Von Jäger gerettet
Mit Ziegenmilch aufgezogen: Verwaistes Rehkitz Bambino lebt – warum dies gegen das Gesetz ist

Ein Jäger bewahrt ein verwaistes Rehkitz vor dem reglementierten Tod. Er findet in der Region Olten einen privaten Platz für das Tier, dort wird es aufgezogen und schliesslich ausgewildert. Eine Erfolgsgeschichte – wäre da nicht das Gesetz.

Noël Binetti
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Bambino
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Nun ist der Rehbock aber im Wald zuhause und kommt nur noch für kurze Besuche am Abend an seine ehemalige Adresse.

Bambino

Bilder: z.V.g.

Rehe und das Jagdgesetz

Urs Liniger, Sekretär des Vereins Revier Jagd Solothurn und selbst Jäger, erklärt auf Anfrage: «Kitze kommen im Frühling zur Welt. Meist werden eins, zwei und selten drei Kitze geboren.» Sie bleiben in der Regel bis im folgenden Mai bei ihrer Mutter. Beim Verlust der Mutter im Frühjahr oder Sommer besteht kaum eine Überlebenschance für die Kitze. «Verwaiste Kitze werden auch nicht von anderen Muttertieren angenommen», erklärt Liniger.

Rehe sind Einzelgänger. Nur in den Wintermonaten, wenn mit den Blättern die natürliche Deckung fällt, finden sie sich zu Gruppen zusammen. «Dieses Veralten erschwert potenziellen Feinden, ein Einzelnes von ihnen zu reissen», sagt Liniger.

Jährlich sterben über 4000 Rehe bei Unfällen. Es stellt sich Laien immer wieder die Frage, was mit verletzten Tieren geschehen soll. Das korrekte Verhalten bei einem Wildunfall: die Polizei rufen. Diese bietet den zuständigen Jagdaufseher auf. Er birgt das Tier und erlöst noch lebendes Wild. Wenn nötig, organisiert er eine Nachsuche. Am Schluss stellt er dem Unfallverursacher – der dafür nie bestraft wird – ein Protokoll für die Versicherung aus.

Immer wieder bringen Leute Wildtiere zur Tierärztin. Das ist nicht erlaubt. Sie dürfen nur von Jagdberechtigten behändigt werden. Auch Tierärzte machen sich strafbar, wenn sie Wildtiere behandeln. Schon das Bringen von Wildtieren entspricht dem Tatbestand der Wilderei und ist strafbar. Die im September abgelehnte Abstimmung zur Überarbeitung des Jagdgesetzes, hätte den Umstand, dass sich Tierärzte an Wildtieren strafbar machen können, behoben. Auch andere Unsauberkeiten im heutigen Jagdgesetz wären laut Liniger behoben worden. Die Vorlage wurde vom Stimmvolk aber nach einem auf den Wolf fixierten Abstimmungskampf mit knapp 52 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. «Das Gesetz hätte viele Verbesserungen und auch Gelder für die Natur mit sich gebracht. Der Wolf war nur ein kleiner Aspekt unter vielen», bedauert Liniger die Ablehnung.

Mit der Dämmerung kommt er heute manchmal noch vorbei. Vom Waldrand in der Region Olten ist es nicht weit bis zum Garten. Der Rehbock ist jetzt etwa sieben Monate alt. Scheu sucht er die Umgebung nach lauernden Gefahren ab. Er hat Angst vor Hunden und Menschen. Nur eine Person fürchtet er nicht. Von ihr wurde er aufgezogen, den ganzen Sommer über mit Ziegenmilch versorgt und auf immer ausgedehnteren Spaziergängen mit dem Wald und der freien Wildbahn vertraut gemacht.

Die Frau, zu der das Tier Vertrauen schöpfte, kennt sich aus mit Tieren. Weil Privatpersonen Wildtieren laut Gesetz in keiner Weise behändigen dürfen, stellt ihre Fürsorge für das Tier ein Vergehen dar. Sie möchte nicht namentlich erwähnt werden.

Dabei wollte Anja Meier* nur das Beste für das hilflose Tier: sein Überleben. Sie nennt den Rehbock Bambino. Aufwändig pflegte sie das zu Beginn etwa zwei bis drei Wochen junge Rehkitz. Alle vier Stunden führte sie ihm Nahrung zu, auch in der Nacht. Im Internet fand sie auf Seiten aus Deutschland Informationen, wie eine solche Aufzucht gelingen kann. Meier suchte nach einem Ort, wo sie Ziegenmilch erhalten konnte. «Über den Sommer, wo viele Tiere auf der Alp sind, ist das gar nicht so einfach», sagt sie.

Kitz hätte getötet werden müssen

Meier hat sich dem Tier nicht selbst behändigt. Als im Frühling ein Jäger in einem anderen Kanton zu einer Unfallstelle gerufen wird, kann er nur noch den Tod eines angefahrenen Rehs feststellen. Auf einer sogenannten Nachsuche stösst er schliesslich auf das schutzlose Kitz der toten Mutter. Das Reglement aus dem Jagdgesetz sieht in diesem Fall die Tötung des Nachwuchses vor – das Tier hätte ohne Mutter keine Überlebenschance gehabt. Doch der Jäger entscheidet anders: über private Kontakte findet er eine Frau, die bereit ist, sich dem Tier anzunehmen. Bambino schien der Speiseplan zu bekommen. Das Tier wurde grösser, entwickelte sich und brauchte mehr Platz.

Meier baute im Garten ein Gehege für das Wildtier und quartierte es vom Wohnzimmer nach draussen um. Sie sagt: «Am Anfang hätte er noch einem Fuchs zum Opfer fallen können.» Nach etwa drei Monaten begann Meier, mit Bambino Ausflüge in den Wald, seinem natürlichen Lebensraum, zu unternehmen. Zuerst mit einer kurzen, dann mit einer immer längeren Leine. Sie zeigte ihm in Hecken versteckte Beeren und Baumknospen, die eigentliche Nahrung von wilden Rehen in der Natur. «Es brauchte immer weniger mein Zutun. Er begann rasch von selbst nach Futter zu suchen.»

Halsband mit GPS-Tracker

Als die Tage zwar noch warm waren, die Blätter sich aber langsam verfärbten, wagte sich der Rehbock immer tiefer und allein ins Unterholz. Er blieb zunehmend länger fort. Meier sagt: «Ich spürte, dass er bald nicht mehr mit Nachhause kommen würde. Da entschloss ich mich, ihm ein Halsband anzuziehen, das mit einem GPS-Tracker ausgestattet ist.»

Jetzt konnte Meier in Echtzeit verfolgen, ob ihre Bemühungen fruchteten. Und es schien zu funktionieren: «Die zurückgelegten Runden wurden immer grösser.» Bis ins Baselbiet habe sich der halbwilde Rehbock bereits bewegt – und zurück. «Nur noch manchmal kommt er am Abend bis zum Fenster am Garten. Er schaut, ob es etwas zum Fressen gibt und verschwindet wieder in Richtung Wald.»

Behändigen eines Wildtieres ist nicht erlaubt

Meiers Tierliebe ist – juristisch gesehen – nicht unproblematisch. Das Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Solothurn schreibt auf Anfrage: «Strafbar macht sich, wer Tiere jagdbarer und geschützter Arten jagt oder tötet sowie Tiere geschützter Arten einfängt, gefangen hält oder sich aneignet.» Das geht so auch aus dem Jagdgesetz hervor. Wer dieses Gesetz missachte, begehe eine Übertretung. Diese kann bei einer Höchststrafe mit bis zu einem Jahr Freiheits- oder Geldstrafe geahndet werden. Es würden dabei jedoch alle Umstände und auch die Absichten im Einzelfall abgewogen. Wer ein Wildtier findet, muss sich an den Wildhüter oder das Veterinäramt wenden. Dieses entscheidet anhand der geltenden Tierschutzverordnung, wie mit dem betroffenen Tier umzugehen ist.

Wer ein wildes Tier aufziehen, pflegen oder behalten möchte, benötigt dazu eine Wildtierhaltebewilligung. Auch darüber entscheidet das Veterinäramt. Doris Bürgi Tschan, Kantonstierärztin beim Solothurner Veterinärdienst, bestätigt: «Wildtiere dürfen grundsätzlich nie eingefangen werden.» Wenn ein Reh beispielsweise in einem Zoo geboren wurde, sei das etwas anderes. Die Auflagen für eine Haltebewilligung würden immer im Einzelfall geprüft. Für jedes Tier seien in der Tierschutzverordnung genaue Haltebedingungen und die nötigen Ausbildungen bestimmt.

GPS-Sender gilt bereits als Tierversuch

Wenn ein Tier von Menschen aufgezogen werde, erhalte es dabei eine unter Umständen falsche Prägung. Diese könne das Verhalten des Tieres beeinflussen. Bürgi Tschan führt aus, dass das Gesetz hier eine Güterabwägung mache. Dazu gehöre, dass ein verwaistes und nicht lebensfähiges Kitz nach geltender Vorschrift getötet werden müsse, «auch wenn das hart klingt».

Weiter erklärt Bürgi Tschan, dass das Einsetzen von GPS-Technik bei einem Wildtier gemäss Gesetz einen Tierversuch darstelle. Ohne die auch hier vorausgesetzte Bewilligung ist das ebenfalls strafbar. Eine Erlaubnis erhalte nur, wer über die dafür geforderte Ausbildung verfüge und wissenschaftliche Notwendigkeit geltend machen könne.

Bambino kümmert es nicht. Er weiss nichts von Ämtern und Behörden. Oder davon, dass seine Ziehmutter sich mit ihrer Fürsorge in Konflikt mit dem Gesetz bringen könnte. Seine natürliche Scheu vor Menschen hat er behalten. Nur an eine Adresse getraut er sich. Dort erhält er im Schutz der Dunkelheit manchmal noch eine Banane oder einen Apfel. Und springt dann wieder fort. Auf der Suche nach Futter zieht er durch die Wälder der Region. Doch Gefahren lauern überall: Neben Strassen und natürlichen Feinden zählen dazu auch die Jäger. Die Jagdsaison dauert noch bis Mitte Dezember. Das Halsband mit dem Sender will Meier ihm bald ablegen. Dann ist Bambino noch ein Stück wilder.

*Name der Redaktion bekannt