«Ich bin selbstbewusst, arbeite gern und bin sehr selten krank.» So beantwortet Tolga die Frage, warum gerade er angestellt werden soll. Ihm gegenüber sitzt Urs Schmid, Projektleiter Berufsbildung des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbandes. Der Neuntklässler und der Ausbildner führen im Schulhaus Kollegium in der Stadt Solothurn ein Bewerbungsgespräch für eine fiktive Lehrstelle als Logistiker. Abgesehen vom Ausbildungsplatz ist alles real. Tolga und seine Kolleginnen und Kollegen der Sek E und B brauchen im nächsten Sommer eine Lehrstelle. Deshalb üben sie das Vorstellungsgespräch mit erfahrenen Personalverantwortlichen. Das Projekt «Rent a Boss» macht das möglich.

Tolgas Antwort kommt gut an, bei Urs Schmid ebenso wie beim Fachlehrer Berufswahl, Marc Henzi, der die Bewerbungswerkstatt mit seiner Kollegin Katrin Kehl organisiert hat. Auch das Erscheinungsbild des Neuntklässlers mit Norwegerpulli, schwarzen Hosen und sauberen weissen Turnschuhen beurteilt Urs Schmid als vorteilhaft. Dennoch hätte er den Jugendlichen nicht angestellt, aus zwei Gründen: mangelnde Pünktlichkeit im Unterricht und ein Flüchtigkeitsfehler im Bewerbungsdossier, das dieses als ursprüngliche Bewerbung für ein anderes Stellenprofil entlarvt. «Bei der Pünktlichkeit lasse ich keine Ausreden gelten», redet der Ausbildner Klartext. Durch Fragen zum Hobby «Fussball» zeigt er dem Schüler auf, dass dieser als Verteidiger seinen Job sehr wohl zuverlässig machen und pünktlich auf dem Platz stehen kann.

Schulkameraden geben Feedback

Die Klassenkameraden sind während der zwei Gespräche an diesem Morgen nicht untätig. Sie beurteilen Auftreten, Gespräch und Hintergrundwissen ihrer Kollegen anhand eines Fragebogens. Die Rückmeldungen sind differenziert und ehrlich. Trotz des zweistündigen Unterrichts ohne Pause ist die Konzentration hoch.

Nach Urs Schmid ist Werner Schneider am Zug. Er ist Personalverantwortlicher bei der Aeschlimann AG in Lüsslingen. Das Vorstellungsgespräch führt er mit Khine Lin. Sie bewirbt sich für eine kaufmännische Ausbildung. Die junge Frau punktet mit fundiertem Hintergrundwissen zu ihrem Berufswunsch und ebenfalls mit dem Hobby: Karate. «Ich bin schüchtern», nennt sie als persönliche Schwäche, worauf ihr Werner Schneider erklärt, davon habe er nichts gemerkt. Mit diesem Dossier und nach diesem Gespräch hätte er sie sofort zum Schnuppern eingeladen.

Handwerk statt Büro

«Mir war wichtig, dass wir eines der beiden Gespräche zur kaufmännischen Lehre führen», erklärt Urs Schmid anschliessend den beiden Klassen. «Denn dazu gibt es viele falsche Vorstellungen. Nach der Lehre finden längst nicht alle eine Stelle. Der Markt kann die vielen Kaufleute, die jedes Jahr aus der Lehre kommen, nicht alle absorbieren.» Er fährt fort: «Mit den Handwerksberufen und mit den technischen Berufen ist das anders. Tüchtige Leute können sich da aussuchen, bei wem sie arbeiten wollen.» Zudem sei es einfacher, vom technischen Beruf aufs Büro umzuschulen als umgekehrt. Das ist Werner Schneider aus der Seele gesprochen. Der Vertreter des Décolletages-Betriebs mit 180 Angestellten erzählt, dass er den fünf Lehrabgängern in den Techniksparten dieses Jahr eine Stelle im Betrieb angeboten habe. «Mit den KV-Abgängern ist das anders. Diese Stellen sind bei uns schon besetzt.»

Hoffen auf Fortsetzung

Nach dem Abschluss der Doppellektion äussert sich Katrin Kehl, Fachlehrkraft Berufswahl, sehr zufrieden. «Wir möchten den Schülern ganz viele echte Situationen bieten. Hinzu kommt, dass Lob und Kritik vom Fachmann einen anderen Stellenwert hat als von uns Lehrern und Lehrerinnen.» Sie hat bereits zum zweiten Mal von «Rent a Boss» profitiert und hofft, dass es ein fester Bestandteil der schulischen Berufswahl wird.