei freien Tagen im Jahr. «Am Karfreitag und an Heiligabend hatten wir frei, an den anderen Tagen lernten wir Texte, probten und führten Stücke auf.»

Rollenwechsel für die Liebe

Dann verliebte sie sich in den Koch des «Zunfthauses zu Wirthen». Sie verliess das Theater, fest davon überzeugt, nie mehr auf der Bühne zu stehen. Das Paar heiratete, sie bekam drei Söhne und erlangte das Wirtepatent, um das Restaurant gemeinsam mit ihrem Mann zu führen. Mit dem abrupten Wechsel von der Schauspielerin zur Hausfrau und Wirtin habe sie kein Problem gehabt. Monica Gubser lebt im Hier und Jetzt, verschwendet ihre Zeit nicht damit, Vergangenem nachzutrauern. «Nicht ein einziges Mal habe ich die Bühne vermisst», sagt sie.

Das Paar übernahm das heutige Restaurant «Baseltor» und wirtete insgesamt 30 Jahre lang zusammen. Als Gubser etwa 60 Jahre alt war, verkauften sie das Restaurant, die Wege des Paares trennten sich. «Und was mache ich jetzt?», habe sie sich gefragt. Sie habe sich noch so lebendig gefühlt, «und ausserdem hatte ich keine Lust, zu Hause auf dem Sofa herumzusitzen».

Dann sei ein Regieassistent aus Berlin auf sie aufmerksam geworden und bot ihr eine Filmrolle an. «Sicher nicht, das kommt nicht infrage», habe sie geantwortet. Dies erzählt sie in einem empörten Ton, fast so, als wäre sie dabei in eine Theaterrolle geschlüpft. Doch er gab nicht nach – sie dagegen schon und spielte mit 60 Jahren ihre erste Filmrolle in «An allem schuld».

Theater versus Film

Wenn man mit bald 88 Jahren körperlich und geistig noch so gesund sei, dass man spielen könne, dann sei das ein Geschenk. «Man geht auf Tournee, lernt Texte, muss sich mit vielen Menschen arrangieren: das ist fordernd und tut mir sehr gut», sagt sie. Ihre «grosse Zeit» habe sie in der Theaterwelt erlebt, diese sei ihrem Herzen etwas näher als die Filmwelt, da sie dort das Spielen lernte.

Aber beides habe seine Vor- und Nachteile: Beim Theater spüre man das Publikum, «man weiss als Schauspieler, ob das Publikum lacht oder weint». Zudem könne man bei einer Aufführung ein ganzes Leben durchspielen. Das sei bei einem Film ganz anders. «Die Szenen werden durcheinandergespielt, in der einen Szene ist man fröhlich und in der nächsten stirbt man», sagt sie trocken und nimmt einen Schluck Kaffee. Beim Theater habe sie immer Lampenfieber gehabt. Beim Film sei das kein Problem, da dort jede Szene wiederholt werden kann. «Diese Freiheit geniesse ich sehr.»

Leidenschaft im harten Business

Warten, das müsse man beim Filmdreh oft. «Manchmal muss man eine Stunde darauf warten, dass die Sonne wieder scheint.» Auf die Frage, ob man beim Dreh auf ihr Alter Rücksicht nehme, sagt sie lachend: «Stellen Sie sich vor!» Es sei zwar fordernd, aber auch die Jüngeren sind beim Drehen irgendwann erschöpft. «Die Abwechslung lässt einen die Müdigkeit im Moment aber ganz vergessen.»

Sie habe viel gelacht während der Dreharbeiten – auch bei der «Letzten Pointe». Und dies, obwohl es im Film um Demenz und Freitod gehe. Regisseur Rolf Lissy sage oft: «Lachen und Weinen ist nah beieinander.» In seinen Filmen nehme er ernsten Themen mit Humor den Stachel. «Die Hauptrolle im Film hat einiges gemeinsam mit mir.» Die Frau, welche sie spielt, sei eine taffe und eigenwillige Frau. Eine Rolle, welche man nicht zu sentimental spielen dürfe. «Sie weint nie und lebt in der Realität, das macht die Thematik erträglich.» Auch Gubser selbst sei eine Realistin – «und ich mag trockenen Humor».

Ein neues Filmprojekt in Sicht

Zurücklehnen kommt für Gubser nach «Die letzte Pointe» nicht infrage: sie liest bereits wieder ein neues Drehbuch. Es sei aber noch unbestimmt, es könne Jahre dauern, bis ein Filmprojekt bewilligt werde. «In meinem Alter ist nicht sicher, ob ich die Rolle noch spielen werde.»

Und wie steht sie heute zur langweiligen Stadt Solothurn? Früher habe sie gedacht: «Hier werde ich nicht alt.» Jetzt beschäftige sie sich mit dem Tod und sei zum Schluss gekommen: «Ich möchte nicht mehr weg von Solothurn, hier werde ich einmal in die Erde gelegt.» Sie habe ihre Kinder, Enkel und Urenkel in der Umgebung und sei hier sehr verwurzelt. «Ich denke mir manchmal: Ich bin hier gut aufgehoben.»

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