Kurt Fessler kann sich erinnern, wie brennende Autoreifen den Hang hinunter rollten und vor der alten Sägerei am Dorfausgang von Welschenrohr liegen blieben. Tagelang sei manchmal die Sägerei in einen dicken Rauch eingehüllt gewesen, wenn oben die Deponie Schwäbet aus Platzgründen wieder einmal angezündet wurde. «Meine Grossmutter lief zeitweise mit einem Nastuch vor dem Mund herum, um dem beissenden Rauch und dem Gestank entgegenzuwirken», sagt Fessler. «Mein Grossvater und mein Vater berichteten von einer braunen Brühe, welche bei starkem Regen herunterkam.» Geschätzte 22 500 Kubikmeter Abfall lagern heute noch in der Deponie, in der die Welschenrohrer zwischen 1950 und 1985 ihre Siedlungsabfälle entsorgten – wie das damals üblich war. Was genau, das weiss allerdings niemand.

Kurt Fessler möchte, dass die Deponie möglichst rasch untersucht wird. Er will wissen, ob er auf seinem Stück Land Altlasten oder kontaminiertes Wasser hat. Doch noch ist nicht klar, wann die Untersuchungen weiter gehen. Für Fessler ein Problem – und eine Geduldsprobe. «Ich kann das Grundstück nicht neu bebauen, wenn ich nicht sagen kann, was bezüglich Altlasten Sache ist», erklärt er. Für Kaufinteressenten und Investoren will er ein Zertifikat, das bestätigt, dass Boden und Grundwasser nicht mit Schadstoffen kontaminiert sind. Er habe bereits mögliche Käufer verloren, beklagt der Unternehmer, der im Bucheggberg wohnt.

Eine Deponie, bei der man (noch) nicht zweifelsfrei sagen kann, was unter der Erde schlummert: Fesslers Fall ist kein Einzelfall. Längst ist noch nicht beseitigt, was früher einmal verbuddelt wurde. 663 untersuchungsbedürftige Standorte gibt es im Kanton: 204 ehemalige Deponien, 220 Kugelfänge von Schiessanlagen, 2 Unfallstandorte und 234 ehemalige Betriebe, bei denen Altasten nicht ausgeschlossen werden können. «Bis heute sind rund 10 Deponien im Kanton altlastenrechtlich saniert worden», sagt Karl Stransky vom kantonalen Amt für Umwelt. Festgelegte Fristen für Sanierungen gibt es laut Stransky nicht. Die Dringlichkeit ergibt sich erst anhand der Detailuntersuchung. Besonders dringlich sind Sanierungen, wenn eine bestehende Nutzung «beeinträchtigt oder unmittelbar gefährdet wird.»

In Welschenrohr hat eine Voruntersuchung gezeigt, dass Kehricht, Glas, Metall, Blech, Karton, Sperrgut oder Kunststoff abgelagert wurden, Industrieabfälle wohl nicht, zeitweise vielleicht aber eine geringe Menge an lösungsmittelhaltigen Abfällen. Fessler glaubt, dass mehr unter dem Boden verborgen liegt: «Die Deponie war jahrelang öffentlich zugänglich. Jeder Welschenrohrer meiner Generation weiss haargenau, was da oben deponiert worden ist.» Klar ist nach der Voruntersuchung: Eine «Gefährdung des Schutzgutes Grundwasser» kann nach derzeitigem Wissensstand zumindest «nicht ausgeschossen werden».

«Es wird herausgezögert»

Für Kurt Fessler eilt es. Er will nicht nur, er muss auch vorwärtsmachen. Denn die Altlasten sind nicht das einzige Problem, das er hat. 2016 ist seine Sägerei durch Brandstiftung abgefackelt worden. Heute ist sie nur noch eine unschöne Ruine. «Bis November 2018 muss ich geräumt haben oder Pläne für die Wiederherstellung vorlegen können», sagt Fessler mit Blick auf Auflagen. Es geht ihm um die Besitzstandsgarantie, hatte er doch vor der Brandstiftung eine Liegenschaft mit einem bestehenden Bauvolumen in der Landwirtschaftszone – schon raumplanerisch keine einfache Sache.

Als Nachbar hat Fessler jedoch kaum eine Chance, die Untersuchung voranzutreiben. Wie lange Untersuchungen gehen können, zeigt das Grossprojekt der Stadtmistsanierung in der Kantonshauptstadt. Seit Jahren werden in der Solothurner Weststadt Untersuchungen gemacht, Sanierungsvarianten abgeklärt und mögliche Finanzierungen diskutiert. Derzeit sind sich Stadt, Kanton und Bund noch nicht eins, in welchem Umfang die Deponie saniert werden könnte.

Auch die Einwohner- und die Bürgergemeinde Welschenrohr – letzterer gehört das Deponiegrundstück – zeigen nicht jene Eile, die Kurt Fessler gerne sehen würde. «Es wird herausgezögert», scheint es ihm. Fessler vermutet, dass es dabei auch um die Finanzierung oder auch um das Image der Gemeinde geht. «Die Offerte für die technische Untersuchung liegt seit Herbst 2017 auf dem Tisch», sagt Fessler. Er befürchtet: «Man hat da wohl höchste Bedenken, dass man quasi als Gemeinde die Beträge lange vorfinanzieren muss, bevor diese dann durch Bund und Kanton wieder zurückerstattet werden.»

«Wir wollen nichts verzögern»

Stefan Schneider ist Gemeindepräsident von Welschenrohr. Am Montagabend hat sich der Rat erneut mit der Sanierung befasst. «Es ist nicht so, dass wir nichts machen wollen», sagt Schneider. «Wenn es wirklich so weit käme, dass man sanieren muss, dann müssen wir es machen.» Für die Gemeinde ist die Ausgangslage jedoch nicht ganz einfach. Ob es je eine Sanierung gibt: Das ist nicht klar. Klar ist nur: Wenn es eine gibt, dann kann es Welschenrohr und die Bürgergemeinde, die Landbesitzerin ist, etwas kosten. Beide müssten einen Teil tragen, ebenso Bund und Kanton, die wohl den grössten Teil berappen würden. «Wir hängen auch ein wenig in der Luft», sagt Schneider. «Es ist schwierig für uns, alle notwendigen Grundlagen zu kennen.» Deshalb hat die Gemeinde am Montagabend beschlossen, vom Kanton mehr Informationen zu verlangen. Man will eine schriftliche Auskunft zu den Rechtsgrundlagen und klare Angaben über die Kostenverteilung. Der Gemeindepräsident beteuert: Man wolle die Abklärungen nicht unnötig herauszögern. Nach Jahrzehnten dürfe und solle man sich aber auch die Zeit für genaue Abklärungen nehmen.

Das Grundstück im Thal ist für Kurt Fessler zu einer Belastung geworden, nicht nur wegen der Altlasten. Bis heute ist nicht klar, wer genau 2016 den Brand gelegt hat. Auch das schlägt Kurt Fessler auf den Magen. Er hat schon zwei Mal Flugblätter an die ganze Gemeinde verteilen lassen, eine Belohnung ausgesetzt und im ganzen Thal Zeugenaufrufe ausgehängt. Bisher ohne Erfolg. Oft waren die Blätter schnell wieder weg. Das wurmt ihn, denn vor der Brandstiftung sah doch alles gut aus: Die Altlasten-Untersuchung wurde begonnen, durch den Anschluss an die Ara war die stinkende Kläranlage verschwunden. Doch sechs Tage nach dem Ara-Einweihungsfest brannte die Sägerei. «Es kann nicht sein, dass eine unerwünschte Liegenschaft einfach abgefackelt werden kann», sagt Fessler.