Obergericht
Missbrauch eigener Tochter: Mann muss für fünfeinhalb Jahre ins Zuchthaus

Das Obergericht verurteilte einen 63-jährigen Vater aus dem Niederamt zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus. Eine stationäre Massnahme wurde nicht angeordnet. Der Mann hatte seine Tochter innert fünf Jahren über 100 Mal missbraucht.

Adriana Gubler
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Fünfeinhalb Jahre Zuchthaus: Das Obergericht bestätigte das vorinstanzliche Urteil.

Fünfeinhalb Jahre Zuchthaus: Das Obergericht bestätigte das vorinstanzliche Urteil.

Oliver Menge

Die Frage in der Verhandlung am Mittwoch vor dem Obergericht lautete einzig: Welche Strafe ist für den 63-jährigen Vater, der sich innert fünf Jahren über 100-mal an seiner eigenen Tochter vergangen hat, angemessen?

Die Schuldfrage ist längst geklärt. In einem ersten Verhandlungsteil im Februar 2013 hatte das Obergericht um Hans-Peter Marti, Daniel Kiefer und Marianne Jeger den Angeklagten bereits schuldig gesprochen.

Was der Tochter widerfahren ist, erschüttert und schockiert: 1993 ist das Mädchen zum ersten Mal von seinem Vater zum Beischlaf gezwungen worden. Es zeigt ihn an. Der Vater gesteht - später wird er jedoch alles abstreiten - und wird zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Nach dieser erstmaligen Verurteilung kommt das Kind zurück in seine Familie - und die Übergriffe gehen weiter.

Fast bis zur Ohnmacht

Fünf Jahre lang setzt der heute 63-Jährige seine Tochter psychisch unter Druck und zwingt sie so zur Duldung des Beischlafs, zu Zungenküssen und Oralverkehr - manchmal zwei- bis dreimal wöchentlich, manchmal zwei- bis dreimal monatlich.

Das Mädchen muss bei den Vergewaltigungen massive Schmerzen ertragen, wird fast ohnmächtig. Sein Leid nimmt erst ein Ende, als es 15-jährig vom Elternhaus in einer Niederämter Gemeinde ausreisst. Bis heute leidet die junge Frau, die mittlerweile verheiratet ist und ein Kind hat, unter Angststörungen, Stimmungsschwankungen und anderen psychischen Folgen.

Grobe Fehler vonseiten der Behörden sind passiert - darüber sind sich Oberstaatsanwalt Martin Brodbeck und Verteidiger Rolf Liniger einig. «Bei dieser Geschichte zieht sich in meiner Magengegend alles zusammen.

Das Mädchen wurde dreifach im Stich gelassen: von seinem Vater, von seiner Mutter und von der Gesellschaft», so der Oberstaatsanwalt. Er zeigte sich aber überzeugt, dass so etwas heute nicht mehr vorkommen könne.

«Der Kindesschutz ist mittlerweile professioneller.» Verteidiger Liniger mutmasst: «Wäre das erstmalige Urteil anders ausgefallen und hätten die Behörden anders reagiert, hätte weiteres Unheil verhindert werden können.»

Gestern nun also sass der 63-Jährige, ein kleiner, hagerer Mann, wieder vor Gericht. Seit dem ersten Verhandlungsteil wurde ein psychiatrisches Gutachten über ihn erstellt. Es attestiert ihm unter anderem eine emotionale Verwahrlosung und eine komplexe Störung der Sexualität.

Der Angeklagte erlebte eine schwere Kindheit und wurde in einem Heim selber Opfer von gewaltsamem, sexuellem Missbrauch. Weiter heisst es im Gutachten, dass der Täter über ein reduziertes Leistungsvermögen, eine sehr geringe Intelligenz und eine eingeschränkte Lernfähigkeit verfügt. Weiter empfiehlt der Gutachter, dem 63-Jährigen nach der Entlassung aus der Haft den Umgang mit Kindern im Schutzalter strikt zu verbieten.

Seit 15 Jahren «saubere Weste»

«Aufgrund der Summe dieser Defizite ist der Angeklagte nur eingeschränkt in der Lage, die Situation seiner Mitmenschen richtig einzuschätzen und dementsprechend zu handeln», schloss Verteidiger Liniger in seinem Plädoyer aus dem Gutachten.

Das müsse sich strafmildernd auswirken, genauso wie die Tatsache, dass die Lebenssituation des Angeklagten so stabil wie nie zuvor sei. «Er hat sich in den vergangenen 15 Jahren auch nichts mehr zuschulden kommen lassen.» Rolf Liniger forderte eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten, davon 24 bedingt, bei einer Probezeit von drei Jahren.

Oberstaatsanwalt Hansjürg Brodbeck, der den krankheitshalber ausgefallenen Staatsanwalt Michael Leutwyler vertrat, ging von einem sehr schweren Tatverschulden aus. «Der Angeklagte hat sich seine eigene Tochter als Sexsklavin gehalten.»

Er plädierte dafür, das Urteil der Vorinstanz zu bestätigen: 2011 hatte das Amtsgericht Olten-Gösgen gegen den beschuldigten Vater eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verhängt.

Das Obergericht folgte dem Ankläger und bestätigte das Strafmass von fünfeinhalb Jahren. «Es gibt Milderungsgründe wie die leicht verminderte Schuldfähigkeit. Fünfeinhalb Jahre sind trotzdem nicht zu hoch», so die zuständige Gerichtsschreiberin.

Eine stationäre Massnahme ordnete das Obergericht nicht an - der Gutachter hatte davon abgeraten. Grund: das Aufarbeiten des Geschehenen würde die psychische Stabilität des Mannes ins Wanken bringen und das Rückfallrisiko erhöhen.

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