Projekt Co-Pilot
Migranten über ihre «Co-Pilotin»: «Wir nennen sie die strenge Mutter»

Freiwillige betreuen im Rahmen eines Projekts von Caritas ein Jahr lang Migrantinnen und Migranten. Nun haben sich Co-Piloten und Piloten zum Austausch getroffen.

Daniela Deck
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Co-Pilotin Bernadette Flück mit Alidad, 22, (links) und Sultan, 26, Afghanistan (Derendingen).

Co-Pilotin Bernadette Flück mit Alidad, 22, (links) und Sultan, 26, Afghanistan (Derendingen).

Hansjörg Sahli

Freude und Frust kennen alle, die als «Co-Piloten» im Rahmen des gleichnamigen kantonalen Caritas-Projekts einen Migranten oder eine Migrantin (die «Piloten») ein Jahr lang begleitet haben. Das freiwillige Engagement bereichert das Leben enorm und schafft eine Beziehung, die weitergeht, auch wenn der Vertrag nach einjähriger Zusammenarbeit nun beendet ist.

Darin sind alle einig, die sich in der Jugendherberge in der Stadt Solothurn zum Austausch getroffen haben. Dort haben die Co-Piloten und Piloten – Freiwillige und begleitete Migranten – unter der Leitung der Caritas nach ihrem Einsatz Bilanz zum Projekt gezogen.

So funktioniert das Projekt Co-Pilot

Unter der Leitung von Caritas Solothurn haben sich seit dem Projektstart 2016 über 100 Tandems Co-Pilot (Begleitperson) – Pilot (Migrant) zusammengefunden. Zwei bis vier Mal treffen diese sich pro Monat für rund zwei Stunden.

In der aktuellen Gruppe haben sich 22 Freiwillige (die meisten im berufstätigen Alter) um Einzelpersonen und Familien aus Eritrea, Afghanistan, Syrien und Tschetschenien gekümmert. Von den 20 Tandems beim Start haben 17 das Jahr erfolgreich abgeschlossen. (dd)

Zur Auswertung der Erfahrungen sind die Co-Piloten und die Piloten jeweils unter sich. Gefühle zeigen sich vor allem bei den Einheimischen: Triumph darüber, dass der Pilot eine reguläre Lehre antreten kann, Gelegenheit zum Schnuppern erhalten hat, sich von der Sozialhilfe ablösen kann, besser Deutsch spricht oder gar schreibt. Dazu auch die Kehrseite: Sorge über Termine, die der Schützling platzen lässt, Unpünktlichkeit, mit der Flüchtlinge eine potenzielle Arbeitsstelle aufs Spiel setzen. Hinzu kommt die Ohnmacht über einzelne ungeduldige oder überlastete Behördenvertreter, die Ausländer nicht ernst nehmen, bloss weil diese erst wenig Deutsch sprechen.

Annette Lüthi, Projektleiterin bei Caritas Solothurn, freut sich, wenn die Co-Piloten den Weg mit «ihren» Migranten auch nach dem Abschluss des Projektjahres privat weitergehen. Zu den Schwierigkeiten mit gewissen Behördenvertretern sagt sie: «Manchmal sind unsere Strukturen sehr schwierig. Das müssen wir halt akzeptieren.»

Migranten zurückhaltend

Zwei Stockwerke höher, im Saal, wo sich die Piloten treffen, geht es unter der Leitung von Isabelle Odermatt viel ruhiger zu. Hier ist nur ein Gefühl deutlich spürbar: Dankbarkeit. Ängste und Frust der Migranten bleiben hinter dem höflichen Lächeln verborgen, das auf jedem Gesicht zu sehen ist. Daran ist hauptsächlich die Sprachbarriere schuld.

Wer sich mit den Tandems Pilot–Co-Pilot einzeln unterhält, bekommt indessen schnell ein Bild mit interessanten Details. Drei Beispiele stellen wir hier mit den dazugehörigen Bilder vor.

Co-Pilotin Bernadette Flück mit Alidad, 22, (links) und Sultan, 26, Afghanistan (Derendingen).

Co-Pilotin Bernadette Flück mit Alidad, 22, (links) und Sultan, 26, Afghanistan (Derendingen).

Hansjörg Sahli

Begleitung in der WG – und bei Vorstellungsgesprächen

Bernadette Flück hat im Rahmen der Läufergruppe Derendingen schon vor Jahren mehrere junge Männer aus Afghanistan kennengelernt und ihnen geholfen, den Haushalt in der Flüchtings-WG zu bewältigen mit Kochen, Putzen und Einkaufen. Drei von ihnen hat sie als Co-Pilotin betreut, und auf privater Basis will sie den Kontakt weiterhin pflegen. Alidad und Sultan sind am Abschlussabend dabei. «Wir nennen sie ‹die strenge Mutter», erzählen die beiden. Ein respekt- und liebevoller Ehrentitel. Flück lacht. «Ich habe das Glück, dass diese jungen Männer eine gute Kinderstube hatten. Sie sind gewissenhaft, pünktlich und ich kann mich absolut darauf verlassen, dass sie ihr Wort halten, was längst nicht bei allen Migranten gegeben ist.»
Sie freut sich über das wachsende Selbstvertrauen ihrer Schützlinge. «Letzthin haben sie mich gebeten vor der Wohnung die Schuhe auszuziehen und gesagt: ‹Mama, wir haben dir Finken gekauft›.» Zudem staunt sie über die Initiative und Kreativität. «Sultan hat einen Garten angelegt und pflegt diesen mit Hingabe.» Er ergänzt: «Ich habe Tomaten gepflanzt und Blumen.» Alidad sagt: «Mama nimmt sogar Zeit unsere Whatsapp zu korrigieren. So lernen wir immer mehr Deutsch, auch schriftlich.»
Sie begleitet ihre Migranten und deren Freunde zu Vorstellungsgesprächen – was teilweise bereits von Erfolg gekrönt war. Höhepunkte gab es in diesem Jahr einige. Alidad und Sultan heben gemeinsame Wanderungen und ein Raclette-Essen hervor.

Birgit Heekenjann – Afghanische Familie mit drei Kindern (BIberist)     

Birgit Heekenjann – Afghanische Familie mit drei Kindern (BIberist)     

Hansjörg Sahli

Kontakt weiterhin pflegen

Dass Birgit Heekenjann allein zum Abschlussabend kommt, hat einen schönen Grund: Die Familie, die sie betreut, hat Zuwachs bekommen. Heekenjann war bei der Geburt dabei. «Ein grosser Vertrauensbeweis.» Eigentlich wollte sie ursprünglich bloss eine junge Frau betreuen. Doch «ihre» Familie habe ihr mehr gegeben, als sie mit Worten ausdrücken könne. Dabei muss sie zur Verständigung gelegentlich noch Gesten zu Hilfe nehmen. «Die Eltern sind Analphabeten. Ihre Deutschkurse sind die erste Schulbildung, die sie überhaupt erhalten.» Die älteren Kinder (10- und 6-jährig) helfen mit Übersetzen. In dieser Betreuung ging es vor allem um die Themen Schule und Alltagsbewältigung. Privat will Heekenjann den Kontakt zur Familie weiterhin pflegen.

Nebiat, 20, Eritrea (Zuchwil) – Monica Widmer (Solothurn)   

Nebiat, 20, Eritrea (Zuchwil) – Monica Widmer (Solothurn)   

Hansjörg Sahli

Nächstes Ziel: Vorlehre

«Monica ist für mich wie eine Mutter. Ich kann mit ihr über alles sprechen. Sie hilft mir Briefe schreiben für Arbeit», strahlt Nebiat. «Wir sehen uns jede Woche. Sie kommt auch manchmal zum Essen und kennt meine Freunde. Manchmal gehen wir spazieren.» Monica Widmer hat sich auf die körperliche Nähe der eritreischen Kultur eingestellt. Sie nimmt Nebiats Hand, wenn sie mit der jungen Frau spricht. «Ich konnte Nebiat eine Gelegenheit zum Schnuppern bei meiner Coiffeuse vermitteln.» Auch für sie ist Nebiat wie eine Tochter. Das Ziel der beiden: entweder eine Invol-Vorlehre im Service oder eine Vorlehre bei der Coiffeuse. Aus diesem Grund haben sie den Co-Pilot-Vertrag mit Caritas um ein weiteres Jahr verlängert.

Die nächste Informationsveranstaltung für interessierte Freiwillige findet am 4. Juni um 19 Uhr in der Jugendherberge Solothurn, Landhausquai 23, statt. Am 20. und 28. August folgt dann die Einführung in die neue Co-Pilot Gruppe.

Information und Anmeldung: www.caritas-solothurn.ch

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