Im Januar musste Theodor Lips zum Hausarzt. Er habe sich unpässlich gefühlt, erzählt der 92-Jährige. Was der Arzt ihm dann sagte, traf ihn wie ein «Schlag ins Gesicht»: Lips musste notfallmässig ins Spital. Er hatte eine Herzschwäche. Über zwei Wochen blieb er im Spital, ehe er wieder zurück in seine Alterswohnung in Olten konnte. Mit einer Herzschwäche habe er nicht gerechnet. «Im Alter wird die Wahrnehmung einfach anders», sagt Lips. Dass sich Herzfrequenz und Puls verändert haben, hat er nicht gemerkt.

Genau das haben aber die Sensoren registriert, die sich in Lips Wohnung befinden. An der Türe, am Kühlschrank, unterm Bett, an den Wänden. Einen zusätzlichen trug Lips am Oberarm. So hat er sich letztes Jahr laufend überwachen lassen. Die Sensoren registrierten, wie sich Lips bewegte, wie er schlief, wie oft er den Kühlschrank öffnete, und wie oft er das Bad benutzte. Und eben auch, dass sich ein Problem mit dem Herz anbahnte. Hätte er selbst das auch gewusst, so Lips, so hätte er früher reagieren können, vielleicht nicht ins Spital gemusst.

Theodor Lips erzählt, wie ihn das System «Strong-Age» zum Arzt verwies

Theodor Lips erzählt, wie das System seine Herzschwäche schon Monate vor dem Notfall erkannte.

Dieser Gedanke steckt hinter der Studie, für welche sich Lips ein Jahr lang von Sensoren auf Schritt und Tritt überwachen liessen. Im Rahmen der sogenannten «Strong-Age»-Studie wurden das vergangene Jahr über Daten von 25 über 70-Jährigen in Olten und Starrkirch gesammelt. Mit dem Ziel, Muster hinter Notfällen und Gesundheitsproblemen zu erkennen – und am Schluss die Grundlage für ein System zu schaffen, dass bei Notfällen einerseits Alarm schlägt – Probleme aber auch schon erkennt, bevor es zum Notfall kommt.

«Hauptproblem» der Schweiz

Der Mann, der die Studie leitet, ist ebenfalls Oltner. Hugo Saner war einst Kardiologie-Verantwortlicher im Kantonsspital und Arzt mit Praxis in Olten, sowie Leitender Arzt am Inselspital Bern. Er hat unter anderem die ambulante Herz-Rehabilitation in Europa etabliert, und gründete die Oltner Herzgruppe, mit welcher er über 20 Jahre hinweg wandern ging. Saner sagt von sich selbst, in seinem Leben habe er über 25 000 Patienten gesehen, Tage und Nächte in Spitälern dieses Kantons verbracht.

Das Herz war sein Spezialgebiet. Heute widmet er seine Zeit den Senioren. Im Auftrag Universität Bern führt der 70-Jährige die «Strong-Age»-Studie durch. Saner fand innert fünf Tagen 25 Senioren, die bereit waren mitzumachen. Über den Direktor des Berufsbildungszentrums Olten konnte er zudem die Leitung der höheren Fachschule Pflege und somit mehrere Klassen mit Studenten gewinnen. Diese besuchten die Senioren regelmässig und stellten Fragen zu ihrem Befinden, um die Daten zu verfeinern.

Das Projekt kostete 1.2 Millionen Franken, bezahlt von der Uni Bern, der Kommission für Technologie und Innovation des Bundes und der Startup-Firma an der EPFL (ETH) Lausanne, welche das System entwickelt hat. Die Kosten sei das Projekt allemal wert, sagt Saner. «Wir haben super Daten.» Erste Muster für das geplante System konnten erkannt werden: Temperaturanstiege und häufigere Toilettengänge deuten auf Harninfekte hin, unruhige Bewegungen und unnötiges Kühlschranköffnen auf Altersdemenz, weniger Bewegung, zunehmend Isolation zu Hause auf Depression und somit eher Sturzgefahr. Solche Muster soll das geplante System herausfiltern und Meldung erstatten. Die Daten sind grundsätzlich verschlüsselt, das System soll erst reagieren, wenn ein Muster vorliegt. Senioren sollen dann zum Hausarzt gehen oder mit gezieltem Training anfangen – bevor es zum Spital- oder gar Heimaufenthalt kommt.

Solch ein System wäre weltweit einzigartig. Systeme, die Alarm schlagen, wenn jemand stürzt, oder tagelang nicht die Wohnung verlässt, gibt es bereits. Das genügt Saner aber nicht. Senioren sollen ohne diese Notfälle länger zu Hause leben können. «Wir haben zu wenig Pflegepersonal, zu wenig Ärzte, zu wenig Geld für die steigenden Gesundheitskosten – und der Teil der über 70-Jährigen wird immer grösser. Das ist das grösste Problem der Schweiz», so Saner. Die Studie sei ein wichtiger Teil der Lösung dafür . «Nicht Klimawandel, nicht Migration – dieses Thema wird die Schweiz in den nächsten Jahren am meisten beschäftigen müssen.»

«Es ist wichtig, dass wir im Gesundheitsbereich vorwärts kommen», sagt auch Theodor Lips. «Wissen Sie», erklärt er seine Bereitschaft, ein Jahr lang von Sensoren überwacht zu werden, «wenn früher nie jemand versucht hätte zu fliegen, würde uns das heute fehlen.» Wenn die Senioren jetzt etwas an die Studie gäben, würden sie dafür später etwas zurückerhalten.

In drei Jahren genug Daten

Laut Saner soll mit der Studie ein System entstehen, das Senioren – ähnlich einem Handy-Abo – buchen können. Die Senioren können angeben, in welchem Fall sie alarmiert werden wollen und wer informiert werden soll. Als Notfallnummern könnten entweder Nachbaren oder die Spitex angegeben werden. Auch wäre denkbar, dass Hausärzte nach Wunsch in die Daten einsehen können. Und dann etwa bei Schlafproblemen genaue Daten haben – und nicht irgendein Medikament verschreiben.

«Das System soll den Menschen nicht ersetzen», stellt Saner klar. Auch Altersheime brauche es nach wie vor. Heimeintritte könnten so aber verzögert werden, Unfälle verhindert. «Das führt zu grosser Entlastung – für Senioren, die sich sicherer fühlen, und Angehörige, die so nicht mehr im Dauerstress sind.» Ob sie überwacht werden wollen, entscheiden die Senioren selbst – auch, ob in Notfällen überhaupt jemand kontaktiert werden soll. «Autonomie», sagt der 70-Jährige, «ist ein grosses Gut.» Mit der Studie wolle er diese fördern. «Man könnte auch sagen, dass ich egoistisch handle – weil ich das System selbst einmal gebrauchen könnte.»

Bis es soweit ist, braucht es aber noch mehr Daten. Das Projekt wird derzeit auf 250 Menschen ausgeweitet. Halbjährlich soll so die Datenbank aktualisiert, sollen Muster verfeinert werden, damit wirklich nur im Notfall Alarm geschlagen wird. «100 prozentige Sicherheit hat man nie», räumt Saner ein. «Aber im schlimmsten Fall erhält man dann halt einen Anruf zu viel.»

Das Ziel des Oltners ist es, das System in 3 Jahren perfektioniert zu haben. Die Teilnahme am Projekt ist im zweiten Schritt nicht mehr gratis. Die Installation der Sensoren kostet 1200 Franken. 120 Franken monatlich kosten Besuche und Befragungen zum Analysieren der Daten – diese sind aber freiwillig wählbar. Er denke, einerseits würden Senioren das buchen, die sich sicherer fühlen wollen. Andererseits appelliere er auch an den Pioniergeist, bei etwas einmaligem dabei zu sein.

Ob er das System kaufe, kann Senior Lips nicht sagen. Er wohnt in einer Seniorenresidenz, da er aufgrund von Rückenproblemen Stützstrümpfe braucht, die er nicht selbst anziehen kann. Aber auch er sagt, wenn die Gesundheit es zugelassen hätte, wäre er am liebsten zu Hause wohnen geblieben. «In den eigenen vier Wänden ist es einem einfach am wohlsten.»