Musikvereine
Mitgliederschwund: Kein Interesse mehr an der Klarinette

Zunehmend macht sich bei den Musikvereinen ein Mangel an Klarinettistinnen und Klarinettisten bemerkbar. Warum ist das so und was kann man dagegen tun? Der Schweizer Blasmusikverband hat originelle «Gegenmassnahmen» getroffen. Wir hörten uns in der hiesigen Blasmusikszene um.

Hans Blaser
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Die Klarinette ist offensichtlich nicht in Mode – die Jungen finden sie nicht cool.

Die Klarinette ist offensichtlich nicht in Mode – die Jungen finden sie nicht cool.

Zur Verfügung gestellt

Es begann so schleichend; sodass man es offensichtlich nicht ernst genug nahm. Immer weniger Musikantinnen und Musikanten spielten noch Klarinette. Die etwas besser klassierten Blasorchester fanden ihre Besetzung zwar noch, ihre Suchradien wurden allerdings immer grösser.

Die Gründe kennt genau genommen niemand. Befragt man die Verantwortlichen, werden ganz unterschiedliche Gründe angeführt. Unbestritten ist der stetige Mitgliederschwund bei vielen Vereinen, insbesondere auch bei Blasmusikvereinen.

Das lässt sich in Zahlen belegen. Allein seit 2009 existieren gemäss Vademekum des Blasmusikverbandes in den Verbänden Aargau, Basel, Bern und Solothurn zusammen ganze 14 Musikvereine nicht mehr. In dieser Zeitspanne machen in den vier Verbänden 1589 Menschen – das entspricht 9,5 Prozent des aktuellen Bestandes – nicht mehr in ihren Vereinen Musik.

Genauere Antworten liessen sich vielleicht beim Veteranenspiel Solothurn finden. Dieses setzt sich aus Musikantinnen und Musikanten aus dem ganzen Kanton Solothurn und benachbarten Regionen zusammen. Bei einem Konzert in Flumenthal bot sich die Gelegenheit, so viele erfahrene Klarinettistinnen und Klarinettisten gleichzeitig zu treffen, wie das sonst kaum möglich wäre.

Allerdings präsentierte sich auch dort das Klarinettenregister der Formation auf der Bühne weit entfernt von einem Verhältnis, wie das früher üblich war. Aus der Erinnerung und unbelegt bestand beispielsweise die Musikgesellschaft Harmonie Biberist in den 40er- und 50er-Jahren des vorderen Jahrhunderts geschätzt nahezu etwa zu einem Drittel aus Klarinettisten. Und: Frauen gab es damals in den Musikvereinen noch keine.

Einer der Klarinettisten im Veteranenspiel ist Bruno Kohler. Er ist mit 86 Jahren das zweitälteste Mitglied des Spiels. Er spielte über 40 Jahre Klarinette, hauptsächlich in der Musikgesellschaft Hägendorf-Rickenbach, aber auch in der Stadtmusik Olten.

Die Frage, ob es früher wirklich mehr Klarinettisten im Verein gab, beantwortet er vehement mit: «Ja, viel mehr!» Ganz ähnlich reagierte Robert Spalinger, der schon ab 1940 in der Knabenmusik Solothurn Klarinette spielte. 1945 wurde er zur Aufnahmeprüfung in die Stadtmusik Solothurn zugelassen, die er bestand.

Er wurde aufgenommen. Die Stadtmusik Solothurn stand damals unter der Direktion des bekannten Solothurner Komponisten Stephan Jaeggi. Dieser sei kein Freund von grossen Musikkorps gewesen, verriet Spalinger.

Um die 40 Mann habe der Verein damals gezählt. Aber das Klarinettenregister sei mindestens dreimal so gross gewesen wie heute.

Stephan Jaeggi war bekanntlich ursprünglich selber Klarinettist. Als Dirigent der Stadtmusik und gleichzeitig Klarinettenlehrer habe er auch immer für den entsprechenden Zustrom sorgen können. Später auch Franz Königshofer, der ab 1947 die Stadtmusik dirigierte. Auch dieser habe grossen Wert auf ein grosses Klarinettenregister gelegt. Von Klarinettenmangel sprach niemand.

Im Veteranenspiel spielen auch Frauen im Klarinettenregister. Eine von ihnen ist die Flumenthalerin Maria Steiner. Sie war jeweils die erste Frau, welche im Solothurner Blasmusikverband die verschiedenen Veteranenstufen erkletterte und somit eine der ersten Frauen, welche überhaupt in einen Musikverein aufgenommen wurde.

Dafür musste sie offenbar ziemlich kämpfen. Sie war vielleicht nicht die erste Musikantin überhaupt, aber sie war die Erste, die es geblieben ist. Noch spielt sie in der MG Flumenthal fleissig und zuverlässig Klarinette. Die meisten dieser «frühen» Frauen spielen heute Querflöte oder Klarinette und verstärkten die Holzregister.

Darin unterscheidet sich allerdings Maria Steiner. Sie ist als Flügelhornistin aufgenommen worden. Auf die Klarinette umgestiegen ist sie etwa zehn Jahre später. Niemand sonst aus dem Verein wollte die gespendete neue Klarinette spielen.

Anders als ihre zuvor zitierten Mitspieler sieht sie in ihrem Verein keine grosse Veränderung gegenüber früher. Bei ihnen in der MG Flumenthal habe es wohl kaum je mehr als sechs Klarinetten gehabt.

Die Senioren sprechen nicht eindeutig von Mangel. Sie beklagen sich aber über eine zunehmende Überalterung ihres Registers und vermissen jenen zwar nicht übermässigen, aber doch steten Zustrom junger Kräfte, wie ihn das Blech und die Saxofone verzeichnen.

Die Klarinette ist offensichtlich nicht in Mode – die Jungen finden sie nicht cool. Gründe dafür sehen die Veteranen verschiedene. Sicher sei das Instrument etwas anspruchsvoller zu erlernen als gewisse andere. Manche denken dabei an das Saxofon. Ist also das Saxofon schuld, dass die Klarinette verdrängt wird?

Urs Burkhard, ein Vorstandsmitglied des Oberaargauer Musikverbandes, war einst selber Klarinettist. Inzwischen ist er aber auf das Baritonsaxofon umgestiegen. Er erklärte es vor einiger Zeit so: Das Saxofon sei einfacher zu erlernen und es töne schon nach kürzerer Zeit «nach etwas», anders als bei der Klarinette.

Aber wirklich gut zu spielen, sei auf dem Saxofon genau so anspruchsvoll wie auf der Klarinette. Auch die Musikschulen suchen nach Erklärungen. Dass die Klarinette halt eher ein Massen- und kein Soloinstrument sei, ist ein untauglicher Erklärungsversuch, wird gesagt.

Die Klarinettenkonzerte von Mozart, Weber, Krommer, Crusell und Stamitz sind bei Konzert- und Radiopublikum nach wie vor beliebt.

Beim Jazz hat die Klarinette allerdings längst nicht mehr die frühere Bedeutung. Da wurde sie eindeutig vom Saxofon abgelöst. In der Popmusik sind kaum Klarinetten zu hören. Allenfalls dürfen sich Saxofone oder Blechinstrumente bemerkbar machen. Denkbar als einer der weiteren Gründe könnte die technische Entwicklung sein.

Ein Vergleich der Teilnehmerzahlen der beiden Instrumente Klarinette und Saxofon beim Solo- und Ensemblewettbewerb beispielsweise in Langenthal über mehrere Jahre seit 2002 verblüfft. Bis 2012 waren die Zahlen ziemlich konstant – immer mit einem deutlichen Plus bei den Klarinetten. 2011 verzeichnen beide einen markanten Peak nach oben.

Ab 2013 halbierte sich die Zahl aber bei den Klarinetten, und bei der letzten Austragung 2014 war es gerade noch eine einzige bei den Solisten.

Gleichzeitig hatte auch das Kompetenzzentrum für Militärmusik Mühe, für die Militärspiele jedes Jahr genügend Klarinettisten mit den notwendigen Fähigkeiten rekrutieren zu können. Momentan kann beispielsweise die Concert-Band des Armeespiels nicht geführt werden, weil man nicht über genügend dienstpflichtige Klarinettisten verfügt.

Die Armee unterstützt daher soweit wie möglich den Schweizer Blasmusikverband (SBV). Dieser will versuchen, gegen diese beängstigende Entwicklung vorzugehen. Dabei hofft er auf weitere Unterstützung von Veranstaltern und Sponsoren. Er hat das Jahr 2015 zum Jahr der Klarinette erkoren.

Um den Fokus auf die Klarinette zu lenken, hat der SBV drei Kompositionen in Auftrag gegeben. Es sollen gefällige, aber nicht allzu schwierige Werke sein. Natürlich soll dabei die Klarinette in den Vordergrund rücken. Franco Cesarini und Christoph Walter schreiben je ein Werk für Soloklarinette und Blasorchester.

Mario Bürki schreibt sein Werk für Klarinettenquartett und Blasorchester. Cesarinis «Concerto for Clarinet» wird durch das Nationale Jugendblasorchester uraufgeführt. Walters «Follow me» erfährt seine Uraufführung am 5. Mai in Trimbach durch das Rekrutenspiel.

Bürki nannte seine Komposition «Latin Woods». Sie wird am 14. Juni vom Jugendblasorchester Luzern im KKL im Rahmen des Klarinettentages uraufgeführt.

Aber auch Vereine legen sich ins Zeug. So hat Urs Heri, der als Mitglied der Musikkommission des SBV das Projektjahr leitet, selber auch eine Komposition geschaffen. Dieses «Divertimento Criminale» für Klarinettenoktett und Blasorchester ist natürlich schon von der Besetzung her deutlich anspruchsvoller.

Es wurde durch die Clarinamici gemeinsam mit der Stadtmusik Huttwil am 14. Februar uraufgeführt. Der SBV hat ausserdem einen Klarinettenbus geschaffen. Er ist mit Klarinetten in allen Grössen, von der Es-(Soprano) bis zur Kontrabass-Klarinette ausgerüstet. Er kann von Vereinen, Musikschulen, Gemeinden und Verbänden gemietet werden.

Mehr Infos: www.sbv.ch