Behaupte niemand, es herrsche Politikverdrossenheit im Kanton! Nicht weniger als 166 Solothurnerinnen und Solothurner wollen am 20. Oktober nach Bern gewählt werden. Es sind so viele wie noch nie. Auf so vielen Listen – deren 27 – wie noch nie. Das allein ist bemerkenswert und legt, zumindest quantitativ, Zeugnis ab von der verbreiteten Politiklust im Kanton. Oder haben die Parteien aus Zwecken der Wahlwerbung einfach möglichst viele Listen eingereicht, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen und die Wahlchancen für die Spitzenkandidaten zu maximieren?

Schön, wenn die Lust am Politisieren tatsächlich so gross ist, wie es die Zahl der Köpfe und Listen glauben macht. Noch besser, wenn hinter der Politiklust auch Wissen, Willen, Ideen, Überzeugungen – und die Fähigkeit zu Auseinandersetzung und Debatte stehen. Denn zum Politisieren gehört ja nicht in erster Linie das ideologische Rechthaben, sondern vielmehr das Suchen und Finden von mehrheitsfähigen Lösungen. Das ist das qualitative Moment im «Kandidatenangebot». Es ist allerdings schwer messbar. Besonders prickelnd ist die politische Kärrnerarbeit zudem nicht immer, ganz im Gegenteil. Aber es ist die hohe Schule des Parlamentarierdaseins. Und wer es einmal gelernt hat, mag es kaum mehr lassen. Jedenfalls legt die einzige Vakanz im Wahlherbst, jene von SP-Nationalrätin Bea Heim, den Schluss nahe: Wer einmal in Bern ist, will es möglichst lange bleiben. Das gilt übrigens auch für die erwähnte Gesundheitspolitikerin, die es vier Amtsperioden unter der Bundeshauskuppel ausgehalten hat. Gleich lang wie FDP-Nationalrat Kurt Fluri und SVP-Nationalrat Walter Wobmann übrigens, die es im Unterschied zu Heim aber noch einmal wissen wollen. Ebenso wie Stefan Müller-Altermatt, der eine dritte Amtsperiode anpeilt, und Christian Imark (SVP), der eine zweite anstrebt.

Kaum jemand zweifelt daran, dass die beiden Langzeit-Parlamentarier und wohl auch die beiden Letztgenannten mit einem neuerlichen Mandat ausgestattet werden – der Bisherigen-Bonus zählt, in Kombination mit dem Leistungsausweis, viel. Auch wenn es sowohl bei der CVP als auch bei der SVP Namen mit Potenzial hinter den Arrivierten hat.

Trotzdem: Bei wenigen Vakanzen ist es für «Neue» umso schwieriger, den Sprung ins Parlament zu schaffen (oder sich zumindest auf dem ersten Ersatzplatz in Position zu bringen). Die beste Plattform bieten in diesem Wahlherbst die Sozialdemokraten: Mit Franziska Roth, Urs Huber und Peter Gomm stehen drei Hochkaräter bereit, die um die Heim-Nachfolge buhlen (und möglicherweise sogar den Bisherigen Philipp Hadorn ins Schwitzen bringen).

Das täuscht allerdings nicht über viel Kontinuität hinweg. Eine Unwägbarkeit stellt allerdings Breite, Höhe und Wucht der grünen Welle dar. Wie hoch und weit trägt sie Felix Wettstein? Das hängt nicht nur von ihm selbst, sondern auch von der Breitenwirkung der klimapolitischen Bewegung und dem Kreis der Nutzniesser ab.

Dies vor dem Hintergrund, dass ausser der SVP kaum eine Partei nicht Anstalten macht, sich ein Stück von diesem Wählerkuchen sichern zu wollen. Oder, anders ausgedrückt: Dass die Klima-Diskussion ein Wahlthema sein wird, gilt als ausgemacht. Ob jene, die dessen Urheberschaft reklamieren, allerdings jene sein werden, die auch an der Urne profitieren, wird sich weisen müssen. Ebenso, wie sich das breite Wählerschichten ansprechende Thema zur Mobilisierung beiträgt – und wo diese stattfindet.

Und damit zu einem weiteren entscheidenden Punkt dieser Wahl: Noch ausgeprägter als in früheren Jahren dürften nationale und internationale Themen das Wählerverhalten beeinflussen. Das hängt mit der Globalisierung der Politik (und der «Verweltlichung» schweizerischer Themen) zusammen. Das hat aber auch einen Zusammenhang mit der Tatsache, dass es kantonale Themen in eidgenössischen Wahlen schwer haben. Es sind die nationalen Parteien und Themen, die den grösseren Einfluss auf das Ausfüllen des Wahlzettels beziehungsweise die Wahl der Liste haben als die kantonalen Eigenheiten. Das gilt insbesondere für die Nationalratswahlen, die nach dem Proporz funktionieren.

Etwas anders liegt der Fall bei den Ständeratswahlen, die sich am Majorz orientieren – und an den Köpfen, die für ihn stehen. Kein Wunder, schlägt hier der Bisherigen-Bonus noch stärker durch. Das hilft den Solothurner Aushängeschildern Pirmin Bischof (CVP) und Roberto Zanetti (SP) offenkundig. Etwas überspitzt formuliert: Am besten für die beiden Amtsinhaber wäre, wenn es gar keinen Wahlkampf gäbe – sie würden ungefährdet am Ziel ankommen.

Der Ball liegt deshalb bei den Herausforderern. An ihnen ist es, den Leistungsausweis der Amtsinhaber zu diskutieren, eigene Themen zu setzen und die Frage nach der «richtigen» Standesvertretung zu stellen. An der Ernsthaftigkeit dieser Auseinandersetzung wird zu messen sein, inwieweit die Ständeratskandidaturen von Christian Imark (SVP), Stefan Nünlist (FDP) und Felix Wettstein (Grüne) tatsächlich auf den Sitz in der kleinen Kammer zielen – und inwiefern die Ständeratskandidatur bloss Wahlhelferin für den Nationalrat ist.

So oder anders: Es gibt eine Bringschuld der Kandidierenden. Es gibt aber auch eine Holschuld der Wählerinnen und Wähler – und der Medien. Ein Wahlkampf ist so langweilig oder spannend, wie ihn die Akteurinnen und Akteure – jene, die wählen, und jene, die gewählt werden wollen – machen. Und an Themen, welche die notwendige Positionierung und Differenzierung erlauben, ist nun ja wirklich kein Mangel. Klima, AHV, Mobilität, Steuerreform: Wir wollen wissen, wer über was wie denkt! Noch ist Zeit dafür. Gewählt wird in zwei Monaten. Behaupte niemand, es herrsche Politikverdrossenheit im Kanton!