Erste Familien aus allen Teilen des Kantons beherbergen seit etlichen Wochen asylsuchende Männer und Frauen, darunter alleinstehende Personen oder auch ganze Familien. Während rund einem Jahr werden sie den Schweizer Alltag kennenlernen.

Die kantonalen Behörden arbeiten eng mit der Schweizerischen Flüchtlingshilfe zusammen, die das Projekt «Gastfamilie» vor rund drei Jahren schweizweit ins Leben gerufen hat. «Wenn die Leute schon einmal da sind, sollen sie optimal integriert werden», sagt Stefan Frey im Gespräch mit dieser Zeitung.

Der Oltner ist Mediensprecher der Flüchtlingshilfe und wesentlich am Projekt beteiligt. Die Flüchtlingshilfe verantwortet jeweils die Auswahl der Familien, während der Kanton die Asylsuchenden bestimmt. 

In Solothurn hat die Flüchtlingshilfe im Rahmen eines Pilotprojekts den Auftrag Gespräche mit insgesamt 20 Familien zu führen. Schweizweit arbeitet die Organisation mit den Kantonen Waadt, Genf, Bern und Aargau zusammen.

Gegen 100 Familien haben bereits Asylsuchende aufgenommen. Mittlerweile haben weitere Kantone unabhängig von der Flüchtlingshilfe ebenfalls ein Gastfamilienprojekt lanciert, darunter Baselstadt und Zürich.

Wo stehen Sie mit dem Projekt im Kanton Solothurn?

Stefan Frey: Wir haben bis jetzt von der Flüchtlingshilfe aus mit zehn potenziellen Gastfamilien Abklärungsgespräche geführt. Bei rund der Hälfte dieser Familien wohnen bereits Asylsuchende oder sie sind im Begriff jemanden aufzunehmen. Die Asylsuchenden, darunter Einzelpersonen oder auch Familien, sind bei Gastfamilien im Raum Olten, im Schwarzbubenland und im Bucheggberg untergebracht.

...nur die Hälfte der interessierten Familien kommt dann wirklich als Gastfamilie infrage?

Bevor wir Asylsuchende mit einer Familie zusammenbringen, treffen wir umfassende Abklärungen vor Ort. Dabei geht es auch darum, herauszufinden, ob sich die Gastfamilie bewusst ist, was es heisst, Menschen aus einer völlig anderen Kultur über mehrere Monate oder auch über ein Jahr bei sich im Haus zu haben. Erst wenn wir sicher sind, dass wir einen geeigneten Platz gefunden haben, arrangieren wir ein Treffen mit einem Asylsuchenden, der uns vom Kanton zugeteilt wird.

Was muss gegeben sein, damit es klappt?

Die räumlichen Verhältnisse müssen eine gewisse Privatsphäre ermöglichen. Das heisst: Es braucht im Minimum ein abschliessbares Zimmer. Im Idealfall gibt es ein eigenes Bad oder ein separates WC. Die Familien müssen zudem bereit sein, die Asylsuchenden im Alltag zu begleiten. Pro Tag bedeutet das einen Aufwand von einer oder auch zwei Stunden. Dabei geht es um Unterstützung beim praktischen Leben im Haushalt, aber auch ganz allgemein um die Förderung der sozialen Integration.

Geld lässt sich mit der Aufnahmen von Flüchtlingen nicht erzielen?

Die Gastfamilien werden einzig für den zur Verfügung gestellten Raum entschädigt. Das ist sicher auch ein Selektionskriterium. Obwohl dies keine Bedingung darstellt, sind die meisten Gastfamilien, mit denen wir in den Kantonen zusammenarbeiten, Eigentümer. Um den nötigen Freiraum für das Engagement zu haben, braucht es eine gewisse Selbstständigkeit, wirtschaftlich und auch im Denken.

Das Gelingen hängt aber nicht nur von den Gastfamilien, sondern auch von den Asylsuchenden ab?

Die betreffenden Personen müssen wirklich mitmachen wollen. Es ist anspruchsvoller in einer Familie zu leben, als in den gängigen Asylstrukturen. Die Asylsuchenden müssen sich öffnen können. Das ist gerade am Anfang oft nicht einfach und erfordert auch von der Gastfamilie Geduld. Bevor jemand definitiv bei der Gastfamilie einzieht, kommt es zu einem Gespräch am Küchentisch. Mit dabei sind auch ein Übersetzer und ein Sozialarbeiter.

Kommt es vor, dass es nicht harmoniert zwischen Gastfamilie und Asylsuchenden?

Aufgrund der umfassenden Abklärungen funktioniert der Kontakt meist sofort. In einzelnen Fällen braucht es noch ein zweites Gespräch. Ganz selten kommt es vor, dass die Übung irgendwann abgebrochen werden muss. Wir von der Flüchtlingshilfe haben Erfahrung mit 70 bis 100 Familien, die derzeit einen Gast bei sich haben oder wo das Projekt bereits abgeschlossen worden ist. Bei einem halben Dutzend dieser Familien hat das Zusammenleben nicht geklappt. Aber auch in diesen Fällen kam es nicht zu Konflikten. Verantwortlich waren gesundheitliche Probleme oder auch Frustrationen. Zum Beispiel, weil die Gastfamilie zu hohe Erwartungen hatte. Es muss möglich sein, dass es manchmal nicht klappt.

Bei den Gastfamilien wohnen vor allem Asylsuchende und nicht Vorläufig Aufgenommene oder Flüchtlinge. Weshalb?

Wir möchten die Leute möglichst schnell, sobald sie in der Schweiz sind, in Richtung Integration führen. Dadurch nämlich ist die Chance am grössten, dass sie möglicherweise gar nie von der Gemeinde-Sozialhilfe leben müssen. Wir stellen fest, dass gerade Menschen, die noch nicht lange hier sind, eine sehr hohe Motivation haben, sich zu integrieren. Für das Leben in einer Gastfamilie kommen aber nur Asylsuchende infrage, bei denen eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besteht, in der Schweiz aufgenommen zu werden.

Für die Gastfamilien ist die Begleitung von Asylsuchenden ein doch sehr anspruchsvoller Prozess?

Wir wollen, dass die Leute, wenn sie zu einer Familie kommen, über eine minimale Tagesstruktur verfügen. Das heisst: Sie müssen regelmässig Kurse besuchen, vor allem Deutschkurse. Das gibt einen Rhythmus im Tagesablauf und hilft zudem bei der Kommunikation. Falls nötig, stellen wir am Anfang interkulturelle Kommunikatoren zur Verfügung. Dadurch sind die Familien und auch die Asylsuchenden nicht alleine.

Sie wollen die soziale Integration fördern. Funktioniert das wirklich?

Mit dem System der Gastfamilien soll die Integration vereinfacht und beschleunigt werden. Und zudem wollen wir auch zu einer menschlicheren Diskussion beitragen. Jede Familie verfügt über ein Netzwerk, in das auch ihr asylsuchenden Gäste eingebunden werden. Das führt dazu, dass man sich gegenseitig besser verstehen lernt. Und das wiederum erhöht die Chance der Integration, ganz ohne Direktiven oder politisches Programm. Wir stellen immer wieder fest, dass Familien ihre Fühler ausstrecken und bei ihnen bekannten Gewerbebetrieben Schnuppertage oder auch Schnupperwochen für ihre Gäste organisieren. Mit behördlichen Massnahmen lässt sich so etwas gar nicht organisieren.

Was machen die Asylsuchenden, wenn sie die Gastfamilien nach einem Jahr verlassen?

Die Asylsuchende bekommen, während ihrer Zeit bei der Gastfamilie meist den Aufnahmeentscheid. Damit wird dann die formelle Integrationsphase eingeleitet. Das heisst: Sie können sich für einen Job oder auch eine Wohnung bewerben. Nach ihrer Zeit in der Gastfamilie kehren sie meistens in die Asylstrukturen zurück. Wir stellen aber fest, dass sie besser gerüstet sind für die Jobsuche oder den Beginn einer Ausbildung. Und weil sie Referenzen angeben können, fällt es ihnen auch leichter, eine Wohnung zu finden.

Wie hoch schätzen Sie schweizweit das Potenzial für Gastfamilien?

Wir gehen in der Schweiz längerfristig von mehreren Hundert Familien aus. Dadurch werden entsprechend viele Asylsuchende gut für die Integration gerüstet. Und es besteht die Chance, dass sie weniger lang oder überhaupt nicht von der Gemeinde-Sozialhilfe leben müssen.

Die Integration in die Arbeitswelt dürfte sich aber trotzdem als sehr schwierig erweisen. Was ist zu tun?

Hier funktioniert noch vieles nicht. Der Bund ist jetzt immerhin daran, die Hürden für vorläufig Aufgenommenen abzubauen. Aber auch Asylsuchenden müsste man viel schneller ermöglichen, niederschwellige, bezahlte Arbeit machen können. Gefragt sind Vereinbarungen zwischen den Sozialpartnern. Eine Herausforderung besteht darin, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Minimallöhne oft nicht der Leistungsfähigkeit der Asylsuchenden entsprechen. Gerade in der Gastronomie, der Landwirtschaft und der verarbeitenden Industrie braucht es eine höhere Flexibilität. Asylsuchend dürfen aber auch nicht ausgenützt werden.

Investieren Bund und Kantone zu wenig in die Integration?

Es braucht ein Investitionsprogramm Integration. Wir müssen über Investitionen reden und nicht über Sozialgelder. Heute zahlt der Bund einen einmaligen Integrationsbeitrag von 6000 Franken pro Person. Wenn er zum Beispiel 25'000 Franken investieren würde, dann steigt die Chance, dass gerade junge Leute schneller von der Gemeinde-Sozialhilfe unabhängig werden. Der Betrag von 25'000 Franken entspricht je nach Kanton dem Sozialhilfegeld, das ein erwachsener Sozialhilfeempfänger, also auch ein Flüchtling pro Jahr von der Sozialhilfe erhält.

Wie beurteilen Sie die Solothurner Integrationsarbeit?

Der Kanton Solothurn hat das Gastfamilien-Projekt sehr sorgfältig geplant und umgesetzt. Es ist Teil einer Gesamtstrategie, welche umfassend die einzelne Person, Flüchtling, vorläufig Aufgenommene, Asylbewerber, im Blick hat, um deren soziale, berufliche und kulturelle Integration zu beschleunigen. Dabei spielt auch die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle. Ich halte das Solothurner Konzept für modellhaft im heutigen schweizerischen Asylsystem.