Markus Allemann, arbeitslos ...» als Titel für diesen Artikel, das würde ziehen. Ihr Interesse wäre mir sicher! Beinahe wäre es so weit gekommen – nun lesen Sie, wie es anders kam. Dabei hatte ich mich bei der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) vorsorglich bereits fünf Monate vor meinem Arbeitsende angemeldet. Ich wollte den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen, und ich wollte erleben, wie es sich anfühlt, «stempeln zu gehen». – Jetzt der Reihe nach.

Nachdem ich im letzten Herbst meinen Rücktritt bei Greenpeace Schweiz eingereicht hatte, drohte ab 1. April 2018 die Arbeitslosigkeit. Für alle Männer und speziell für alle Frauen ab Mitte 50 mit Unterhaltspflichten ist das eine bedrohliche Aussicht, die auch das Umfeld nicht kalt lässt. In meinem Fall reagierten die eingeweihten Nächsten auf die Hiobsbotschaft unterschiedlich stark alarmiert. Am besten taten mir die «Inspiratoren» (wie ich sie nenne): Sie dachten zuerst nach, fragten zurück, überprüften Optionen, indem sie in meine Schuhe schlüpften und meinen Überlegungen eine neue Richtung gaben. Ein Freund rief mich regelmässig an und erkundigte sich mittels einer Voicemail auf meinem Handy nach meinem Befinden. Andere schickten mir Stellenausschreibungen mit der Frage, ob mich so was interessieren könnte.

Im Kurs «Neuorientierung 50plus» lernte ich zusammen mit acht anderen Männern und einer einzigen Frau, dass die eigene Orientierung, die persönliche Strategie und das über Jahre aufgebaute Netzwerk das Entscheidende seien – und nicht das Abwarten eines passenden Inserats. Wir übten uns in der Kontaktaufnahme, legten unsere Skrupel ab, möglicherweise als «Bettler» abgestempelt zu werden, und setzten uns persönliche Zwischenziele für die nächsten Wochen. Jetzt begriff ich, warum die Stellensuche über 50 ein Vollzeitjob sein soll, wie uns eingebläut wurde. Ein Job, der ausfüllt und ermüdet. Ein Job aber auch, der Freude machen kann, zumindest im Rückblick und solange Gespräche zustande kommen und eine reelle Chance auf Erfolg besteht.

Viele der arbeitssuchenden Männer, die ich während dieses Winters kennen gelernt habe, kannten diese Freude nicht. Ihr Erfolg war bescheiden, die Ernüchterung umso grösser. Einer hat für eine globale Schweizer Firma in Indien zwei Jahrzehnte lang komplexe Projekte durchgeführt. Nun ist er mit der Familie zurück in der Schweiz, seine Stelle gibt es nicht mehr und der Arbeitgeber weiss auch nichts Besseres, als den treuen Mitarbeiter intern auf die Suche nach einer anderen Betätigung loszuschicken. Konfrontiert mit dem Bruch Mitte 50, wird vielen deutlich, dass die Berufschancen nicht mehr dieselben sind wie einst. Lebensentwürfe können auf einmal eine sensible Wendung erfahren.

Mit mir ist Gott sei Dank nochmals alles gut gegangen: Ab April leite ich die Entwicklungsorganisation Swissaid. Meine Erfahrung als Beinahe-Arbeitsloser nehme ich dankbar in den neuen Job mit, wo ich mich für die Ärmsten in neun Ländern einsetzen werde. Ähnlich wie die von Swissaid unterstützten Bauern haben hierzulande Arbeitssuchende ab Mitte 50 kürzere Spiesse und je nachdem kaum eine Chance, auf einen grünen Zweig zu kommen.

Und auch wenn es ein Glückspilz wie ich doch schafft, die Regionale Arbeitsvermittlung kennt die Höhen und Tiefen des Markts und quittiert meine Abmeldung von der Arbeitslosenkasse trocken mit dem Hinweis, dass im Falle einer Wiederanmeldung frühzeitig mit der Arbeitssuche begonnen werden müsse. Ansonsten die Vermittlungsfähigkeit abgesprochen werden könnte...

Markus Allemann. Der Solothurner ist ab 1. April Geschäftsleiter von Swissaid, der Schweizerischen Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit.