Psychische Gesundheit
Minderjährige Asylsuchende brauchen besonderen Schutz

An den Aktionstagen psychische Gesundheit beleuchteten ein Film und eine Podiumsdiskussion das Schicksal schwer traumatisierter Jugendlicher.

Ornella Miller
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Minderjährige Asylsuchende ziehen sich oft zurück. Symbolbild/tus

Minderjährige Asylsuchende ziehen sich oft zurück. Symbolbild/tus

Thomas Ulrich

Neben erwachsenen Asylsuchenden kommen auch viele junge, schwer traumatisierte Menschen in die Schweiz. Und das nicht erst sei gestern. Gemütlich in die Sessel des Kinos Rex in Grenchen gekuschelt erhielten rund 30 Interessierte Einblick in bewegende Schicksale.

Ein Film, der 2014 gedreht worden ist, führte vor Augen, wie unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) in den Kantonen Waadt und Aargau betreut werden, respektive damals betreut wurden. Während sie im Kanton Waadt schon immer gut versorgt worden sind, bot sich im Kanton Aargau ein anderes Bild: Statt einer ärztlichen Abklärung muss da schon mal eine Tablette genügen, um die jungen Menschen ruhigzustellen.

An den diesjährigen Aktionstagen Psychische Gesundheit ist auch die Flüchtlingsproblematik ein Thema. Zur Einführung einer Podiumsdiskussion wurde am Montagabend die Filmreportage des Westschweizer Fernsehens «15 ans, sans famille, cherche refuge en Suisse» gezeigt. Brigitte Althaus vom Aktionstage-Organisationskomitee erklärte: «Ich sah den Film an den Solothurner Filmtagen und war sehr betroffen.» Deswegen wollte sie das Thema zur Sprache bringen.

Solothurn macht es besser

Wie der Film deutlich macht, wurde auch die Schulbildung der jungen Asylsuchenden im Aargau vernachlässigt. Und selbst der Kleidung der Kinder und Jugendlichen wurde nicht immer die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Im Gesetz gibts dabei klare Vorschriften. Junge Asylsuchende haben Anspruch auf medizinische Versorgung, Schulbildung und einen Vormund. Statt eines Vormunds kümmerten sich im Nachbarkanton zwei Sozialarbeiter um knapp 80 unbegleitete minderjährige Asylsuchende.

Moderator Eric Send, Mediensprecher der Solothurner Spitäler AG (soH), wies darauf hin, dass sich seit 2014 einiges verbessert habe. «Macht man aber immer noch zu wenig?», fragte er die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion. Esther Rusterholz, Leiterin des Durchgangszentrums Selzach, fand: «Nein. Aber man muss kontinuierlich anpassen. Genug ist es wahrscheinlich nie.»

Ihr Zentrum beherberge rund 60 UMA zwischen 13 und 18 Jahren. Sie gehen fünfmal einen halben Tag zur Schule, ab 16 Jahren dann nur noch viermal. Franziska Roth, SP-Kantonsrätin und Heilpädagogin, bekräftigte, dass einiges getan worden sei. «Aber bloss neun Lektionen Schule mancherorts ist einfach zu wenig.» Jugendliche sollten schneller den Gemeinden zugewiesen werden, denn dort werde für die Schulbildung gesorgt.

Stefan Frey, Mediensprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, meinte, dass sich einiges verbessert habe, fand jedoch, dass der Film immer noch gewisse Gültigkeit aufweise. «Gerade im Bereich der Vor- und Anlehre ist viel geschehen.» Im Kanton Solothurn sei es besser als im Kanton Aargau. Es hänge nicht nur von einer einzelnen Person in den Ämtern ab, sondern vom ganzen politischen Umfeld. Dafür wählte er harte Worte: «Im Kanton Aargau haben wir eine unmögliche Situation, die von der SVP aber so gewollt ist.» Im Asylwesen herrsche ein Chaos, «das Resultat einer 25-jährigen Hexenjagd». Stefan Frey zeigte zudem Verständnis für sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge: «Armut ist gleichzusetzen mit Bürgerkrieg.»

Beschwerderecht gefordert

Moderator Eric Send schlug den Bogen zur psychischen Gesundheit. Und Christian Wittwer, Psychologe und Leiter einer Therapiegruppe für minderjährige Asylsuchende in der Region Emmental/Oberaargau, führte aus, dass sie unter Schlafstörungen, Albträumen, sozialem Rückzug und Selbstverletzungen litten, manche seien suizidgefährdet. «In Einzelgesprächen haben wir häufig Abbrüche, hingegen schätzen sie Gruppensitzungen, das wirkt verbindend.»

Sie erzählten nicht nur von der Meeresüberfahrt, sondern beispielsweise auch von der Flucht durch die sudanesische Wüste. «Manche verharrten tagelang in Baracken, ohne zu wissen, ob und wann es weitergeht. Eine Jugendliche musste eine verletzte Freundin zurücklassen, weil die Schlepper sie nicht mehr mitnehmen wollten.»

Send erkundigte sich, was man machen müsse. Man dürfe keine starren Grenzen setzen, meinte Roth. Vor allem sollte man den Asylsuchenden die Beendigung einer Ausbildung ermöglichen. «Das Geld dazu haben wir wirklich.» Auch Kontrollen bräuchte es. «Wir müssen das, was wir ratifiziert haben, etwa die Kinderrechtskonvention, durchsetzen.» Frey forderte ein Beschwerderecht für Organisationen, die sich für die Jugendlichen wehrten, analog des Verbandsbeschwerderechts im Umweltschutzbereich.