Solothurn und Olten
Mit diesen Angeboten will man Findelkinder retten – und Frauen in Not schützen

Fälle von ausgesetzten Babys – wie jüngst in Därstetten – soll es im Kanton nicht geben. In Olten gibt es zum Verhindern von Findelkindern ein Babyfenster; zwei Spitäler kennen zudem die «vertrauliche Geburt», welche nebst dem Kind auch die Mutter schützen soll.

Noëlle Karpf
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Das Babyfenster in Olten: Hier wird das Baby hineingelegt. Im Umschlag befinden sich Informationen für die Mutter

Das Babyfenster in Olten: Hier wird das Baby hineingelegt. Im Umschlag befinden sich Informationen für die Mutter

Noëlle Karpf

Fast täglich kommt Christine Kaufmann auf ihrem Arbeitsweg am Babyfenster beim Kantonsspital Olten vorbei. Oft fragt sie sich: «Wie würde ich reagieren, wenn ich eine Frau sehen würde, die ihr Kind ins Fenster legt?» Im Babyfenster können Mütter ihr Neugeborenes in die Obhut des Spitals übergeben, wenn sie sich selbst nicht darum kümmern können.

Kaufmann ist die leitende Hebamme am Kantonsspital Olten. Einerseits würde sie die Entscheidung der Mutter respektieren wollen: Dass Mütter in Not anonym bleiben können, ist ein Markenzeichen des Babyfensters. Die Frau bestimmt, ob sie ihr Kind hineinlegt und ob sie jemanden darüber informiert.

Gleichzeitig würde Kaufmann – aus medizinischer Sicht – auf die Mutter zugehen wollen, fragen, ob sie eine Untersuchung oder Unterstützung wünscht. Aber ansprechen geht nicht. Die Mutter muss anonym bleiben, ihren Entscheid durchziehen können – ohne hinterfragt zu werden. Dafür ist das Angebot Babyfenster da. Auch wenn das heisst, dass niemand weiss, unter welchen Umständen eine Frau gebärt – und wie es ihr danach geht. «Das geht oft vergessen. Viele denken einfach: ‹Das ist eine schlechte Mutter, die ihr Kind abgibt›», sagt Kaufmann. Sie aber denke oft daran, wie es der Frau wohl gehe und ob sich jemand um sie kümmere.

Vier Babys wurden abgegeben – und sogleich versorgt

2013 wurde das Babyfenster in Olten eingeführt. Es wurde auf Gesuch der «Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind» (SHMK) hin errichtet, welche schweizweit acht Babyfenster betreibt. Das Fenster in Olten liegt in der Nähe des Bahnhofs; die Stadt zudem an zwei Hauptverkehrsachsen.

Christine Kaufmann «Frauen, die sich zu diesem Schritt entschliessen, sind in grosser Not», sagt die leitende Hebamme vom Kantonsspital Olten.

Christine Kaufmann «Frauen, die sich zu diesem Schritt entschliessen, sind in grosser Not», sagt die leitende Hebamme vom Kantonsspital Olten.

zvg Solothurner Spitäler AG

Hinter dem Fenster befindet sich ein kleines Bettchen, in welches das Baby gelegt wird. Zudem findet die Mutter einen Brief vor, der ihr etwa erklärt, dass sie sich mit der Handlung nicht strafbar macht, dass sie noch ein Jahr Zeit hat, sollte sie das Kind zurückwollen – danach wird es zur Adoption freigegeben. Im Brief finden sich auch Kontakte für psychische oder finanzielle Hilfe sowie Medikamente zum Abstillen. Was die Mutter zum Schritt bewogen hat, wie und wo sie geboren hat, wie ihr gesundheitlicher Zustand ist – und wohin sie als Nächstes geht, weiss vorerst niemand. «Frauen, die sich dazu entschliessen, sind in grosser Not, haben kein stabiles Umfeld; sei dies aus psychischen, physischen, kulturellen oder finanziellen Gründen», sagt Kaufmann. Im Nachhinein aber melden sich laut Statistik von SHMK doch rund 50 Prozent der Mütter von selbst, um sich nach dem Kind zu erkundigen und ihm auch die Identität der leiblichen Eltern bekanntzugeben.

Keine ausgesetzten Kleinkinder seit 1998

In Därstetten wurde Anfang Januar ein neugeborenes Mädchen ausgesetzt. Der Fall schlug hohe Wellen. Im Kanton Solothurn sind in den letzten Jahren keine Fälle bekannt, bei denen «Neugeborene oder Kleinkinder vorsätzlich ausgesetzt wurden», so Kantonspolizei-Mediensprecher Andreas Mock.

Laut der Website «babyfenster.ch» geschah dies zum letzten Mall 1998. Auf einem Parkplatz in Olten fand eine Frau ein Baby in einem Plastiksack und brachte es ins Spital. Das Mädchen überlebte. 2011 wurde ein totes Neugeborenes in Bellach aufgefunden. Das tote Kind stammte aus dem Kanton Bern, wurde an der Emme geboren und in den Kanton geschwemmt. Zusammen mit einer Ladung Schwemmholz landete der Leichnam in Bellach auf der Kompostieranlage, wo er gefunden worden ist.

In der Schweiz gibt es acht Babyfenster. Das Angebot «vertrauliche Geburt» kennen 18 Spitäler in 18 Kantonen, hat kürzlich eine Umfrage von sexuelle Gesundheit Schweiz ergeben.

Klar ist dafür: Wird ein Kind ins Fenster gelegt, geht ein Alarm los und wenige Minuten später wird es in den Arm genommen. «Von da an wird es rund um die Uhr betreut.» Es wird medizinisch versorgt, wenn ihm etwas fehlt, gewaschen, gebadet, gekleidet, gefüttert. «Das ist ein sehr emotionaler Moment für alle Mitarbeitenden.» Fünf Tage lang bleibt ein Babyfenster-Kind im Spital, dann sind die Behörden zuständig. Das Kind gelangt zuerst in eine Pflegefamilie, wird später zur Adoption freigegeben.

Seit 2013 wurden vier Babys ins Oltner Fenster gelegt. 2014 und 2015 je eines, im Jahr 2017 zwei. Eines der Babys sei in ein Frotteetuch gewickelt gewesen, ein anderes gewaschen und gekleidet, mit Spielzeug und Brief abgegeben worden. Was immer mitgegeben wird, soll das Kind behalten. Auch machen die Zuständigen im Spital ein Fotoalbum von den ersten Tagen des Kindes. «Das Kind weiss nicht, woher es kommt – wir wollen möglichst viel mitgeben.»

Vertrauliche Geburt: Schwelle ist höher

Vier Jahre nach der Inbetriebnahme des Babyfensters wurde am Kantonsspital Olten zudem die «vertrauliche Geburt» eingeführt. Das Angebot gibt es auch im Solothurner Bürgerspital. Im Gegensatz zum Babyfenster, wo die Mutter komplett anonym bleibt, werden hier die Daten der Frau aufgenommen, danach verschlossen und dem zuständigen Zivilstandsamt übergeben. Denn: Ein Kind in der Schweiz hat ein Recht darauf, über seine Abstammung Bescheid zu wissen. Die Daten der Mutter erhält ein Kind aus einer vertraulichen Geburt auf Wunsch, sobald es 18 Jahre alt ist. Für alle anderen beteiligten Personen erhält die Schwangere ein Pseudonym.

Mit diesem zusätzlichen Angebot zum Babyfenster sollen Mütter nicht allein gebären müssen – und eine Geburt trotzdem geheim halten können. Nach der Geburt hat die Frau sechs Wochen Zeit, zu entscheiden, ob sie das Kind zur Adoption freigeben will; und weitere sechs Wochen, um den Entscheid zu widerrufen. Die Frau kann zudem entscheiden, ob die Krankenkasse benachrichtigt werden soll, ob sie die Geburt selbst finanziert oder der zuständige Sozialdienst helfen soll.

Zu einer vertraulichen Geburt kam es bisher weder in Olten noch in Solothurn. Vielleicht ist die Hemmschwelle höher als beim Babyfenster, weil eine Frau nicht komplett anonym bleibt. Eine Interessierte gab es laut Kaufmann, welche sich dann aber doch entschloss, ihr Umfeld einzuweihen. Eine Schwangerschaft zu verheimlichen sei einfach, sagt Kaufmann. Der Bauch wird mit Kleidung überdeckt, Übelkeit mit Unwohlsein abgetan.

So könnten Frauen eine Schwangerschaft sogar vor sich selbst verbergen. Kaufmann, die zuvor im Kanton Bern gearbeitet hat, hat mehrfach gerade junge Frauen erlebt, die mit Bauchschmerzen auf den Notfall kamen – «Stunden später waren sie Mutter».

Mütter und Kinder sollen mit diesen Angeboten geschützt werden; auch wenn diese bisher nur in Einzelfällen genutzt worden sind. «Dass es das Angebot im Kanton braucht zeigen allein die vier Kinder, die gerettet werden konnten», so die leitende Hebamme. Und die Mütter, von denen Kaufmann hofft, dass auch ihnen geholfen wurde – auch wenn sie das nicht weiss.

Notfallnummern:
Die «Hebammen Tag und Nacht» beraten in Olten, 062 311 44 14, und Solothurn, 032 627 44 88.