Auf einen Kaffee mit

Mission von Marktfahrer Antonio Stuto: «Italienisch in der Welt verbreiten»

Seit 1991 verkauft Antonio Stuto (61) seine Waren auf dem Markt.

Seit 1991 verkauft Antonio Stuto (61) seine Waren auf dem Markt.

Bei Antonio Stuto (61) hat die halbe Stadt italienisch gelernt. Man kennt den Sizilianer als Lehrer, Marktfahrer – und Berufsitaliener. Solothurner lieben Italien. Doch woher kommt diese ungebrochene Liebe?

Der Mann mit dem grauen Schnurrbart und der Glatze hat eine Mission. «Italienisch in der Welt verbreiten», sagt Antonio Stuto. Pathos und Elan triefen aus allen Poren des Berufsitalieners. Er trägt Ledersneaker und ein weisses Hemd, die Brille schiebt er immer wieder von der Nase auf die Stirn und zurück. Eine elegante Erscheinung. «Alles eine Frage der Leidenschaft», weiss der 61-Jährige. Sein Deutsch ist genauso präzise und komplett wie sein Italienisch – «schliesslich habe ich eure Sprache an der Uni in Deutschland gelernt». Eloquent durch und durch. Ausser, es geht ums Essen. Dann tanzen ihm die Worte davon. Niemals würde er einen Teller mit pampigen Nudeln essen. Niemals. Denn Stuto liebt Essen. Bei ihm werden Kräuter mit scharfen Messern gewürfelt, köstliche Gewürze gestreut und edle Öle verarbeitet.

Antonio Stuto hat einen Stand am Solothurner Wochenmarkt, samstags verkauft er unter dem Bieltor seine Antipasti. Oliven, Öl, gegrilltes Gemüse. Und Italianità gibts kostenlos dazu. Von den lauten Rufen, mit denen der Sizilianer seine Waren anpreist, lassen sich die Solothurner seit 1991 in ihr liebstes Nachbarland katapultieren. Ein bisschen Schäkern hier, ein lockerer Spruch dort. Sein Stand ist – Achtung, Klischee! – wie vieles in Italien: sehr fröhlich, sehr laut, sehr wild. Stuto schlürft seinen Espresso und seufzt mit einer Theatralik, die man einem Italiener niemals übelnimmt: «Ich hätte noch grössere Gesten und Worte auf Lager, aber ich muss mich mässigen.» Mit grossem Theater zum Erfolg? Verkaufen sei das eine, meint Stuto, «italienische Marktfahrer müssen stets auch gute Schauspieler sein».

Die nördlichste Stadt Italiens?

Mit dem Meister ein bisschen über gutes Essen, Land und Leute plaudern, das ist ziemlich spassig. Wir sitzen in einem Café in der Solothurner Altstadt, aber das spielt keine Rolle: Das Solothurn von heute liesse sich nach Stutos Empfinden mühelos nach Italien verpflanzen. Kaum strahlt die Sonne, bummeln die Solothurner über den Landhausquai, bestellen Aperol Sprizz und schlecken Gelati. Sie fühlen sich geschmeichelt, wenn ihr Lieblingswirt sie mit «Buona Sera» begrüsst und sehnen sich nach Dolcefarniente. Da spielt es auch keine Rolle, dass Italien unter einer Krise ächzt. Woher kommt diese ungebrochene Liebe? Antonio Stuto erklärt das Mysterium mit seinen Vorfahren. «Die Gastarbeiter brachten kulinarische Leckerbissen und legten den Grundstein für die Verbundenheit», sagt der Vater von drei Kindern, der in Sizilien aufgewachsen ist, in Mailand studiert hat und seit den 1970er-Jahren in Solothurn wohnt.

Was Stuto in einem Anfall von Bescheidenheit verschweigt: Auch er hat zünftigen Anteil an der Italienliebe von Herrn und Frau Solothurn. Mit seinem Marktstand, ja, aber das ist nur ein Hobby. Ein Zuschussgeschäft. Seit 32 Jahren arbeitet Stuto als Italienischlehrer, unterrichtet auf der Oberstufe und an Volkshochschulen. Die halbe Stadt hat bei ihm Italienisch gelernt. «Sprache inklusive Kultur», korrigiert Stuto. Ein Mann mit Mission, wie gesagt.

An den Nebentisch setzt sich eine Dame, und natürlich ist sie eine frühere Schülerin. «Ciao, wie gehts?», ruft er dem jungen Mann, der vorbeihuscht. Begegnungen im Minutentakt. Wenn Antonio Stuto ein Café besucht, wird geschwatzt, geliebkost und debattiert.

Wie eine Olive schmecken muss

Wer sein Leben im Klassenzimmer und hinter dem Marktstand verbringt, so unsere These, ist mit sich und der Welt zufrieden. Stuto lacht vergnügt. Ein Bubenlachen. Man sieht ihm seine 61 Jahre nicht an, und wenn er über seine Oliven spricht, wirkt er gleich noch zehn Jahre jünger. Da ein italienischer Marktfahrer grundsätzlich im Superlativ denkt, ist er überzeugt, die besten Oliven überhaupt zu verkaufen. Mit den kleinen Dingern habe er Solothurn erobert, sagt er. «Früher konnte man nur die schwarz gefärbten Oliven aus Spanien kaufen.» Stuto legt seine Stirn in Falten. «Ein Graus!»

Heute geniessen Oliven auch auf Schweizer Tellern fast schon kultische Verehrung; 16 Sorten verkauft Stuto an seinem Stand. Oliven aus Italien, Spanien und Frankreich, viele sind mit Gewürzen mariniert. Doch selbst bei Oliven geht es nicht ohne philosophischen Überbau – das wäre sonst ja langweilig! Der Dottore doziert: «Eine gute Olive schmeckt nach der Erde, in der ihr Baum gewachsen ist.» Zubereitet werden seine Köstlichkeiten in der alten Käserei von Nennigkofen, die Stuto zum «Centro di Lingua et Culinaria» erklärt hat. Für das Handwerkliche sind heute zwei seiner Cousins zuständig, der Chef konzentriert sich auf die Frontarbeit. Neben Herzblut sei administratives Geschick nötig, will man als Marktfahrer erfolgreich sein.

Herr Stuto, reden wir noch kurz über Olivenöl. Warum fasziniert uns dieses flüssige Fett? Der Vielbeschäftigte zuckt mit den Schultern. Olivenöl, sagt er dann, sei hohe Wissenschaft. Antonio Stuto schwört auf die Flüssigkeit, die aus den Früchten vom Olivenhain seines Vaters in Sizilien gepresst wird. Süsslich und klar, erinnere sie ihn an seine Heimat. «Olivenöl hat einen lebensverlängernden Effekt», will Stuto gehört haben. Sein Vater ist 92 Jahre alt. Was soll man da noch sagen.

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