Studie
Mit knappem Angebot punkten: Altersbetreuung im Kanton bekommt gute Noten

Solothurner Pflegeheime und die Spitex kommen im interkantonalen Vergleich mit wenig Ressourcen aus. Dies zeigt eine Studie der liberalen «Denkfabrik» Avenir Suisse.

Elisabeth Seifert
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Seniorinnen und Senioren bleiben heutzutage lange jung. Im hohen Alter brauchen sie dann oft auf eine differenzierte, bedarfsgerechte Pflege.

Seniorinnen und Senioren bleiben heutzutage lange jung. Im hohen Alter brauchen sie dann oft auf eine differenzierte, bedarfsgerechte Pflege.

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Die Lebenswartung steigt und steigt, dank dem Wohlstand und den Bemühungen um einen gesunden Lebensstil. Immer länger können wir das Leben zudem in Topform geniessen. Irgendwann macht sich das Alter dann aber halt doch bemerkbar. Die Pflege und Betreuung von betagten Männern und Frauen ist seit Jahren ein wachsender Wirtschaftszweig, der die öffentliche Hand ganz schön fordert. Betroffen sind vor allem Kantone und Gemeinden, die bei der Organisation und der Finanzierung der Pflegeheime und der Spitex eine zentrale Rolle spielen.

In einem umfassenden Vergleich nimmt eine soeben publizierte Studie des Schweizer Think-Tanks Avenir Suisse die Strukturen der Alterspflege in allen 26 Kantonen unter die Lupe. «Die Kantone sollen im Sinn des föderalistischen Systemwettbewerbs voneinander lernen können», formuliert Autor Jérôme Cosandey das Ziel des Vergleichs. Damit will er – entsprechend dem Titel der Studie – «Neue Massstäbe in der Alterspflege» setzen.

Solothurn macht es schon jetzt gar nicht so schlecht. Im Gegenteil: Im Gesamtranking kommt der Kanton auf dem siebten Platz zu liegen. Die Spitzenposition belegt Appenzell Innerrhoden, Schlusslicht ist Fribourg.

Nicht nur wenige Heimbetten

Auffallend ist für Jérôme Cosandey, dass Solothurn über eine verhältnismässig geringe Anzahl an Alters- und Pflegeheimbetten verfügt. Im Jahr 2014 – dem Erhebungsjahr der Studie – waren es 198 Betten pro 1000 Einwohner, die 80 Jahre und älter sind. Noch weniger Betten gibt es nur in den Westschweizer Kantonen Genf, Waadt und Jura sowie im Deutschschweizer Nachbarkanton Baselland.

Besonders bemerkenswert ist, dass Solothurn gleichzeitig auch zu jenen Kantonen zählt, die eine geringe Dichte an Mitarbeitenden im Spitexbereich aufweisen. Dies vor allem im Unterschied zu den genannten Westschweizer Kantonen, die schweizweit über die meisten Spitexmitarbeitenden pro Einwohner verfügen. Ein bewusst begrenztes stationäres Angebot steht hier umso umfangreicheren ambulanten Dienstleistungen gegenüber. Auch die Baselländer haben mehr Spitexmitarbeitende pro Einwohner als Solothurn.

Die kantonale Pflegeheimplanung peilt bis 2020 eine weitere Senkung der Bettendichte an, gemessen an der hochbetagten Bevölkerung. Jérôme Cosandey erkennt derzeit dennoch keine Anzeichen für eine Unterversorgung. «Solothurn zeigt, dass mit wenigen Betten und im Vergleich wenigen Spitexmitarbeitenden eine hinreichende Versorgung möglich ist.» Ein Indiz dafür sieht Cosandey in der Unterbelegung der Alters- und Pflegeheime. Zudem sind in den Heimen relativ viele Betagte untergebracht, die wenig Pflege benötigen. Es ist also für alle Pflegekategorien noch genügend Platz vorhanden.

Eine Erklärung für dieses Faktum fällt auch dem Wissenschafter von Avenir Suisse nicht leicht. Möglicherweise, so seine Vermutung, übernehmen Angehörige einen gewichtigen Teil der Alterspflege. Zudem gebe es in Solothurn vielleicht bereits vermehrt «intermediäre Pflegeangebote» wie etwa das «Wohnen mit Dienstleistungen».

Solche alternativen Betreuungsformen werden in der Studie nicht mitberücksichtigt. Sie tragen aber, so Cosandey, wesentlich zu einer bedarfsgerechten und damit letztlich auch möglichst kostengünstigen Alterspflege bei. «Ambulant mit stationär», lautet denn auch sein Motto. Unter Berücksichtigung des Einzelfalls kann ab einem täglichen Pflegeaufwand von
60 Minuten die Versorgung in einem Heim effizienter sein als die Spitexpflege. Umgekehrt aber mache es wenig Sinn, wenn Betagte, die weniger Pflege brauchen, dennoch in einem Heim betreut werden. In Solothurn trifft dies auf 27 Prozent der Heimbewohner zu. Dass diese nicht zu den Spitexkunden zählen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Spitexleistungen noch zu wenig ausgebaut sind. Möglicherweise fehle es aber auch einfach an der Information.

Keine Angaben zur Qualität

Für eine Beurteilung der Versorgung müsste auch die Qualität der ambulanten und stationären Dienstleistungen einbezogen werden, betont Jérôme Cosandey. Die meisten Kantone führen entsprechende Qualitätsmessungen durch, niemand aber will – mit dem Hinweis auf die schwierige Interpretation dieser Messkriterien – die Ergebnisse publizieren.
Kein Geheimnis machen Kantone und Gemeinden indes aus den Kosten der ambulanten und stationären Pflege. Mit 6165 Franken pro Einwohner im Alter von 65 Jahren und älter liegt Solothurn schweizweit an fünfter Stelle.

Günstiger sind die Kantone Aargau, Nidwalden, Wallis und Appenzell Innerrhoden. Cosandey: «Die tiefen Kosten sind ein Spiegelbild des eher knappen Angebots.» Zudem seien im stationären Bereich die Lohn- und Sachkosten um rund acht Prozent tiefer als im Schweizer Durchschnitt. Auf den stationären Bereich entfallen rund 80 Prozent der Gesamtkosten. Im ambulanten Bereich entsprechen die Solothurner Löhne dem Schweizer Durchschnitt.

«Wer zahlt, befiehlt»

Neben der Organisation und den Kosten der Alterspflege analysiert die Studie auch die Art der Finanzierung. Die Staatsebene, die Leistungen bestellt, soll auch dafür zahlen. Wer zum Portemonnaie greifen muss, der wird darauf achten, dass er keine unnötig teuren Vorgaben macht. Sonst ist der Grundsatz «wer zahlt, befiehlt» verletzt.

In diesem Bereich sieht der Wissenschafter Verbesserungspotenzial. Während eine Reihe von Kantonen die Definition und die Abgeltung der Leistungen im stationären und ambulanten Bereich entweder dem Kanton oder den Gemeinden zugeordnet haben, existiert im Kanton Solothurn eine Mischform, namentlich in der Heimpflege. «Die Gemeinden sagen, welche Leistungen sie wollen, der Kanton legt die Tarife fest und in die Bezahlung sind beide eingebunden», kritisiert Cosandey.

Pionierarbeit indes leisten diverse Gemeinden im Schwarzbubenland mit der öffentlichen Ausschreibung des Versorgungsauftrags für Spitexleistungen (wir berichteten). Zu diesem Zweck definieren die betreffenden Gemeinden den gewünschten Leistungskatalog. Und indem sie den Versorgungsauftrag ausschreiben, zahlen sie nicht mehr als den marktüblichen Preis.

«Es braucht mehr Spitexleistungen»

Dass der Kanton Solothurn sowohl über eine relativ geringe Anzahl Pflegeheimbetten als auch über vergleichsweise wenige Spitexmitarbeitende verfügt, ist für die Präsidentin des kantonalen Spitexverbands nicht nur eine gute Nachricht. Vor allem im Bereich von Spezialleistungen müssten etliche Spitexorganisationen ihr Angebot erweitern, findet Sigrun Kuhn. Darunter fallen etwa Dienste im Bereich der Psychiatrie, der Onkologie oder der Palliativ-Medizin. Zudem fehle es an vielen Orten an einer Abend- oder Nachtbetreuung. «Eine Verringerung der Plätze in den Heimen bedingt einer Erweiterung der Spitexleistungen», ist Sigrun Kuhn überzeugt. Damit könnten dann auch mehr betagte Männer und Frauen nach einem Spitalaufenthalt (schneller) nach Hause zurückkehren. Ganz generell fordert die Spitexpräsidentin, dass die kantonalen und kommunalen Strategen noch besser die künftigen Entwicklungen und die Bedürfnisse der Seniorinnen und Senioren in ihre Überlegungen einbeziehen. Zu einer lückenlosen Versorgung gehöre neben der Spitex- und der Heimpflege eine ganze Reihe von «intermediären Angeboten» wie das Wohnen mit Dienstleistungen, Tagesstätten oder die Möglichkeit von Kurzaufenthalten in einem Heim.
Ähnlich wie die Avenir-Suisse-Studie erachten es Sigrun Kuhn und auch Thomas Blum vom Einwohnergemeindeverband für nötig, dass die Gemeinden als Besteller von Spitexleistungen die von ihnen gewünschten Angebote definieren. Zudem müssen für die Angebote marktübliche Preise festgesetzt werden – egal, ob die Gemeinden einen Leistungsauftrag öffentlich ausschreiben oder nicht. Im Sinn einer Dienstleistung für die Gemeinden erarbeitet der Gemeindeverband derzeit gemeinsam mit Vertretern der Spitex einen Rahmen-Leistungsvertrag. «Wir erhoffen uns davon eine höher Transparenz und eine bessere Vergleichbarkeit der Spitexorganisationen», sagt Thomas Blum, Geschäftsführer des Gemeindeverbands. (esf)