Ansteckung

Mit Corona im Altersheim? Viele schwer erkrankte Patienten entscheiden sich gegen das Spital

Einrichten von Besucherzonen, hoher Aufwand bei der Betreuung erkrankter Bewohnerinnen und Bewohner und kaum Neueintritte: Die Covid-19-Krise fordert die Alters- und Pflegeheime. (Symbolbild)

Einrichten von Besucherzonen, hoher Aufwand bei der Betreuung erkrankter Bewohnerinnen und Bewohner und kaum Neueintritte: Die Covid-19-Krise fordert die Alters- und Pflegeheime. (Symbolbild)

In den Alters- und Pflegeheimen ist die Zahl der Ansteckungen mit Covid-19 in den vergangenen zwei Wochen stark angestiegen. Laut Zahlen des Kantons wurden in der letzten Woche 73 Personen positiv getestet, 15 Personen sind gestorben.

Trotz Schutzmassnahmen macht das Coronavirus auch vor den Türen der Alters- und Pflegeheime nicht halt. Mit den steigenden Fallzahlen ist es auch bei Personal und Bewohnerinnen und Bewohnern in den vergangenen Wochen zu Ansteckungen gekommen.

In den vergangenen zwei Wochen sind laut Zahlen des Kantons 134 Personen in Solothurner Alters- und Pflegeheimen erkrankt, 26 sind gestorben. Von einem Ausbruch betroffen war etwa das Tharad Zentrum für Pflege und Betreuung in Derendingen.

Eine Gratwanderung

Anfang November erkrankten die ersten Angestellten und Bewohnerinnen und Bewohner, erzählt der Geschäftsführer Karl Zgraggen. Viele Personen sind erkrankt, einige der Bewohnerinnen und Bewohner sind verstorben. «Mittlerweile ist der Ausbruch überstanden, aber es ist eine Gratwanderung. Es kann jederzeit wieder kippen», sagt er.

Im November war das Tharad für Aussenstehende geschlossen, Bewohnerinnen und Bewohner durften das Gelände nur in Ausnahmefällen verlassen. Seit dieser Woche wurden einige der Massnahmen wieder gelockert: Durch das Besucherfenster dürfen sich Angehörige zumindest kurz wieder sehen, und Spaziergänge um das Gebäude herum sind wieder erlaubt.

Testresultate fehlen zum Teil noch

Auch in der Stiftung Blumenfeld in Zuchwil sind in dieser Woche mehrere Personen des Personals und der Bewohnenden erkrankt. Wie viele sich angesteckt haben, ist laut dem Geschäftsführer Max Oser noch nicht klar, weil die Testresultate zum Teil noch nicht eingetroffen seien.

Die einzelnen Wohngruppen in der Stiftung stehen momentan unter Isolation, positiv getestete Bewohnerinnen und Bewohner würden in ihren Zimmern isoliert. Auch in Zuchwil ist die personelle Situation schwierig, schreibt Oser.

Immerhin: Schwer erkrankt sei bisher noch niemand. «Glücklicherweise geht es den betroffenen Bewohnenden bis zum heutigen Zeitpunkt relativ gut. Sie zeigen wenig Symptome oder sind sogar symptomfrei und ertragen die Situation zum grossen Teil gut.»

Viele möchten nicht mehr ins Spital

Die schwer erkrankten Patienten im Tharad haben sich laut Geschäftsführer Zgraggen alle dazu entschlossen, sich nicht im Spital behandeln zu lassen. Diese Erfahrung macht man auch in anderen Heimen, so Tony Broghammer, der Präsident der Gemeinschaft der Alters- und Pflegeheime GSA.

Zwar werde keine Statistik darüber geführt, wie viele auf einen Aufenthalt im Spital verzichten wollen, so Broghammer. Aber: «Die Zahl nimmt gemäss unseren Schätzungen zu, denn die Verbreitung von Patientenverfügungen hat stark zugenommen. Und sehr häufig wird mit diesem Dokument ebendieser Fall geregelt.»

Über Patientenverfügung sprechen

Dafür, dass Personen in Alters- und Pflegeheimen sich über den Fall einer Erkrankung Gedanken machen und ihre Wünsche in einer Patientenverfügung festhalten, hat sich der Verein palliative schon im Frühling eingesetzt.

In einem Webinar des Kantons im November sensibilisierte Manuel Jungi, der Präsident des Vereins und der Leitende Arzt der Palliativen Abteilung des Kantonsspitals in Olten, erneut dafür, mit Bewohnenden von Heimen über das Ausfüllen einer Patientenverfügung zu sprechen.

Dabei sei es auch wichtig, sich Gedanken dazu zu machen, was Lebensqualität für jeden und jede persönlich bedeute, so ­Jungi. «Wenn eine Covid-Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt, dann geht es Betroffenen mit schweren Vorerkrankungen nach dem Aufenthalt auf der Intensivstation häufig schlechter als vor der Erkrankung», erläutert er weiter.

«Dem sind sich nicht alle, die eine Maximalbehandlung einfordern, bewusst. Man muss sich aber fragen, ob man das in Kauf nehmen will.»

Autor

Rebekka Balzarini

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