Schulbeginn
Mit dem Start in die Sekundarschule wird Aline wieder eine «Kleine»

Tausende Kinder starten morgen Mittwoch in die Sekundarschule – diese wird ihre weitere Laufbahn entscheidend prägen. Auch für die 12-Jährige Aline Sury aus Flumenthal wird es der erste Schultag bei den «Grossen».

Christof Ramser
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Am Fresko von Hans Berger vorbei wird Aline Sury in der Kantonsschule Solothurn nun regelmässig von Schulzimmer zu Schulzimmer eilen.

Am Fresko von Hans Berger vorbei wird Aline Sury in der Kantonsschule Solothurn nun regelmässig von Schulzimmer zu Schulzimmer eilen.

Hanspeter Bärtschi

Die Buchrücken sind mehrere Fingerbreit. Ein Fantasy-Roman reiht sich an den nächsten. Geschichten von Samuraikämpfern und Drachen, manche 1000 Seiten stark. Aline Sury fährt mit den Fingern über das Regal. «Das hier sind nur meine allerliebsten Lieblingsbücher.» Dutzende weitere Romane aus der Gemeinde- und viele aus der Zentralbibliothek in Solothurn hat sie bereits verschlungen.

Aline liest viel und schnell. Sprachlich ist das Mädchen überdurchschnittlich begabt. Auch von Mathematik versteht sie sehr viel, verglichen mit Kolleginnen in ihrem Alter. Und das wichtigste: Das Lernen macht ihr Spass.

Sechs Jahre später Im Schuljahr 2011/12 begleitete die Solothurner Zeitung Aline Sury aus Flumenthal durch ihr erstes Schuljahr und publizierte Artikel zu unterschiedlichen Themen. Nun tritt Aline in die Sekundarschule über. Wie ist es ihr in den vergangenen Jahren ergangen? Und wohin führt ihr Weg? Wir haben das Mädchen erneut getroffen und mir ihr, Eltern und Lehrern gesprochen.

Sechs Jahre später Im Schuljahr 2011/12 begleitete die Solothurner Zeitung Aline Sury aus Flumenthal durch ihr erstes Schuljahr und publizierte Artikel zu unterschiedlichen Themen. Nun tritt Aline in die Sekundarschule über. Wie ist es ihr in den vergangenen Jahren ergangen? Und wohin führt ihr Weg? Wir haben das Mädchen erneut getroffen und mir ihr, Eltern und Lehrern gesprochen.

Hanspeter Bärtschi

Morgen Mittwoch hat Aline Sury ihren ersten Schultag an der Kantonsschule Solothurn. Vor sechs Jahren traf der Journalist der Solothurner Zeitung sie zum ersten Mal, damals als frischgebackene Erstklässlerin in Flumenthal. Während eines Jahres begleiteten wir die Schülerin und berichteten über ihren neuen Lebensabschnitt, über die Herausforderungen mit den Hausaufgaben, das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrerinnen, den Stellenwert von Schulnoten, das Übertrittsverfahren in die nächste Klasse.

Die scheue Aline bewegte sich mit grossen Schritten durch den Klassenalltag und gewann rasch an Selbstvertrauen. Der intensive Entwicklungsprozess der eifrigen Schülerin setzte sich in den folgenden Jahren fort.

Wunsch der Kinder berücksichtigen

Inzwischen überragt der Knirps von damals ihre Mutter Sandra Sury in puncto Körpergrösse. Auch der Intellekt ist gewachsen. Im vergangenen Jahr spurte Aline Richtung Progymnasium ein. Für die Schülerin, die stets Spitzenleistungen erbringt und einen grossen Wissensdurst hat, ist es der folgerichtige Weg.

Sandra Sury betont, dass Aline sich selber für den Weg in die Sek P entschieden hat. Die Eltern unterstützten die Tochter in ihrem Beschluss. Der Wunsch des Kindes beim Übertritt in die Sekundarschule muss berücksichtigt werden, darauf pocht die Lehrerschaft. Im Unterleberberg wollte eine Schülerin, die eigentlich Sek-P-Reife erlangt hatte, den Unterricht in der vertrauten Umgebung fortsetzen, statt täglich nach Solothurn zu fahren. Sie besucht weiterhin die Sek E.

Vergleichsarbeit wird abgeschafft

Aline gehört zum letzten Jahrgang im Kanton, der die sogenannte Vergleichsarbeit (VA) absolvieren musste. Diese ultimative Prüfung, die insbesondere über das Schicksal von Aspiranten für das Progymnasium entscheidet, gehört ab dem Schuljahr 2017/18 der Vergangenheit an. Stattdessen erhält neben den Schulnoten in der sechsten Klasse die Empfehlung der Lehrerinnen mehr Gewicht. «Vor der Vergleichsarbeit war ich schon nervös», erinnert sich Aline. «Doch als die Prüfung angefangen hat, wurde ich schnell ruhiger.»

Aline hatte nichts zu befürchten. Sie schaffte den Test mit Bravour. 2 von 9 Flumenthaler Sechstklässlern beginnen das kommende Schuljahr in der Sek P. Damit liegt die Unterleberberger Schule innerhalb der kantonalen Vorgaben. Kantonsweit indes ist der Anteil an Sek-P-Schülern eher zu hoch.

Dass Aline Sury in der Sek P gut aufgehoben ist, unterstreicht sie mit ihrem Wissensdurst. Vor den Übertrittsprüfungen verlangte sie nach zusätzlichem Mathe-Lernmaterial. Immer wieder fordert sie sich selbst heraus. Letztes Jahr trug sie vor Erst- und Zweitklässlern ein selbst verfasstes Gedicht auf Französisch vor. Bevor sie Luft holte und ansetzte, machte sie das Auditorium auf die Finessen der Sprache Voltaires aufmerksam, die so anders und irgendwie doch vertraut tönt. Und auch wenn die Kleinen kaum ein Wort verstanden; sie waren hingerissen von der jungen Poetin.

Kein Leistungsdruck

Die Flumenthaler Schulleiterin Verena Wyss findet nur lobende Worte für die «freundliche und zuvorkommende junge Dame». Sie unterrichtete Aline in der ersten und zweiten Klasse und begegnete ihr später immer wieder auf dem Schulgelände. Ihre ruhige Art habe Aline beibehalten. Auf dem Pausenplatz pflege sie einen herzlichen Umgang, auch mit verhaltensauffälligen Kindern. «Sie kann gut selber einschätzen, wie sie auf andere zugehen muss, und sie ist für ihr Alter sehr selbstkritisch. Ich bin riesig stolz auf sie», sagt Verena Wyss.

Tadel scheint bei Aline Sury nicht nötig zu sein. Sie weiss, dass sie mehr Freizeit hat, wenn sie ihre Hausaufgaben rasch und selbstständig erledigt. Und Freizeit ist für eine Zwölfjährige natürlich wichtig. Zeichnen, Jazz- und Hip-Hop-Tanz sowie Klavierspielen stehen bei Aline hoch im Kurs. Leistungsdruck ist für sie ein Fremdwort. Das unterstreicht Sandra Sury. «Ich wäre die Letzte, die ihre Tochter für eine bessere Leistung unter Druck setzen würde.» Stattdessen habe sie die Anliegen ihrer Tochter stets ernst genommen, bringe ihr Vertrauen und Respekt entgegen. «Das Wichtigste ist, viel miteinander zu reden.»

Eine von 1800 Schülerinnen

Nun ist das Abenteuer Primarschule vorbei. Mit einem Ritual wurden die Kinder aufgenommen, ebenso wurden sie kurz vor den Sommerferien verabschiedet. Im Mittelkreis der Turnhalle Flumenthal, umringt von den jüngeren Kindern, sassen die «Grossen» auf einem Thron, später marschierten sie unter dem Spalier der Mitschüler aus der Halle. Für einige von ihnen ist Aline zu einer guten Freundin geworden.

Doch sie lässt diese alte Welt hinter sich und wird nun wieder zu einer «Kleinen». Morgen fährt sie zum ersten Mal mit dem Bipperlisi nach Solothurn, dann gehts zu Fuss hinauf in die Kanti. «Das wird wohl schon etwas komisch, weil ich am Mittag nicht mehr nach Hause gehen kann», vermutet Aline. Als eine unter 1800 statt bloss 60 Schülerinnen und Schülern wird sie sich gut organisieren müssen. Elf bunte Plastikmäppli liegen zu Hause schon bereit, eine Farbe für jedes Fach.

Auch das Wahlpflichtfach hat sie gewählt. Drei Stunden pro Woche wird sie den Lateinunterricht besuchen, das Fach ist promotionswirksam für den Übertritt in das Gymnasium. «Sprachen faszinieren mich, und Latein wird mir beim Lernen und beim logischen Denken helfen», weiss Aline.

Ob ihr Weg, wie derzeit gewünscht, in ein Germanistik- oder Mathematikstudium führt, wird sich zeigen. Fürs Erste freut sie sich auf morgen Mittwoch. Einen der wichtigsten Orte in der Kanti hat sie bereits auskundschaftet. Es ist die Mediathek, wo 30'000 Bücher, Filme und Hörspiele darauf warten, entdeckt zu werden.