Marguerite Misteli

«Mit dem Alter, bekommt man die Endlichkeit des Lebens zu spüren»

Marguerite Misteli prägte vier Jahrzehnte Solothurner Politik mit. 2013 eröffnete sie als Alterspräsidentin im Kantonsrat die neue Legislatur.

Marguerite Misteli prägte vier Jahrzehnte Solothurner Politik mit. 2013 eröffnete sie als Alterspräsidentin im Kantonsrat die neue Legislatur.

Sie hat die Solothurner Politik immer wieder aufgewirbelt: Marguerite Misteli. Zuerst für die Poch, später als erste grüne Nationalrätin des Kantons. Diese Woche nun hat sie für viele überraschend den Rückzug aus dem Kantonsparlament angekündigt.

Ein Urgestein der Solothurner Politik hat diese Woche den Rückzug aus der kantonalen Politik angetreten. Marguerite «Miguel» Misteli (69), umtriebige Grüne und letzte Alt-68erin im Kantonsrat, trat am Mittwoch zurück. Nach einer Operation 2010 und gesundheitlichen Problemen will das «animal politique» kürzertreten und nur noch im Solothurner Gemeinderat bleiben. «Wenn man älter wird, bekommt man die Endlichkeit des Lebens zu spüren», sagt sie.

Als hartnäckig, kämpferisch und meinungsstark gilt sie auch bei ihren Gegnern. Im bürgerlichen Solothurn hat die studierte Architektin und «Kreuz»-Mitbegründerin in den 70er-Jahren für Furore gesorgt. 1968 stand sie bei den Globus-Krawallen in Zürich vor den Wasserwerfern, und in Berlin war sie in maoistischen Gruppen aktiv, bevor sie 1971 nach Solothurn zurückkam.

Wie war das damals?

«Wohngemeinschaften waren verschrien. Ich hatte Ende der 1960er-Jahre Kollegen, die durften den Eltern nicht sagen, dass sie in einer WG wohnten. Doch es begann langsam aufzubrechen. Solothurn war im 71 wie Zürich 1968, einfach nicht so intensiv. Ich kam 1971 aus Berlin zurück. Als ich hörte, dass eine neue Partei gegründet wird, die Poch, ging ich hin. Sonst passte mir keine Partei. Die Solothurner SP war damals ja fast bürgerlicher als der Freisinn. Und siehe da: An dieser Gründungsversammlung sassen alle meine Geschwister, ohne dass wir das abgemacht hatten. So war die Zeit damals. 1973 kam ich in den Gemeinderat. Etwa gleichzeitig haben wir das ‹Kreuz› als Genossenschaftsbeiz gegründet. Wir haben damals auch den Mieterverein Solothurn aufgebaut. Die Filmgilde war da. Mit ihr habe ich 1971 meine erste Pressekonferenz gemacht. Wir haben untersucht, wie die Altstadt genutzt wird, als de Vigier ein Warenhaus bauen wollte. Damals musste man vom Altstadtschutz her nur die Fassade lassen. Drinnen konnte man machen, was man wollte. Wir konnten zeigen, wie die Bevölkerung innert zehn Jahren aus der Altstadt gedrängt wurde. Aus dem Projekt entwickelte sich dann die Altstadtkommission. Das waren meine ersten politischen Aktionen in Solothurn.»

Schnell war Misteli ein rotes Tuch für gewisse bürgerliche Kreise. Kandidaturen für Exekutivämter wie der Regierungsrat oder das Stadtpräsidium klappten nicht. Trotzdem hat sie eine erstaunliche Politkarriere hinter sich. Nach der Zeit im Solothurner Gemeinderat lebte sie ab 1981 in Moçambique. Als sie 1991 zurückkam, wurde sie auf Anhieb als erste Solothurner Grüne in den Nationalrat gewählt. 2008 kam sie von einem mehrjährigen Kuba-Aufenthalt zurück und sass gleich wieder im Kantons- und im Gemeinderat.

Warum haben Sie die Solothurner immer wieder gewählt, obwohl Sie vor den Wahlen oft anderswo lebten?

«Ich war schnell bekannt. Ich war in den 70er-Jahren die erste Frau im Solothurner Gemeinderat, die den Mund aufgemacht hat. Als einzige Poch-Vertreterin musste ich reden, die anderen drei Frauen haben viel weniger gesagt. Das war eine harte Schule für mich, manchmal schlief ich vor dem Gemeinderat schlecht. Ich wurde nicht mit Wonne aufgenommen. Der Rat brauchte Zeit, bis er sich an meine Opposition gewöhnt hatte. Viele haben nicht verstanden, warum ich bei der Poch war. Man hat uns als Gefahr gesehen. Ich habe in Solothurn keine Arbeit mehr als Architektin bekommen und habe mein Leben mit Kochen und Servieren im ‹Kreuz› verdient. Dabei habe ich mich gar nie als klassische Linke verstanden. Ich bin in einer FdP/CVP-Familie aufgewachsen. Ich habe die Werte nie verraten, die ich von meinem bürgerlichen Elternhaus mitbekommen habe. Ich war in Berlin in einer maoistischen Gruppe. Die wollten uns in Fabriken schicken, um arbeiten zu gehen und die Arbeiter für die Revolution zu mobilisieren. Da bin ich sofort ausgetreten. Diese Arbeiter haben Steuern bezahlt, damit jemand wie ich studieren konnte. Und dann soll ich in die Fabrik? Wenn es brenzlig geworden wäre, hätte ich als Akademikerin wieder gehen können, aber die Arbeiter hätten ihre Stelle verloren. Das fand ich verantwortungslos.»


Der «Freisinn», das ist die Partei, die Marguerite Misteli häufiger erwähnt als jede andere – auch ihre eigene. Ihr freisinniges Elternhaus hat sie geprägt. «Der Freisinn, mit dem ich aufgewachsen bin, war ein anderer als der heute. Das war eine Volkspartei, die sich nicht vor den Karren der SVP spannen liess», sagt sie. Als Misteli 1977 für den Regierungsrat kandidierte, beschied ihr der freisinnige Onkel, dem das Restaurant «Misteli-Gasche» gehörte: «Ich wähle dich nicht. Aber wenn du gewinnst, machen wir ein riesiges Fest.» Das war die Polarität, die Misteli spürte. Auch das «Kreuz» profitierte von Bürgschaften aus FDP- und CVP-Kreisen. Doch gegen aussen hätten das viele nicht gezeigt. Knapp zehn Jahre hielt es Misteli in Solothurn. Dann studierte sie in London weiter und ging 1981 nach Moçambique. Zehn Jahre blieb sie dort trotz Bürgerkrieg.

Wie kam das, Frau Misteli?

Schon als Teenager wollte ich nach Chile, wegen der Lieder, wegen der Filme. Dann stieg ich beim ‹Kreuz› ein, und als ich dann Anfang der 1980er-Jahre nach Lateinamerika wollte, hatten sich dort Diktaturen etabliert. Dorthin wollte ich nicht mehr. Die Sowjetunion war nie mein Vorbild. Ich war kritisch gegenüber rigiden sozialistischen Systemen. Da unterschied ich mich. Ich war ja auch innerhalb der Poch eine Dissidentin und wurde aus dem Zentralkomitee geschmissen. Ich war nicht Poch-Generallinien-konform.

Ich kam 1981 nach Moçambique. Ich war etwa ein Jahr dort, als die Hafeneinfahrt und wichtige Brücken in die Luft gejagt wurden. Dann ging es los mit der Guerilla. Ich habe nachts manche Schiesserei gehört. Man wusste immerhin dank des Buschtelefons, wo die Guerilla war. Aber abends ging ich nicht mehr raus. Warum bin ich trotzdem geblieben? Was ich dort als Stadtplanerin machen konnte, hätte ich in der Schweiz nie tun können. Die letzten zwei Jahre war ich Chefin des nationalen Stadtplanungsdepartementes. Ich war die rechte Hand des Staatssekretärs.

Die Rückkehr nach zehn Jahren war hart. Es gibt keine einfachen Lösungen mehr, wenn man einmal so sehr mit anderen Kulturen zusammengelebt hat. Zuerst hielt ich in der Schweiz die grossen Läden nicht aus. Ich hatte in Moçambique Zeiten erlebt, da haben sie unter dem Ladentisch eine Tomate verkauft für einen Dollar. Die Regale waren leer. Es regt mich auf, wenn die Schweizer denken, uns gehe es so gut, weil wir so gut sind. Was kann jemand dafür, dass er in der Schweiz geboren ist und nicht in Namibia? Ich bin nicht die Idealistin, die glaubt, dass man die Ungleichheit aus der Welt schafft. Aber bald besitzt 1 Prozent mehr als die restlichen 99 Prozent auf der Welt. Das ist nicht gesund. Und wir Schweizer holen dann noch mit Steuerprivilegien die Reichen in unser Land und nehmen andernorts Steuern weg. Und den afrikanischen Bauern nehmen wir reichen Länder auch noch das Land weg, um unsere Nahrung zu sichern. Das ist arrogant.»

Nach Berlin, London und Moçambique folgten mehrere Jahre lange Aufenthalte in Kuba, Südafrika und auf dem Balkan. Immer wieder kam sie aber nach Solothurn zurück. Das und vielleicht auch den kämpferischen Geist versteht man nur mit der Familiengeschichte.

Warum also kamen Sie immer wieder zurück?

«Wir haben einen sehr grossen Zusammenhalt in der Familie. Wir waren fünf Kinder, ich war die Älteste. Meine Mutter starb 1959, als ich 14 war. Sie hat mich gleich behandelt wie meine Brüder. Man durfte als Mädchen damals keine Hosen anziehen. Ich machte mit dem Faltenjupe 1,25 Meter Hochsprung und sass auf den Bäumen. Als meine Mutter starb, sollte ich aus der Schule und den Haushalt machen. Warum ich? Ich war gut in der Schule und habe mich geweigert, ging weiter zur Schule und machte den Haushalt gemeinsam mit den Geschwistern. Mein Vater prästierte den Tod der Mutter nicht. Er hatte sonst noch Pech, kam zum Alkohol. Er ging nicht mehr arbeiten, machte Schulden. Am Ende hat er sich erschossen. Das war eine traumatische Zeit. Aber danach ging es wieder besser. Die Behörden wollten uns Geschwister zuerst auseinandernehmen. Aber wir haben gekämpft, bis unser Onkel für uns die Vormundschaft übernahm und wir mit der Vollwaisenrente ganz alleine im Reihenhaus in Bellach weiterwohnen konnten. Es gab viele Leute, die dagegen waren. Sie warteten auf einen Vorwand, um das zu beenden. Wir kannten unsere Grenze deshalb. Ich hatte als Älteste natürlich eine grössere Verantwortung. Ich hatte nicht die gleiche Pubertät wie meine Altersgenossen. Aber alle meine Geschwister und ich hatten ein grosses soziales Netz, das uns unterstützte. Auch deshalb kamen wir immer wieder nach Solothurn zurück.»

1968 wurde sie politisiert, sie hat für Freiheiten gekämpft. Heute werfen Gegner den Grünen bisweilen vor, für zu viele einschränkende Regeln verantwortlich zu sein.

Was hat sich in den letzten 45 Jahren sonst noch verändert, Frau Misteli?

«Früher ging es ideologischer zu und her. Heute ist vor allem die SVP unglaublich ideologisch. Sie fragen, ob das früher nicht auch der Poch vorgeworfen wurde? Klar. Ich habe in den 1970er-Jahren Dinge gesagt, die ich heute nicht mehr sagen würde. Gut, ich war 24. Heute bin ich 70. Mit dem Alter wird man konzilianter, aber auch radikaler. Ich glaube, wir leben heute in einer ähnlich grossen Transformationsphase wie 1968. Immer noch mehr materielles Wachstum löst unsere Probleme nicht mehr. Es braucht neue Gesellschaftsmodelle. Wir müssen wieder mehr Gesellschaftsarbeit leisten. Man kann nicht einfach die ganze Pflege, die früher von den Frauen in den Familien gemacht wurde, kommerzialisieren; da unterscheide ich mich von der SP. Sie wissen: ich bin die Letzte, die will, dass Frauen zu Hause bleiben. Aber bei der Betreuung der Kinder und älterer Menschen müssen wir wieder mehr selber machen, Männer und Frauen. Lieber weniger arbeiten, dafür mehr Zeit für die Mitmenschen haben. Der Mehrwert der bezahlten Arbeit kommt ja eh nur denen zugute, die schon viel haben. Ich werde nun mehr Zeit haben, um einen freiwilligen Beitrag für ‹noch ältere Alte› zu leisten – und werde mich weiterhin für die 2000-Watt-Gesellschaft einsetzen. Das Konzept, dass jedem Menschen in Zukunft 2000 Watt zustehen, finde ich fair. Mein Mann und ich brauchen 1100 Kilowatt Elektrizität pro Jahr, ein Normalhaushalt etwa 4500. Ich hatte nie ein Auto in der Schweiz, wir essen fast vegetarisch. Ich flicke meine Kleider und kaufe wenig neue. Aber mit der ganzen Infrastruktur, die ich nutze, schaffe ich 2000 Watt auch nicht. Vielleicht wird es dereinst bei den neuen autofreien Siedlungen im Weitblick in Solothurn mit Null-Energie-Häusern gehen. Denn als Privatperson geht das nicht. Es muss als Gemeinschaft funktionieren. Es wird wieder mehr kollektive Lebens- und Arbeitsformen brauchen. Wie beim ‹Kreuz› damals, nur der heutigen Zeit angepasst.»

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