Kantonsratssitzung
Mit Adleraugen im Parktheater: Was treiben denn die Ratsmitglieder?

Ein Blick in die Kantonsratssitzung im Grenchner Parktheater zeigt: Zwei schlafen ein, andere lösen Kreuzworträtsel, eine dürfte gar fremdarbeiten. «Dass jemand einschläft, soll nicht passieren, aber ist menschlich», meint Ratspräsident Christian Imark.

Marlies Czerny *
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Konzentriert - Annelies Peduzzi und Peter Brotschi
16 Bilder
Christian Thalmann beschäftigt sich mit bohrenden Fragen
Politische Debatten zwischen Herbert Wüthrich und Hans-Joerg Stoll
Der Kantonsrat aus der Adlerperspektive beobachtet
Mit Scharfblick in der Kantonsratssitzung
Multitasking-fähig: Kreuzworträtsel und abstimmen
Das machen die Ratsmitglieder während der Kantonsratssitzung
Claude Belart ist vertieft in Gedanken
Bei der Abstimmung sind alle hellwach
Clivia Wullimanns Konzentration gilt offensichtlich Dingen, die sich nicht nur mit dem Kantonsrat beschäftigen
Hans Büttiker fielen kurz die Augen zu
Blick in die Menge
Thomas Müller mit gutem Lesestoff in den Haenden
Ups - kurz eingenickt
Peter Schafer - ganz bei der Sache

Konzentriert - Annelies Peduzzi und Peter Brotschi

Hanspeter Bärtschi

Eines vorweg: Vielleicht ginge es mir nicht anders. Ich weiss, es ist verdammt hart, einen Vormittag lang hoch konzentriert zu sein. Speziell bei Themen, die trockener sind als die Wüste Sahara. In der letzten Kantonsratssitzung vor der Sommerpause machten sich Fotograf Hanspeter Bärtschi und ich ein Bild von den Volksvertretern. Was wir mit Adleraugen beobachteten? Viele aufmerksame Räte. Aber doch den einen und die andere Abwesende, obwohl er und sie anwesend war, körperlich zumindest.

Es ist schwül im Saal. Die Tische sind mit Parteifarben beklebt – praktisch für die Gäste, die in der öffentlichen Sitzung die Köpfe den Parteien einfach zuordnen können. Es ist 8.45 Uhr, als Kantonsratspräsident Christian Imark (SVP) die Sitzung mit Glockengeläut eröffnet. Noch nicht alle Plätze sind besetzt, verspätet kommt Clivia Wullimann (SP) an. Die Blumen am Tisch räumt sie zur Seite, sie breitet viele Unterlagen aus.

Einnicken ist «ok»

Sitzungspunkt 7 steht gerade an der Tagesordnung. Der dringliche Auftrag von Beat Ehrsam (SVP) für den Erhalt des Einheitspreises beim TNW-Abo findet Hans Büttiker (FDP) offenbar zum Einschlafen. Seine Augen sind schwer, sie fallen zu, gehen wieder auf, fallen wieder zu. Ein Nickerchen kann jedem Mal passieren – das sieht auch Büttiker so. «Das ist einfach passiert», sagt der übermorgen 61-Jährige, er fände das «okay». Auch Reinhold Dörfliger (FDP) wurde Opfer seiner Müdigkeit. Die Regierungsräte am Podium bekommen das mit, sie finden es komisch, zumindest lachen sie beim Blick auf ihn.

 Marlies Czerny ist Redaktorin bei den «Österreichischen Nachrichten» in Linz und arbeitet im Rahmen eines Journalistenaustauschs ein halbes Jahr bei der Solothurner Zeitung.

Marlies Czerny ist Redaktorin bei den «Österreichischen Nachrichten» in Linz und arbeitet im Rahmen eines Journalistenaustauschs ein halbes Jahr bei der Solothurner Zeitung.

AZ

FDP-Mann Hubert Bläsi schreitet vom Ratsbüro ein, er weckt ihn. Peinlich berührt verschwindet Dörfliger für ein paar Minuten aus dem Saal. Wieder zurück, krempelt er die Ärmel hoch, Parteikollegin Rosemarie Heiniger zeigt ihm auf der Tagesordnung, was gerade Thema ist. «Die Hitze war brutal, ich habe viel gearbeitet und wenig Schlaf», entschuldigt sich Dörfliger. Fotograf Bärtschi leidet mit: «Ich habe Mitgefühl mit ihnen», sagt er, «vor allem dort, wo es dunkel war, bemerkte ich, dass die Leute Mühe mit der Konzentration hatten.»

Politiker sind auch eines: Multitasking-fähig. Mehr als die Hälfte hat eine (oder mehrere) Zeitungen ausgebreitet, andere vertiefen sich in Laptop oder Tabloid. Christine Bigolin (SP) hält in einer Hand den Kugelschreiber, löst Kreuzworträtsel, in der anderen das orangefarbige Abstimmungskärtchen. «Ich kann beides», kommentiert sie lachend ihren Zeitvertreib.

Bereits debattiert

Am geschäftigsten war Frau Wullimann. Mal tippte sie in ihr Natel, schrieb Notizen auf viele Zettel, füllte in Listen etwas aus. Der Zoom unseres Fotografen legt offen: Mit Kantonsratssitzung haben nicht alle Unterlagen etwas zu tun. «WKS» (Wirtschafts- und Kaderschule Bern) steht auf einem Zettel, auf einem anderen «Klassenliste», auf anderen finden sich Aufgaben und Lösungen. Korrigiert die Rechtsanwältin und Notarin da etwa während der Sitzung Klassenarbeiten ihres Nebenjobs als Lehrerin? In einer Sitzung, in der sie 130 Franken verdient? «Das weise ich vehement zurück», sagt Wullimann, damit konfrontiert. «Ich habe Geschäfte vorbereitet, die heute nicht mehr dran kamen.» Sie sage nicht mehr dazu, kehrt mir den Rücken, dreht wieder um und merkt an: «Sie können die anderen fragen, ob sie Zeitung lesen.»

Wie der Präsident das beobachtete? «Dass jemand einschläft, soll nicht passieren, aber ist menschlich. Manche schlafen auch beim Zahnarzt ein», sagt Imark. Er wolle nicht, dass von der Politik ein falsches Bild entstehe, «es ist nicht möglich, jedes Wort in so einer Sitzung mitzuverfolgen. Zumal sie vieles im Vorfeld bereits dreimal debattiert haben.» Eines sei aber ganz und gar nicht in Ordnung: «Fremde Arbeit gehört nicht in den Kantonsrat. Wenn jemand wirklich Schularbeiten korrigiert, ist das nicht okay.»