Die mittelgrosse Solothurner Uhrenherstellerin Mondaine wagt einen Schritt nach vorne: Fast 30 Jahre nach der weltweiten Lancierung der «Bahnhofsuhr für das Handgelenk» bringen die Patrons André und Ronnie Bernheim eine neue Produkte-Familie auf den Markt. «Die Zeit war reif, um das Portefeuille mit einer Modellreihe zu erweitern», sagt André Bernheim. Sie heisst «Helvetica» und würdigt den gleichnamigen schweizerischen Typografie-Klassiker. «Wir versprechen uns wirtschaftlich sehr viel von der neuen Produktefamilie.» Budgetzahlen will Bernheim aber nicht verraten. Es pressiere nicht und «Helvetica« müsse nicht innert Jahresfrist zum Verkaufsschlager werden. Die Modelle sind seit zwei Wochen in der Schweiz im Handel und Mitte November ist deren Lancierung in den USA geplant. Das Ziel ist aber klar umschrieben: «Wir wollen an die Erfolge der bisherigen zwei Leaderprodukte aus dem eigenen Hause anknüpfen.»

Hoher Bekanntheitsgrad

1983 – noch kurz vor der Swatch-Lancierung – brachte Mondaine die M-Watch auf den Markt. Die in Biberist produzierte preisgünstige Uhr (unter 50 Franken) wurde vom Grossverteiler Migros über seine Absatzkanäle verkauft. Über sieben Millionen Zeitmesser wurden abgesetzt, bis es 2010 zum grossen «Chlapf» zwischen Mondaine und Migros kam. Das juristische Hickhack um das Recht an der Marke M-Watch dauert an. Inzwischen verkauft Mondaine die Uhr über die Warenhausgruppe Manor. 1986 folgte der zweite Streich. Mit einer Lizenz der SBB produziert Mondaine die «Bahnhofsuhr für das Handgelenk», einem absoluten Verkaufsrenner – und zwar weltweit. Mehrere Millionen Bahnhofsuhren wurden, so Bernheim, inzwischen abgesetzt. Der Erfolg basiert auf dem Design. Das Kellenzifferblatt mit dem roten Sekundenzeiger hat in der ganzen Welt Kultstatus erreicht. Die grosse Bahnhofsuhr wurde 1944 vom Ingenieur und Gestalter Hans Hilfiker für die SBB entworfen. «Die Uhr verkörpert Swissness – also Zuverlässigkeit, Präzision und Qualität – in Reinkultur und hat einen unvergleichlichen Wiedererkennungswert», begründet André Bernheim den Erfolg.

Exakt darauf zielt Mondaine mit der neuen Uhrenlinie ab. Die 1957 erstmals präsentierte Schrift «Helvetica» habe die Typografie geprägt wie kaum eine andere. Helvetica werde weltweit für berühmte Firmenlogos wie etwa Swiss oder BMW, Strassenschilder oder gar die Beschilderung der U-Bahnen in New York und Chicago verwendet, weiss Bernheim. «Helvetica» stehe für schweizerisch und somit für Wertbeständigkeit, genau wie die Bahnhofsuhr. So ist die Beschriftung inklusive der Zahlen auf den Zifferblättern in «Helvetica» gehalten. Eine Ausnahme ist der Firmenschriftzug Mondaine, der wie seit über 30 Jahren unverändert in «Futura» daherkommt.

«Denkfabrik» gab Impuls

Der Prozess von der Idee für eine neue Produkte-Familie bis zur jetzigen Lancierung habe über drei Jahre gedauert, blickt Bernheim zurück, um die Lorbeeren gleich weiterzugeben. Beseelt von der Idee, der Design-Ikone Bahnhofsuhr etwas Gleichwertiges beiseitezustellen, wandten sich die Bernheims an Köbi Gantenbein, Herausgeber und Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre» sowie Designkenner. Dieser habe eine «Denkfabrik» mit unterschiedlichsten Teilnehmenden installiert. Daraus entstand der Vorschlag «Helvetica», welchen Designer Martin Drechsel umsetzte.

Mit Quarzwerk

Die neue Uhrenfamilie – vorerst in 15 Modellen – ist mit Quarzuhrwerken der Firma Ronda in Lausen ausgestattet. Eine Version mit mechanischen Uhrwerken sei vorerst nicht geplant, erklärt Bernheim. Die Uhren kosten zwischen 295 und 450 Franken. Montage, Qualitätskontrollen und Vertriebslogistik erfolgten in der eigenen Fabrik in Biberist.

Dort arbeiten für Mondaine rund 75 Mitarbeitende sowie 55 für die ebenfalls den Bernheims gehörende Marlox-Gruppe. Diese verfügt über Lizenzen zur Herstellung und Vermarktung diverser Uhrenmarken. Am Mondaine-Hauptsitz in Zürich mit Geschäftsleitung, Marketing und Administration arbeiten rund 35 Angestellte. Mit dem Geschäftsverlauf 2014 zeigt sich Bernheim zufrieden. Er erwartet ein Umsatzplus von 5 bis 10 Prozent je nach Segment. Noch im Vorjahr waren es 25 bis 50 Prozent. «Die globalen wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten schlagen auf die Kauflaune durch.»