Sexueller Missbrauch
Missbrauchsopfer: «Ich habe meinem Vater voll vertraut»

Ruth K.* erzählt ihre Geschichte. Als neunjährige Primarschülerin wurde sie während rund eines Jahres von ihrem Vater sexuell missbraucht. Nun möchte sie im Rahmen einer Selbsthilfegruppe anderen Opfern sexueller Übergriffe helfen.

Elisabeth Seifert
Drucken
Teilen
Sexueller Missbrauch in der Kindheit hinterlässt Wunden. (Symbolbild)

Sexueller Missbrauch in der Kindheit hinterlässt Wunden. (Symbolbild)

AZ

Heute geht es Ruth K. gut. «Ich führe ein schönes, erfülltes Leben und kann mit meinen Verletzungen umgehen», sagt die attraktive Frau. Das aber brauchte seine Zeit. «Ich habe einen grossen Teil meines bisherigen Lebens still für mich gelitten.» Und: «Ich habe immer gedacht, dass ich nicht normal bin.» Ein Satz, den die 40-Jährige in unserem Gespräch öfter wiederholen wird. «Nicht normal»: Damit spielt Ruth K. auf die Traurigkeit an, die sie bis vor wenigen Jahren in ihrem Alltag begleitet hat.

«Ich war wenig kontaktfreudig, hatte kein Selbstvertrauen und funktionierte einfach.» Dass ihre Befindlichkeit auf ein Erlebnis in ihrer Kindheit zurückzuführen ist, war ihr über viele Jahre hinweg nicht bewusst. Als Primarschülerin, sie war damals neun Jahre alt, wurde sie während rund eines Jahres von ihrem Vater sexuell missbraucht.

Im Schlafzimmer der Eltern

Eigentlich sah sie ihren Vater selten, er war unter der Woche kaum zu Hause, auch nicht an den Abenden. Am Sonntag aber war Familientag. Und da fanden auch die Übergriffe statt, immer nach dem gemeinsamen Mittagessen. «Komm doch zu mir», sagte der Vater jeweils zur kleinen Ruth. Dann gingen sie gemeinsam ins Schlafzimmer der Eltern. Auch die Mutter kam mit. Diese las in einem Buch und der Vater verging sich an seiner Tochter.

«Er streichelte mich und drang mit seinen Fingern in meine Vagina ein, dann musste ich ihn mit meinen Händen befriedigen.» Die Sonntage waren dem kleinen Mädchen zutiefst zuwider. «Die Vorstellung, dass ich jetzt wieder mit meinem Vater ins Bett musste, war sehr unangenehm.» Und danach stellte sich jeweils «ein äusserst ekelhaftes Gefühl» ein. Nie aber wäre es Ruth in den Sinn gekommen, sich zu wehren.

«Ich dachte, das muss so sein», sagte sie sich, zumal die Übergriffe, körperlich, ja nicht schmerzhaft waren. «Ich vertraute meinem Vater und hatte den natürlichen Glauben, dass er seine Verantwortung nicht missbraucht.» Die negativen Folgen auf die Psyche hingegen blieben nicht aus. Selten konnte Ruth in der Schule lachen oder mit anderen Kindern fröhlich und unbeschwert herumtollen.

Und dann später als Jugendliche, als sie ihren ersten Freund hatte, spürte sie beim Sex keine Befriedigung. «Sexualität war einfach ein Erledigen für mich.» Das änderte sich auch nicht, als sie ihren Freund später heiratete. Sie hätte sich auch nie getraut, ihrem Mann zu sagen, dass der Sex für sie kein Genuss ist. Irgendwann erzählte sie ihm dann von den sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit. Eine echte Diskussion darüber fand aber nie statt, auch nicht über die Folgen auf ihre Beziehung und auch nicht darüber, wie sehr dadurch ihr Leben beeinträchtigt worden ist.

Betroffene tauschen sich aus

Sexueller Missbrauch von Minderjährigen war und ist häufiger als man denkt. Aus einer aktuellen Studie geht hervor, dass in der Schweiz mehr als jedes fünfte Mädchen und acht Prozent der Buben Opfer sexueller Übergriffe werden. Die seelischen Folgen solcher Erlebnisse in der Kindheit beeinträchtigen auch das Leben als Erwachsener. Im Kanton Solothurn gibt es für Betroffene bis jetzt erst in Olten eine Selbsthilfegruppe. Ruth K. setzt sich jetzt für die Gründung einer solchen Gruppe im Grossraum Solothurn ein. (esf)


Interessenten melden sich bei der Kon-
taktstelle für Selbsthilfegruppen des
Kantons Solothurn. Auskunft: Barbara
Wyss, 062 296 93 91. www.selbsthilfe-so.

Eigene Gefühle unterdrückt

Ruth K. akzeptierte die Situation, ohne diese zu hinterfragen. «Das ist eben so, ich bin halt komisch und anders als andere Frauen.» Heute weiss sie: «Ich entwickelte aufgrund des sexuellen Übergriffs ein ungesundes Verhaltensmuster und ein völlig falsches Männerbild.»

Bei allem, was sie tat, blendete sie ihre eigenen Gefühle systematisch aus. Es ging vor allem darum, den Ansprüchen anderer zu genügen. Den Ansprüchen ihres Mannes, von dem sie mittlerweile geschieden ist, aber auch den Ansprüchen in ihrem Umfeld, am Arbeitsplatz zum Beispiel. «Ich hatte immer das Empfinden, gehorchen und gefallen zu müssen.» Besonders gegenüber Autoritätspersonen, ob Männer oder Frauen.

Vor rund zehn Jahren dann liessen sich die eigenen Gefühle nicht länger unterdrücken. «Ich schlief kaum noch, war unzufrieden und gefrustet und fragte mich, ob das alles ist, was das Leben mir zu bieten hat.» Sie entschied sich daraufhin, professionelle Hilfe aufzusuchen, ohne aber zunächst gegenüber ihrer Therapeutin die sexuellen Übergriffe zu erwähnen. «Ich brachte das Wort Missbrauch nicht über die Lippen.» «Ich schämte mich für meinen Vater und beschönigte gleichzeitig die Situation, es durfte einfach nicht sein, dass mir mein Vater wehgetan hat.»

Sich selbst verwöhnen

Mit therapeutischer Unterstützung gelang es Ruth K. schliesslich, sich den Ursachen für ihre Probleme zu stellen. Das war der Beginn eines schmerzhaften Prozesses. «Ich war sehr enttäuscht, realisieren zu müssen, dass mir jemand aus der Familie geschadet hat.» «Andererseits spürte ich, wie es in mir leichter und weiter wurde.» Wesentlich zur «inneren Heilung» beigetragen habe, dass sie lernte, in sich selbst hineinzuhorchen.

«Ich nehme mir immer wieder Zeit, allein zu sein und dabei zu spüren, wie es mir geht.» Und: «Ich lernte auch, dass ich mich gut fühlen darf und das Recht habe, etwas Schönes zu erleben.» Immer wieder baut sie in ihren Alltag Momente und Erlebnisse ein, mit denen sie sich selbst verwöhnt.

Besonders erleichternd war für sie, als sie merkte, dass ihr auch die Beziehung zu einem Mann Freude bereiten kann. Solche Erfahrungen möchte sie jetzt gerne im Rahmen einer Selbsthilfegruppe mit anderen Opfern sexueller Übergriffe teilen (siehe Kasten). Und: «Ich will ihnen auch helfen, dass sie schneller als ich den Mut aufbringen, hinzuschauen.»

Ihren Eltern gegenüber verspürt sie keinen Hass, obwohl sich diese ihrer Verantwortung nicht stellen, auch nicht, nachdem Ruth K. sie mit den Vorfällen konfrontiert hat. Sie schweigen, beide, wollen sich nicht daran erinnern. «Ich kann das annehmen», sagt ihre Tochter, «und ihnen sogar vergeben, jetzt da ich mich selber der Wirklichkeit gegenüber geöffnet habe. Meine Eltern sind noch nicht so weit.» Ihren Vater gerichtlich zu belangen, wie das heute möglich ist, kommt für sie dennoch nicht infrage. «Nein, das habe ich mir nie überlegt», sagt sie. Den Kontakt zu ihm und auch zur Mutter hat sie aber auf ein Minimum reduziert.

Name von der Redaktion geändert