Jedes Mal, wenn sich Mohanad Alwali der deutschen Sprache nicht mächtig fühlt, lächelt er verlegen und blickt drein, als erwarte die gegenübersitzende Person eine Entschuldigung. Dann sagt er leise «sorry ...» Völlig unnötig! Schliesslich kann man mit ihm ohne grössere Probleme ein Gespräch auf Deutsch führen. Und dass obwohl er erst seit einem Jahr in der Schweiz lebt. Also bitte Herr Alwali, keine falsche Bescheidenheit!

Mohanad Majeed Oudah Alwali, 36 Jahre alt, Ehemann, Familienvater, Sohn, Iraker, pure Lebensfreude. Vor einem Jahr kam der Mann mit dem ansteckenden Lachen zusammen mit seiner Frau, seiner Tochter und seiner Mutter in die Schweiz. Nun gewährt er einen Einblick in sein neues Leben. Wir treffen ihn im Sitzungszimmer der Stiftung ECAP in Solothurn, einem Anbieter kantonal subventionierter Integrationskurse (wir berichteten).

Erst Syrien ...

Mohanad Alwali hat studiert. Hebräisch. Er arbeitete im Irak als Goldschmied in seinem eigenen Geschäft. Verkaufen, kaufen, reparieren. Am 28. Februar 2010 musste er sein Heimatland verlassen, weil sein Leben und das seiner Familie bedroht war. Mit seiner schwangeren Frau und seiner Mutter brach er auf nach Syrien, ins Umland der Hauptstadt Damaskus. Den genauen Grund für seine Flucht will Mohanad nicht öffentlich machen, da er seine im Irak verbliebenen Familienmitglieder nicht unnötig in Gefahr bringen möchte.

In Syrien lebten Alwalis fortan als Flüchtlinge in einer kleinen Wohnung. Dann kam die Tochter zur Welt. Mohanad durfte in Syrien nicht arbeiten, trotzdem musste er irgendwie für seine Familie sorgen. «Einige Flüchtlinge arbeiteten illegal», sagt er, ohne weiter darauf einzugehen. Drei Jahre blieben Alwalis in der Nähe von Damaskus. Wenn Mohanad von dieser Zeit erzählt, dann wirkt er unaufgeregt. Er spricht von einer schönen Stadt, von verschiedenen Leuten, verschiedenen Kulturen, verschiedenen Religionen. Vom Frieden zwischen diesen. Von muslimischen Frauen, die auf der Strasse einen Nikab trugen, während andere leicht bekleidet im Nachtclub tanzten.

... dann Schweiz

März 2011. Alwalis leben seit etwas mehr als einem Jahr in Syrien. Im Zuge des Arabischen Frühlings eskalieren die friedlichen Proteste. Der syrische Bürgerkrieg beginnt. In den folgenden Jahren vertreibt der Konflikt mehrere Millionen Syrer aus ihrem Land. Weitere Millionen befinden sich innerhalb des Landes auf der Flucht. Im September 2013 reagiert die Schweiz auf den Hilferuf des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge und zeigt sich bereit, bis zu 500 besonders schutzbedürftige Menschen aufzunehmen.

November 2013. Alwalis und sechs weitere Familien gehören zu den ersten dieser Flüchtlinge, die in die Schweiz kommen. Zuerst werden sie im Durchgangszentrum Altstätten (SG) untergebracht, später dann in Oberbuchsitten und schliesslich in Solothurn einquartiert. Hier wohnt die Familie in einer eigenen Wohnung und durfte vor einigen Tagen ein Jubiläum feiern. «Ein Jahr Schweiz», sagt Mohanad stolz und strahlt übers ganze Gesicht. Die sieben Familien wurden eingeladen das Bundeshaus und den Tierpark in Bern zu besuchen. Auf seinem Handy zeigt Mohanad ein Gruppenbild. «Ein schöner Tag», sagt er.

Arbeit und Schule

Bevor Mohanad in die Schweiz kam, sprach er kein Wort Deutsch. Nun profitieren er und seine Familie von einem speziellen, zweijährigen Integrationsprogramm des Bundes. Deutsch lernt Mohanad an der ECAP Solothurn, seine Frau an der Volkshochschule. Bald schliesst Mohanad seinen zweiten Intensivkurs ab. Er geht gern zur Schule. Jeden Nachmittag verbringt er dreieinhalb Stunden in der ECAP, ausser freitags. Am Morgen arbeitet er jeweils bei der Grenchner Sozialfirma ProWork.

Mohanad unterzeichnete mit dem Kanton Solothurn eine Integrationsvereinbarung. Er versteht diese nicht als Zwang, habe er doch von Anfang an um möglichst viele Schulstunden und Arbeit gebeten. «Ich denke, diese beiden Dinge sind der Schlüssel zur richtigen Integration.» Und diese ist ihm ungemein wichtig, denn er möchte alsbald möglich unabhängig von der Sozialhilfe leben. «Mit allem Respekt, aber in unserem Land würde man als Bettler gelten. Ich möchte nicht auf staatliche Hilfe angewiesen sein. Ich bin nicht zu jung und nicht zu alt, um für meine Familie zu sorgen.»

Freizeit und Religion

Mohanad und seine Familie mussten sich in der Schweiz an eine neue Kultur gewöhnen, was für sie nicht immer ganz einfach war. «Im Irak ist es beispielsweise verboten, dass sich Unverheiratete in der Öffentlichkeit treffen.» Das sei hier glücklicherweise anders, anfangs für sie aber schwer zu verstehen gewesen. Was Mohanad offensichtlich am meisten beschäftigt und er mehrere Male anspricht, ist die Unmöglichkeit der Familie, hier ihre Religion auszuleben. Alwalis gehören den Mandäern an, einer ethnisch-religiösen Minderheit. «In der Schweiz gibt es keine mandäischen Gotteshäuser und auch keine Gemeinschaft. Deutschland ist zu weit weg.» Das sei vor allem für seine Frau und seine Mutter schwierig. «Zudem würde ich gerne meine Tochter mit der Religion aufwachsen sehen.»

Alles hat sich verändert

Dass er einmal in den Irak zurückkehren könnte, daran glaubt Mohanad nicht. «Ich will auch nicht, auf keinen Fall!» Er wird nachdenklich. Dann beginnt er mit leiser Stimme zu sprechen, fast so, als würde noch jemand anderes zuhören: «Wir sagen immer, wir reden nicht über Politik ...» Er pausiert. Denkt. Beginnt noch einmal: «Irak ist ein sehr reiches Land, aber nichts funktioniert richtig. Nicht einmal der Strom.» Die Korruption sei gross, die Sicherheit klein und die meisten Personen – seine persönliche Meinung, wie er sagt – egoistisch. «Vielleicht war das früher anders, aber seit dem Krieg ist das so.» Traditionelles habe an Bedeutung verloren. So sei es früher üblich gewesen, dass man ausserhalb seiner Gemeinschaft vor allem dem Nachbarn vertraute. «Deine Tür war für ihn immer offen, nun ist er aber die letzte Person, der du trauen würdest.»

«Schäme mich, Iraker zu sein ...»

Obwohl die meisten Flüchtlinge in ihrem Heimatland Traumatisches erlebt haben, vernimmt man von ihnen oft, dass sie ihre Heimat vermissen. Nicht so Mohanad. Im ersten Moment fällt es schwer, ihm zu glauben. Er bemerkt dies und kommt nochmals auf den Ein-Jahr-Schweiz-Jubiläums-Tag zu sprechen. Er erzählt von der Begleitperson, die stolz über die Jahrhunderte alte Geschichte der Schweiz referierte. «Eure Geschichte ist für Euch wichtig», fasst Mohanad zusammen. Dann kommt er auf den Irak zu sprechen: «Unsere Geschichte ist mit 8000 Jahren etwas älter, geht es aber um Geld, dann spielt das für einige meiner Landsleute keine Rolle. Dafür würden sie gar die Geschichte stehlen oder zerstören. Das macht mich krank.» Er unterbricht, holt tief Luft und sagt mit betroffenem Blick: «Manchmal schäme ich mich, Iraker zu sein ...»

Nach einer Pause wiederholt er, dass es für ihn also wirklich nicht schwer gewesen sei, sein Geburtsland hinter sich zu lassen. «Wenn du in einem Land geboren wirst und du von dem Zeitpunkt an, an dem du begreifst, was um dich herum passiert, nur noch Schmerz empfindest ....» Wieder unterbricht er. Stellt, wie so oft klar, dass dies seine persönliche Meinung sei. «Ich denke, ich habe in miserablen Verhältnissen gelebt», sagt er und fügt etwas verunsichert an: «Ich weiss nicht, ob das komisch ist, dass ich meine Heimat nicht vermisse ...»

Schweiz soll Zuhause werden

Mohanad träumte im Irak vom eigenen Haus. Dieser Traum hat sich verändert. Nun wünscht er sich, dass die Schweiz für ihn und seine Familie das neue Zuhause wird. Ein Haus könne er sich aber auch hier vorstellen. «Eines mit Garten und einem Baum und Tieren vielleicht», sagt er und lächelt. Grundsätzlich wünsche er sich aber einfach, dass seine Tochter in einem freien Land aufwachsen darf. Sodass sie die Dinge verwirklichen könne, die ihm verboten wurden. Dann, unaufgefordert und fast so, als hätte er Angst, jemand könnte es ihm wegnehmen, beschreibt er nochmals, wie sehr er es schätze, in der Schweiz zu leben. «Ich übertreibe nicht, ich fühle mich fast, nein eigentlich wortwörtlich, ich war in der Hölle und nun bin ich im Paradies.»

Mit diesem Beitrag endet eine dreiteilige Serie zum Thema Integration.